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Itzehoer Liedertafel : „Ich könnte ganze Bücher schreiben“

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Seit Jahrzehnten pflegt Theodor Kröger das Archiv der Itzehoer Liedertafel und bewahrt damit die Erinnerung an eine wechselvolle Geschichte.

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erstellt am 18.Okt.2017 | 14:30 Uhr

Faktensammlungen in 25 Aktenordnern, historisch wertvolle Notenblätter, Zeitungsausschnitte, Jubiläumsschriften, alte Bücher, Protokolle und Fotografien – dazu ein Trinkgefäß aus afrikanischem Büffelhorn. Die Regale im Archiv von Kürschnermeister Theodor Kröger (90) biegen sich unter den Relikten der 176-jährigen Geschichte der Itzehoer Liedertafel von 1841 „Die Steinburger“. „Ich könnte ganze Bücher schreiben“, sagt der Archivar und Sänger, dessen Urgroßvater, Kürschner Heinrich Kröger, bereits 1856 Mitglied des Männerchores war, der zu den ältesten Gesangvereinen in Schleswig-Holstein zählt.

Theodor Kröger geht davon aus, dass die Itzehoer Liedertafel womöglich das größte Chorarchiv im Land beherbergt. „Das Archiv spiegelt die komplette Geschichte eines Gesangvereins durch die Epochen wider, mit allen Schwächen und Stärken der Vereinsführung und Dirigenten.“ In den vierteljährlich erscheinenden Schriften „Singendes Schleswig-Holstein“ des Sängerbundes Schleswig-Holstein finden sich zahlreiche Beiträge des Itzehoer Archivars, die nicht nur Chorhistorie, sondern über die Grenzen der Störstadt hinaus auch nationale und internationale Zeitgeschichte berühren. Gemeinsam mit dem Itzehoer Historiker Jörg Benz (1921-2015) verfasste Theodor Kröger das 250 Seiten umfassende Jubiläumsbuch „150 Jahre Itzehoer Liedertafel 1841 – 1991, eine Wanderung zwischen Kultur und Politik“.


Im 19. Jahrhundert waren Chöre politisch


Wie sehr die Gründung von Männergesangvereinen im 19. Jahrhundert gekoppelt war an die politischen Verhältnisse in Schleswig-Holstein und Dänemark und beeinflusst wurde von Begegnungen mit anderen Chören auf deutschen Sängerfesten, haben die Autoren ebenso beschrieben wie die Reglementierung der Chöre durch die Nationalsozialisten. Theodor Kröger bedauert, dass in vielen Chroniken die Jahre des Dritten Reiches ausgeklammert oder nur oberflächlich behandelt sind. Die mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei kein gutes Beispiel für kommende Generationen: „Wenn ich eine Chronik aufschlage, sehe ich mir immer die Zeit von 1933 bis 1945 an. Erst dann kann ich eine Chronik beurteilen.“ Der Archivar der Itzehoer Liedertafel unterstützte Jörg Benz ebenfalls mit Dokumenten aus seiner Sammlung bei der Herausgabe der lesenswerten Broschüre „Die Reise der schleswig-holsteinischen Sänger zum 1. Allgemeinen Deutschen Sängerfest 1845 nach Würzburg“.

Das Lied „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ hat nach Berichten von Zeitzeugen dazu geführt, dass sich die Sänger aus den unterschiedlichsten Regionen solidarisch mit den Verfechtern der Unabhängigkeit von der dänischen Krone erklärten und sich gegenseitig das „Du“ anboten. Die Schleswig-Holsteiner kehrten nach mehrtägiger Reise in ihre Heimat zurück. „Hier hatte inzwischen der dänische König das Kanzleipatent vom August erlassen, mit dem das Zeigen von drei- und mehrfarbigen Fahnen verboten wurde. Auch das Singen politisch gefärbter Lieder war verboten“, heißt es in einem Beitrag von Kröger im Verbandsorgan „Singendes Schleswig-Holstein“. Die freundschaftliche Anrede unter Sängern hat bis heute Bestand.

Das Sängermuseum in Feuchtwangen, Stiftung Dokumentations- und Forschungs-Zentrum des Deutschen Chorwesens, erfreut sich einer Rarität aus Itzehoe: Als Kürschnermeister geschickt im Umgang mit Nadel und Faden, fertigte der Archivar eine Puppengruppe an, die die schleswig-holsteinischen Sänger von 1845 einschließlich ihrer Fahne darstellt, die meisten Figuren in Frack und Zylinder.

Theodor Kröger recherchierte in Archiven und Museen, studierte alte Protokolle und Abbildungen. So entdeckte er die Liedertafel auf einem Druck vom Juni 1842, der anlässlich des damaligen Sängerfestes in Glückstadt erschienen war. Sein Anhaltspunkt bei der Betrachtung der aufgereihten Chöre: Die Liedertafel hatte nachweislich so kurz nach ihrer Gründung noch kein großes Banner und trat als einziger Chor mit einer kleinen Fahne auf. Das imposante Sängerfest erregte damals einiges Aufsehen in Schleswig-Holstein. Theodor Kröger hat darüber ebenfalls eine bemerkenswerte Abhandlung geschrieben, die er Glückstadt anlässlich des 400-jährigen Bestehens der Stadt überließ.


Faksimile-Herstellung mit Tee und Bügeleisen


Ein für die schleswig-holsteinische Chorgeschichte bedeutendes Ergebnis akribischer Recherche war ein Notenfund nach 150 Jahren: In der Universitätsbibliothek Bamberg lagerte die 1848 herausgegebene Volksliedersammlung „Germania – Ein Freiheitsliederkranz für deutsche Sänger aller Stände“. Im Anhang fanden sich 35 verloren geglaubte Lieder für Schleswig-Holstein. Theodor Kröger kam auf die Spur des verschollenen Liedguts, fertigte Kopien an, gab den Blättern mit Teetränkung und Bügeleisenbehandlung ein historisches Aussehen und überließ eine so hergestellte Faksimile-Ausgabe der Sammlung der Landesbibliothek Schleswig-Holstein.

Im Archiv der Itzehoer Liedertafel befindet sich neben den Aktenordnern und Büchern ein außergewöhnliches Relikt aus der Chorgeschichte - ein großes, kunstvoll bearbeitetes Trinkgefäß aus afrikanischem Kaffernbüffelhorn. 1865, beim ersten deutschen Sängerbundfest in Dresden, erhielten die Sänger aus der Störstadt dieses Horn mit der Gravur „Der Itzehoer Liedertafel gewidmet von C. Höffner, Dresden“. Es steht heute bei besonderen Veranstaltungen auf dem Vorstandstisch.

Theodor Kröger ist Ehrenmitglied der Itzehoer Liedertafel von 1841 „Die Steinburger“. Er wurde in Itzehoe geboren, besuchte die Kaiser-Karl-Schule und wurde wie seine Vorväter Kürschnermeister. Aktiver Sänger ist er seit 69 Jahren. „Ich bin der älteste Sänger in Itzehoe. Es gibt nur ganz wenige, die die 70 Jahre erreichen.“ Seine Archivarbeit versteht Theodor Kröger auch als Beitrag zur Itzehoer Stadtgeschichte. Er schmunzelt: „Archivar werde ich weiter bleiben – bis zu meinem Tod.“

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