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Französin in Itzehoe : „Ich habe immer noch Angst“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eine Woche nach den Terroranschlägen von Paris erzählt eine Französin in Itzehoe, warum sie überlegt auszuwandern.

shz.de von
erstellt am 19.Nov.2015 | 18:30 Uhr

Die Tränen kamen sofort, als sie die Nachricht bekam. „Ich stand unter Schock und bin in Panik geraten“, sagt Alice Guiffard. Die 21-jährige Französin, die gerade als Fremdsprachenassistentin an der Gemeinschaftsschule am Lehmwohld arbeitet, saß vor genau einer Woche mit einer Kollegin gemütlich am Abend zusammen, als sie erfuhr, dass Terroristen mitten in der französischen Hauptstadt mehrere Anschläge verübt hatten. „Ich habe Verwandte und Freunde, die in Paris leben. Zum Glück habe ich relativ schnell erfahren können, dass sie alle leben“, sagt Alice Guiffard. Die halbe Nacht surfte die junge Frau, die aus der Normandie kommt, im Internet. „Und ich habe immer wieder weinen müssen.“

Auch eine Woche nach den Anschlägen hat Alice Guiffard den Schock noch nicht überwunden. Sie spricht schnell, in perfektem Deutsch mit einem typischen französischen Akzent. Sie lacht viel, als wolle sie das grausame Geschehen weglachen. Doch dass das nicht geht, weiß sie auch. „Wir müssen damit leben lernen, dass es immer und überall Anschläge geben kann.“ Heute kommt ihr Freund aus der Normandie zu Besuch nach Deutschland. „Er muss über Paris fahren – natürlich habe ich da immer noch Angst“, sagt die Studentin. Und trotzdem will sie sich nicht vor den Terroristen verkriechen.

Was genau der 13. November für die Gesellschaft bedeutet, das hat die Französin erst einen Tag nach den Anschlägen verstanden. „Viele Franzosen denken, dass die Terroristen unsere Lebensart angreifen wollen, aber ich glaube, dass sie wissen, dass Frankreich ein Problem mit der Toleranz hat und das ausnutzen wollen. Sie wissen, dass sich viele Muslime an den Rand gedrängt fühlen, und hoffen, dass der Staat das in Folge der Anschläge noch weiter tut, damit sich mehr Muslime radikalisieren und Frankreich innenpolitisch auseinander bricht.“ Die junge Französin fürchtet einen Rechtsruck in ihrer Heimat. „2017 sind Präsidentschaftswahlen. Wenn dort die Kandidatin des Front National, Marine le Pen, gewinnt, dann wandere ich aus.“ Und auch bei einem bürgerlichen Präsidenten wie Nicolas Sarkozy fürchtet sie um ihre Heimat. „Das wäre für mich kein großer Unterschied.“ Falls sie wirklich Frankreich für immer verlassen sollte, hat sie ein klares Ziel: Deutschland. „Die Menschen hier nehmen die Anschläge wahr, als seien sie in ihrem eigenen Land passiert.“ Das merkt Alice Guiffard auch in der Gemeinschaftsschule am Lehmwohld. „Alle Kollegen und viele Schüler haben mich darauf angesprochen und gefragt, wie es mir und meiner Familie geht.“ Im Unterricht hat die Französin das Thema bewusst nicht angeschnitten. „Ich wollte erst wissen, ob es die Schüler wirklich interessiert.“ Alice Guiffard sieht sich nicht als Lehrerin. „Ich will den Schülern den Spaß an Frankreich, an der Sprache und der Kultur vermitteln.“

Seit Oktober ist sie an der Itzehoer Schule, wohnt allerdings in Hamburg. „Ich wollte in eine große Stadt, auch weil ich nebenbei noch Seminare an der Universität besuche.“ Bis Mai wird sie aber an drei Tagen in der Woche an der Gemeinschaftsschule in Itzehoe sein. „Alle sind nett, haben mich super aufgenommen.“ Eines aber vermisst die junge Frau aus ihrer Heimat: „Wenn ich das Essen in Deutschland sehe, weiß ich, dass ich eine Französin bin.“

Alice Guiffard lacht erneut über ihren Satz – und wird dann doch wieder ernst. Zu Weihnachten wird sie über Paris in die Normandie reisen, um ihre Familie zu besuchen. Vermutlich mit dem Fernbus.

Die Angst fährt mit.

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