„Ich wünschte, ich wäre ’ne Fledermaus“

Sie verfolgen die Fertigstellung des Beidenflether Windparks mit Sorge, Enttäuschung – und auch ein bisschen Verbitterung: (v.li.) Juliane Klingelhöfer, Elke Gastell, Markus Hackenberg und Stephan Klose.
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Sie verfolgen die Fertigstellung des Beidenflether Windparks mit Sorge, Enttäuschung – und auch ein bisschen Verbitterung: (v.li.) Juliane Klingelhöfer, Elke Gastell, Markus Hackenberg und Stephan Klose.

Wie Anwohner den Bau des Windparks Beidenfleth erleben: „Es müssen ja nicht immer gleich solche Monsteranlagen sein“

shz.de von
10. Juli 2015, 18:02 Uhr

Der Garten von Juliane Klingelhöfer ist wie eine kleine Parklandschaft. Weitläufige Grünflächen, überall kleine schattige Ecken zum Entspannen. Eine von den vielen Oasen wie sie eigentlich nur ein Resthof in der Marsch bieten kann. Als die Klingelhöfers vor langer Zeit aus Hamburg an den Riep nach Beidenfleth zogen, war die Welt dort noch fast in Ordnung. „Alle im Dorf waren miteinander gut vernetzt“, erinnert sich Juliane Klingelhöfer, die sich einst sogar selbst einmal acht Jahre lang in der Gemeindevertretung engagierte. Und heute  ? „Man hat das Gefühl, man wird nur noch geduldet. Und wenn man den Mund aufmacht, wird man beschimpft.“

Was den aus ihrer Sicht gravierenden Stimmungswandel ausgelöst hat, wächst derzeit fast vor ihrer Haustür. Dort baut die Windpark Beidenfleth Verwaltungs-GmbH fünf Windkraftanlagen mit einer Nabenhöhe von knapp 100 Metern. Wenn die Windräder laufen, könnten sie 10  000 Haushalte mit Strom versorgen. Rund 25 Millionen Euro steckt ein gutes Dutzend Landeigentümer und Investoren – allesamt aus der Region – in das Projekt. Nur die davon betroffenen Anlieger hat keiner gefragt.

„Wir wollen die Energiewende, so wie jeder andere auch im Land“, macht Stephan Klose klar, dass niemand gegen erneuerbare Energie sei. Nur: „Es muss halt auch mit der Bevölkerung funktionieren.“ In Beidenfleth hatte das Projekt eingeschlagen wie eine Bombe, was eine Ursache für den beschädigten Dorffrieden ist. Klose: „Für Informationen mussten wir erst eine Einwohnerversammlung erzwingen, da war es aber schon zu spät.“ Inzwischen hat das Beidenflether Vorgehen fast schon abschreckende Wirkung. So versicherte man jüngst bei einer Diskussion über Windenergie in Ecklak, dass man auf keinen Fall „Beidenflether Verhältnisse“ wolle. Da kann Markus Hackenberg nur beipflichten: „Man muss wenigstens so rechtzeitig informiert werden, dass man noch eine Chance hat.“ Hackenberg ist vor zehn Jahren von Hamburg-Schnelsen in die Einsamkeit der Marsch gezogen – der Ruhe wegen. Damit ist es vorbei. 400 Meter von seinem Anwesen entfernt dreht sich unaufhörlich ein bereits in Betrieb befindliches Windrad. „Das ist, als würde ständig ein Flugzeug über meinem Haus kreisen“, beschreibt er der Lage. Auch ein Gewöhnungseffekt will sich partout nicht einstellen. „Ich schaffe es einfach nicht, mich nicht darüber zu ärgern.“

Wie Hackenberg fordert auch Elke Gastell aus Klein Wisch eine Messstation, um den Geräuschpegel feststellen zu können. „Es kann doch nicht sein, dass wir als Anlieger da in der Beweispflicht sind.“ Und wenn sich die gemessenen Werte als korrekt ihm Rahmen der gesetzlichen Vorschriften herausstellen  ? „Dann sind sie eben unzumutbar“, findet Hackenberg.

Das Quartett im Garten von Juliane Klingelhöfer steht übrigens nicht allein da. Die Adressen von gut 50 Menschen aus der Umgebung stehen im Verteiler der „Aktion Weitblick“. Weitere 25 machten bei Aktionen zwar nicht mit, ließen sich aber regelmäßig informieren. Auffällig ist: Obwohl vor ihren Häusern gerade der größte und höchste Windpark in der Marsch entsteht und auch die Vorgeschichte für sie nicht gerade erfreulich gelaufen ist, kommt den Vieren eigentlich kein wirklich böses Wort über die Lippen. Im Gegenteil: Stephan Klose bringt Verständnis für die Landwirte auf, die sich in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten eben ein anderes Standbein suchen müssten. Und auch die lärmgeplagte Elke Gastell versichert: „Die Gewinne seien ihnen ja gegönnt. Aber nicht auf Kosten der Anwohner.“ Immer wieder klingt in der Runde aber Enttäuschung, ja Verbitterung darüber durch, wie man im Dorf miteinander umgegangen ist. „Bis heute hat niemand über das Projekt mit mir gesprochen“, sagt Juliane Klingelhöfer. Nachdem einst die Städter aufs Land gezogen sind, befürchtet sie nun, dass durch immer mehr Windkraftanlagen eine Art Landflucht ausgelöst werden könnte. Auch Stephan Klose warnt: „Das ist erst der Anfang. Überall stehen die Bauern doch in den Startlöchern.“ Mahnend hebt er den Finger: „Landbesitz heißt ja nicht gleichzeitig auch Landschaftsbesitz.“ Klose ist überzeugt davon, dass die Nutzung erneuerbarer Energie auch im Einklang mit der ansässigen Bevölkerung realisiert werden kann. „Es müssen ja nicht immer gleich solche Monsteranlagen gebaut werden.“ Am Beidenflether Windpark sei jetzt zwar nicht mehr zu rütteln. Stephan Klose warnt aber dennoch davor, die Hände in den Schoß zu legen nach dem Motto, „die Wilstermarsch sei ohnehin nicht mehr zu retten“. Alle vier Sprecher machen sich denn auch bei allen künftigen Windkraftplänen in der Region dafür stark, die Bevölkerung einzubinden und mitzunehmen. Klose: „Die Lasten der Energiewende müssen auch ordentlich verteilt sein.“ Elke Gastell vermag derzeit allerdings kein wirkliches System hinter der Auswahl der Windkraft-Standorte zu erkennen. „Da gibt es eine völlige Planlosigkeit – so ein bisschen wie in der Schulpolitik“, fügt sie mit einem Seitenhieb auf die Landesregierung hinzu. Für Stephan Klose ist die Energiepolitik ohnehin reichlich verfehlt. Er hält kleine, dezentrale Lösungen für sehr viel sinnvoller. „Man könnte da in den Dörfern viele kleine Dinge gut machen – und friedlich.“ Dann schauen alle vier wieder in Richtung Großbaustelle, wo die Windräder Stück für Stück wachsen. Stephan Klose atmet tief durch: „Manchmal wünschte ich, ich wäre ’ne Fledermaus. Dann würde sich jemand um mich kümmern.“

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