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Frauenhaus : „Ich möchte einfach nur eine Wohnung“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach einem Aufenthalt im Frauenhaus ist es für Frauen sehr schwer, eine eigene Bleibe zu finden – eine Betroffene berichtet

Dass Anna S.* schreckliche Erfahrungen gemacht hat, merkt man der jungen Frau nicht an. Offen und fröhlich berichtet die 22-Jährige über ihre Pläne, ab August eine Schule zu besuchen und ihren Abschluss nachzuholen. Und dann möchte sie beruflich durchstarten, sich eventuell selbstständig machen im Kosmetikbereich. „Ich bin jung, ich kann etwas aus meinem Leben machen“, sagt sie. Diese Zuversicht musste sich die junge Frau erst mühsam erwerben.

Mit nichts als der Kleidung, die sie am Leib trug, flüchtete S. vor einiger Zeit in einer deutschen Großstadt aus ihrem bisherigen Leben. Genauer gesagt flüchtete sie vor der Gewalt, die sie durch ihren damaligen Lebensgefährten erfuhr. In ihrem bisherigen Umfeld konnte S. nicht bleiben – zu groß die Gefahr, dem Täter wieder über den Weg zu laufen. Durch Vermittlung kam sie ins Autonome Frauenhaus in Itzehoe und erfuhr dort Hilfe und Unterstützung. Sehr dankbar sei sie dafür, sagt S. Nun würde sie aber gern aus dem Frauenhaus ausziehen. Das Problem: Seit Monaten findet S. keine Wohnung.

Die Wohnsituation im Frauenhaus sei auf Dauer sehr belastend, berichtet die junge Frau. Es gibt keine Einzelzimmer und damit keine Privatsphäre. Immer wieder müsse sie sich an neue Zimmergenossinen gewöhnen. Viele Kinder seien im Haus und damit auch immer viel Unruhe. Auch Streit zwischen den Bewohnerinnen sei keine Seltenheit. „Wo so viele unterschiedliche Frauen auf engem Raum zusammenleben, ist das kein Wunder“, sagt S. „Ich habe im Frauenhaus liebe Menschen kennen gelernt, aber manchmal wäre ich auch einfach gern allein.“ Im Moment weiß sie nicht mal, wo sie in Ruhe lernen soll, wenn sie ab August die Schule besucht. Ihr Schicksal ist kein Einzelfall, sagt Heike Siemssen-Bielenberg vom Frauenhaus Itzehoe. Die Verweildauern im Frauenhaus hat sich in den letzten Jahren immer weiter erhöht – ein landesweites Problem (wir berichteten). „Wir sind eine Einrichtung der Nothilfe und Krisenintervention“, sagt Siemssen-Bielenberg. Dies könne das Frauenhaus nicht leisten, wenn alle 18 Plätze langfristig belegt sind, weil Frauen, die ausziehen könnten, keine Wohnungen finden.

Zwei Gründe halten die Mitarbeiterinnen für verantwortlich für die Misere: Zum einen sei der soziale Wohnungsbau über viele Jahre vernachlässigt worden. Günstige Wohnungen seien grundsätzlich knapp. Verschärft wird dies dadurch, dass die Mietsätze von Jobcenter und Sozialämtern nicht mit den steigenden Mieten Schritt halten. „Manchmal scheitert es nur an wenigen Euros“, sagt Siemssen-Bielenberg. Und auf die Hilfe der Behörden seien fast alle Opfer von häuslicher Gewalt angewiesen, wenn sie den Sprung in ein neues Leben in einer anderen Stadt wagen.

„Zum anderen haben wir den Eindruck, dass die Frauen aus unserem Haus es bei Vermietern besonders schwer haben.“ Vorurteile würden eine Rolle spielen. „Einige erfüllen offenbar gleich mehrere Kriterien: Alleinerziehend, Migrationshintergrund und dann noch die Angst vor einem möglicherweise gewalttätigen Ex-Partner, der bei der Wohnung auftauchen könnte.“

Anna S. entspricht eigentlich nicht diesen Klischees. Sie ist Deutsche und alleinstehend. Doch auch sie hat das Gefühl, mit Vorurteilen zu kämpfen. „Ich kann nicht verstehen, woran das liegt“, sagt die junge Frau. „Vielleicht schreckt mein Kopftuch die Leute ab.“ S. ist zum Islam konvertiert. Auch nach monatelanger Suche hat sie erst eine kleine Wohnung besichtigt. „Als ich die dann nehmen wollte, hieß es plötzlich, sie sei schon vergeben.“ Wenig später erfuhr S. zufällig, dass der vermeintliche neue Mieter die Räume noch nicht mal besichtigt hatte. In anderen Fällen wurde sie gar nicht erst eingeladen. „Ich finde es schade, dass ich da so ausgebremst werde. Ich möchte doch einfach nur eine Wohnung.“

Ein neues Programm des Landes soll ab August Frauen aus Frauenhäusern bei der Wohnungssuche helfen und die Mitarbeiterinnen vor Ort entlasten, berichtet Siemssen-Bielenberg. 1,4 Millionen Euro stünden dafür landesweit befristet auf drei Jahre zur Verfügung, ein Träger werde noch gesucht. Sie appelliert aber auch an Vermieter, den Frauen eine Chance auf einen Neustart zu geben – und damit anderen Betroffenen in Notsituationen einen Platz im Frauenhaus zu sichern.

* Name von der Redaktion geändert

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erstellt am 19.Jun.2017 | 05:26 Uhr

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