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Historisches Gebäude in Glückstadt : Im Keller gibt’s noch Zellentüren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wechselhafte Geschichte: Früheres Zucht- und Tollhaus am Binnenhafen ist heute Wohnhaus – die Haftanstalt wurde 1927 aufgelöst.

Wie ein Schloss steht er da. Ein prächtiger weißer Bau direkt am Hafenbecken, mit kleinem Türmchen auf dem Dach. Oben auf der Treppe stehen Blumenkübel vor der schmucken türkis-blauen Haustür, grün umrahmte Fenster, im Eingangsbereich blau-weiße Kacheln an der Wand, die einen der Walfänger zeigen, die früher im Glückstädter Hafen festmachten: Das Gebäude am Rethövel 9 ist ein Schmuckstück.

Seine düstere Vergangenheit offenbart sich erst, wenn man die Treppen hinab steigt. Hinter den vielen Türen der langen Kellerflure, die heute als Abstellraum benutzt werden, befanden sich früher Gefängniszellen. Die Gitter vor den Fenstern sind nicht mehr da, doch die originalgetreuen Türen lassen die frühere Nutzung noch gut erahnen. Bis zu 600, in Spitzenzeiten sogar 800 Insassen verbüßten hinter den meterdicken Mauern ihre Strafen.

Im Innenhof drehten sie ihre Runden. Besonders eine Ecke erlangte Berühmtheit: der Hinrichtungsplatz. Dort wurde am 13. Mai 1868 der „Marschenmörder“ Timm Thode hingerichtet, der seine Eltern, seine fünf Geschwister und die Dienstmagd umgebracht und den Hof der Familie angezündet hatte. Um 6.30 Uhr wurde das Urteil vollstreckt: Enthauptung mittels des Beils. Diese bekannteste war zugleich die letzte Hinrichtung im Glückstädter Zucht- und Tollhaus.

Was den Besucher kurz erschaudern lässt, ist für die Mieter der 17 Wohneinheiten Alltag. „Viele der Bewohner schätzen es vor allem, in einem historischen Gebäude zu wohnen“, weiß Irene Kasten. Der älteste Bewohner, Rolf Appel, wohnt sogar schon seit über 50 Jahren dort.

Irene Kastens Mann Lars hat das Haus Mitte der 1990er Jahre vom Land gekauft. „Er ist gebürtiger Glückstädter, ihn verbindet mit den alten, denkmalgeschützten Häusern sehr viel“, sagt die 60-Jährige. „Historische Gebäude haben ihn schon immer fasziniert.“

Dieses Herzblut und die Liebe zur Geschichte der Heimatstadt braucht es auch, um sich einem solchen Gebäude zu widmen. „Es bedeutet viel Idealismus, so ein Haus zu unterhalten“, sagt Irene Kasten. „Wir müssen kontinuierlich sanieren.“

Nach und nach wurden die Wohnungen im Vierflügelbau auf den neuesten Stand gebracht. Weil das Haus unter Denkmalschutz steht, gibt es viele Auflagen: Es dürfen zum Beispiel nur Farben benutzt werden, die auch früher zum Einsatz kamen. „Sie sind auf Kalkbasis, das wäscht sich schnell aus und Rotalgen siedeln sich an“, erklärt die pensionierte Lehrerin. Viele Tage verbrachte sie mit ihrer Schwester damit, die vielen Fensterrahmen zu streichen. „Es ist auch nicht ganz einfach, die sauber zu halten.“ Die Satellitenschüssel auf dem Dach durfte einst nur installiert werden, weil zu dem Zeitpunkt zwei italienische Familien dort wohnten, die heimische TV-Sender sehen wollten. Die Instandhaltung des Hauses sei ein dauernder Kompromiss zwischen Denkmalschutz und Wohnkomfort, sagt Irene Kasten.

Als Wohngebäude war das spätere Zucht- und Tollhaus, auch bekannt als „früheres Frauengefängnis“, ursprünglich auch entstanden. Der Rethövel, die Insel zwischen Elbe und dem Rhin, galt einst als bevorzugtes Gebiet. „Es war absolut schick, auf dem Rethövel eine Wohnstätte zu haben“, erzählt Irene Kasten. Graf Christian Rantzau ließ sein Haus auf dem Rethövel errichten. Steine der abgetragenen alten Steinburg, die König Christian IV. dem Grafen geschenkt hatte, wurden für das Rantzau-Palais wieder verwendet.

Als sich die Stadt dem Problem des Bettlerunwesens widmen wollte, entstand an der Stelle schließlich von 1736 bis 1738 das Zuchthaus, das später mehrfach erweitert wurde. Es wurde durch Schenkungen und Spenden finanziert. Die Anstalt erlangte bald einen speziellen Ruf in ganz Schleswig-Holstein. „He hett in Glückstadt studeert“ sagte man über Menschen, von denen man wusste, dass sie in Glückstadt eingesessen hatten. In den ersten 20 Jahren waren nur Strafgefangene dort untergebracht, später auch Geisteskranke, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellten.

Das Haus war mit allem ausgestattet: Es gab unter anderem Arbeits- und Aufenthaltsräume, Krankenstuben und eine Kirche, aber auch Färberei, Schmiede und Wollkämmerei. Durch den Verkauf der hergestellten Wollwaren, Pferde- und Fußdecken, Strümpfe, Handschuhe und Mützen wurde Geld für den Unterhalt erwirtschaftet. In einem Turm mit Uhr hing die Arme-Sünder-Glocke, die bei Hinrichtungen erklang. Als Wohnstätten für die Zuchthaus-Vögte dienten die kleinen Reihenhäuser in der Neutorstraße.

1875 wurde das neue Gefängnis in Rendsburg fertig gestellt, danach wurden alle männlichen Inhaftierten dorthin gebracht, die Frauen kamen nach Niedersachsen. Die Strafanstalt am Rethövel wurde reines Frauengefängnis, 1927 wurde es schließlich aufgelöst.

Bei aller wechselvollen Geschichte hat der Bau doch stets allen Widrigkeiten getrotzt. Mehrere Sturmfluten, unter anderem die von 1756, als das Wasser bis zur ersten Etage stand, überdauerte es. „Es ist ein standhaftes Haus“, sagt Irene Kasten.

 

 

 

 

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erstellt am 12.Nov.2015 | 16:45 Uhr

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