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Notfallsanitäter aus Itzehoe im Mittelmeer-Einsatz : „Ich würde wieder rausfahren“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Drei Wochen lang rettete der Itzehoer Kai Anders ehrenamtlich an Bord der Sea-Watch2 im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot.

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2017 | 04:45 Uhr

Wo andere Menschen Urlaub machen, war Kai Anders (37) aus Itzehoe, Notfallsanitäter beim Rettungsdienst im Kreis Steinburg, für drei Wochen als „Medic“ (Sanitäter) auf der „Sea-Watch2“ tätig (wir berichteten). Nach seiner Rückkehr spricht er im Interview über seine Erfahrungen.

Herr Anders, Sie kommen gerade von der Rettungsmission auf dem Mittelmeer zurück. Wie kommt man überhaupt dazu, seinen Urlaub für die Rettung in Not geratener Menschen einzusetzen?

Kai Anders: Ich bin in Itzehoe in der Flüchtlingshilfe in Steinburg aktiv und habe über Kollegen im Rettungsdienst Kontakte zum Verein Sea-Watch geknüpft. Von einem Kollegen auf einem Seenotrettungskreuzer, der selbst bei Sea-Watch aktiv ist, kam dann ein Anruf. Er fragte, kannst du drei Wochen auf See arbeiten? Da habe ich gleich zugesagt und meine Dienste dafür getauscht. Im Prinzip habe ich ja nichts anderes gemacht, als hier auch – nämlich Menschen medizinisch zu versorgen. Nur unter etwas anderen Rahmenbedingungen.

Wie waren die Rahmenbedingungen?

Wir waren eine bunt zusammengewürfelte, internationale Crew von 16 Freiwilligen im Alter von 24 bis 56 Jahren aus sieben Nationen. Eine gute Mischung aus erfahrenen Seeleuten und unerfahrenen Landratten. Wir haben insgesamt 2000 Seemeilen zurückgelegt und in den drei Wochen über 4500 Menschen aus akuter Seenot gerettet. Ich war als „Medic“ an Bord zusammen mit der Ärztin für die medizinische Versorgung der Besatzung und der Geretteten zuständig. Es gab neben uns noch Elektriker, Maschinisten, Techniker, Schnellbootfahrer, einen Schiffskoch, Übersetzer, den 1. Offizier, einen „Head of Mission“ und natürlich einen Kapitän an Bord.

Wie sah so eine Rettung aus?

Eine Rettung war genau geplant und gut trainiert worden. Um niemanden zu gefährden, gab es bestimmte Herangehensweisen. In erster Linie galt es, die Bootsinsassen zu beruhigen um eine Panik zu vermeiden. Mittels Dolmetscher wurden Ansprechpartner auf dem Boot gesucht und ausgewählt. Dann konnte die Rettung möglichst ruhig und besonnen gestartet werden.

Woher kamen die Flüchtlingsboote?

Die Boote starteten an der Libyschen Küste, die Menschen stammten aber vor allem aus vielen verschiedenen afrikanischen Nationen. Aber auch syrische Flüchtlinge habe ich einmal gesprochen. Auf den Booten herrschten teils katastrophale Zustände. Wir haben ihnen erstmal Reis gekocht. Sobald alle eine Schwimmweste hatten, verteilten wir Rettungsdecken. Gepäck hatte keiner, nur das, was sie am Leib trugen, meistens nicht einmal Schuhe. Einmal fanden wir ein kleines Baby von etwa drei Monaten, dessen Mutter mit einem anderen Schnellboot zu uns aufs Schiff kam. Als sie ihr Kind wieder hatte, war sie so glücklich und dankbar, dass sie sagte, ihr eigenes Schicksal sei ihr egal gewesen, Hauptsache ihr Baby sei am Leben. So etwas erschüttert einen dann schon.

Sind Sie mit den Menchen ins Gespräch gekommen?

Ich habe mich mit einigen unterhalten, das waren schon erschütternde Schicksale. Einige kamen aus einem Arbeitslager, in dem sie schuften mussten, aber keinen Lohn erhielten, andere sind auf dem Weg nach Libyen mit Stöcken geschlagen worden. Einer hatte ein gebrochenes Handgelenk. Viele hatten alte Narben und Wunden von ihrem Weg nach Libyen. Die Flucht galt ihnen als letzter Ausweg, sie haben viel dafür bezahlt. Allen war bewusst, in welche Gefahr sie sich begeben würden, wählten aber dennoch diesen oft tödlichen Weg.

Gab es eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern oder Organisationen?

Im Einsatzgebiet retten zusammen mit der Sea-Watch2 noch einige andere Schiffe von weiteren Hilfsorganisationen, die sich gegenseitig unterstützen. Die Zusammenarbeit ist professionell und freundschaftlich. Da durch das SAR-Gebiet auch einige Kriegsschiffe kreuzen, kam es vor, dass uns ein britisches Marineschiff nach mehrmaligen Bitten half und Menschen aufnahm. Außerdem unterstützt uns die italienische Küstenwache, indem sie uns die Geretteten abnimmt und nach Italien transportiert. Wir haben nur aus Seenot gerettet, der Weitertransport geschah durch die Italiener.

Wie hält drei Wochen mit so viel Leid und Elend aus?

Es waren teilweise extreme Erfahrungen, die einem aber die Augen öffnen. Doch die Reise hatte ja auch angenehme Seiten. Auf See haben wir bei schönstem Wetter vor einem klassischen Sonnenuntergang direkt vor uns immer wieder Delfine und einmal sogar einen seltenen Mondfisch gesehen. Wir haben zusammen auf dem vorderen Deck draußen gesessen und unser Mittag in der Sonne gegessen. Das konnte man dann einen kurzen Moment lang genießen. Innerhalb der Crew achtete man aufeinander, der Zusammenhalt war enorm.

Wie ist ihr persönliches Fazit?

Es ist etwas Besonderes, hautnah zu erleben, was sonst nur am Rande in den Nachrichten berichtet wird. Europas Grenze im Mittelmeer ist ein Ort des Leids und vieler Toter. Mein Dank geht an die beste Crew, die man sich vorstellen kann. Über die Erlebnisse hinaus werden viele Freundschaften bestehen bleiben. Ich werde mein Leben lang nicht vergessen, was ich in dieser Zeit erleben durfte und musste. Neben dem Retten aus Seenot und einer klasse Crew hat mich die Seefahrt an sich begeistert. Nicht nur ich würde gerne wieder rausfahren. Ich hoffe, dass ich mit meiner Crew bald wieder zusammenarbeiten kann.

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