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Wirtschaftsförderung : „Ich glaube an eine stetige Weiterentwicklung“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach 35 Jahren geht der Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Brunsbüttel in den Ruhestand . Dr. Hans-Jürgen Hett zieht im Interview eine persönliche Bilanz – und wagt einen Ausblick auf die künftige Entwicklung.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2013 | 16:30 Uhr

Er ist das Gesicht der egeb: 35 Jahre lang war Dr. Hans-Jürgen Hett Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Brunsbüttel. Sein Name ist untrennbar mit der Wirtschaftsförderung nicht nur für Schleswig-Holsteins größtes Industriegebiet, sondern auch für die Kreise Steinburg und Dithmarschen verbunden. Ende des Jahres geht der in Hamburg geborene Jurist, der nach seinem Studium in Göttingen auf Empfehlung seines Doktorvaters nach Brunsbüttel wechselte, in den Ruhestand. Die Empfehlung nach Brunsbüttel hatte Dr. Hett seinerzeit mündlich bekommen. Mit einem Schmunzeln erzählt er, dass er die damalige Stellenanzeige erst vor wenigen Wochen zum ersten Male gesehen habe. Darin sei seinerzeit von einer „vorübergehenden Aufgabe“ die Rde gewesen. Am Ende einer langen Karriere im Dienste der Region an der Unterelbe zieht der 66-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung nun Bilanz – und er wagt einen Ausblick.

 

Als Sie vor 35 Jahren die Geschäftsführung der egeb übernommen haben: Haben Sie sich damals auf eine Lebensstellung eingerichtet?

Eher nicht. Damals sollte die Gesellschaft nach zwei oder drei Jahren wieder ihren Dienst einstellen. Der Charme für mich als junger Mensch war: Da kannst du schnell Geschäftsführer werden und dann wieder weg. Brunsbüttel war damals nicht mein Traumziel.

 

Das Industriegebiet Brunsbüttel sollte aus dem Nichts heraus geschaffen werden. Was haben Sie bei Ihrem Arbeitsantritt vorgefunden?
Mit dem Wirtschaftsraum Brunsbüttel wollte man eine Strukturveränderung an der Westküste einleiten. Wir hatten zwei große Ansiedlungen: Bayer und Veba mit insgesamt 720 Hektar Fläche. Die Idee war, um diesen Kern würden sich viele weitere Unternehmen ansiedeln. Für die Entwicklung eines Industriegebiets gab es keine Erfahrungen, das hatte man bis dahin noch nie gemacht.

 

Hinzu kam, dass der Standort von der wirtschaftlichen Entwicklung überholt wurde.

Ja, es ist nichts so eingetreten, wie man sich das damals vorgestellt hatte. Die Auswirkungen der Aufgabe des festen Wechselkurses zwischen D-Mark und US-Dollar 1971 machte die Prognosen für das Industriegebiet zunichte, die Unternehmen mussten plötzlich rationalisieren. Und dann kamen die Ölkrisen. 1973 wollte die Veba eine Raffinerie in Brunsbüttel bauen, am 23. Februar dieses Jahres war der erste autofreie Sonntag, 1985 schloss dann die Schelde-Chemie mit 700 Mitarbeitern von heute auf morgen. Eine Milliarde war zuvor investiert worden. Das war ein herber Rückschlag.

Industrieansiedlung war aber nur eine von mehreren Aufgaben?
Die Umsiedlung des Ortes Büttel hat uns Anfang der 80er Jahre beschäftigt. Das waren 120 Häuser – städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen waren hier die Aufgabe. Der Kreis Steinburg hatte damals noch ein Amt für Wirtschaft.

Mit 4000 Arbeitsplätzen ist das größte zusammenhängende Industriegebiet des Landes ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Das heutige Werk von Total Bitumen besteht 2014 seit 100 Jahren und plant Millionen-Investitionen. Die Sasol investiert ebenfalls gewaltige Summen – und Bayer verschiebt marktbedingt eine enorme Investition. Lanxess wird sogar mit Verkaufsgerüchten in Zusammenhang gebracht. Wie sicher ist der Industriestandort?

Wenn wir eins gelernt haben: Es geht nie geradlinig. Das zeigt auch Prinovis in Itzehoe. Durch die Globalisierung sind die Entscheidungszyklen in Unternehmen kürzer geworden, manchmal nur ein halbes Jahr und nicht mehr fünf Jahre. Trotzdem glaube ich, dass wir auch Rückschläge verkraften können. Jedes Jahr werden beispielsweise in Brunsbüttel Millionenbeträge in den Unternehmen investiert.

 

Es klang zu schön, um wahr zu sein, als BMW das Brunsbütteler Industriegebiet für einen Standort ins Gespräch brachte. Trauern Sie dem nach?
Es gab schon viele populäre Interessenten für das Industriegebiet. Aber man muss realistisch sein. Und mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze flossen viele Investitionen in die neuen Länder.

 

Wer liebäugelt denn noch mit dem Industriegebiet?
Das ist unsere vornehmlichste Aufgabe: Man redet nicht über Investoren.

Wer in den ChemCoast Park zieht, bricht seine Zelte woanders ab. Wie schwierig ist es, neue Unternehmen anzulocken?

Der Markt ist relativ schmal. Es gibt deutschlandweit 2000 Neuansiedlungen – davon sind 80 Prozent eine Ortsverlegung. Deshalb ist unser großes Thema die Unterelberegion. Denn einiges spricht dafür, dass Produktionsunternehmen die Nähe zum Wasser suchen. Als Wirtschaftsstandort Unterelbe haben wir bessere Chancen bei der Vermarktung. Es geht auch darum, die vorhandenen Strukturen zu stärken. Es ist ein Hobby von mir, auch die Standorte an den Nebenflüssen zu aktivieren – auch Prinovis hat eine Wasseranbindung.


Brunsbüttel schickt sich an, Energie als zweites Standbein im ChemCoast Park zu etablieren, obwohl von ursprünglich drei geplanten Kohlekraftwerken zwei den Rückzug verkündet haben und der dritte Betreiber sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden scheint. Und das Kernkraftwerk soll abgebaut werden. Da bleibt nicht mehr viel Energie.
Wenn wir über Energie reden, reden wir über Dezentralisierung: Offshore ist das Thema.

Die Multi-Purpose-Pier als finanzielles Gemeinschaftsprojekt der Kreise Dithmarschen und Steinburg sowie der Stadt Brunsbüttel ist ein ehrgeiziges Vorhaben, das von der Landregierung massiv unterstützt wird. Hätten Sie sich schon früher ein größeres Interesse des Landes an der Region gewünscht?
In der Umsetzung ist das nicht immer optimal gelungen. Den Ausbau der B5 hätte ich mir viel zügiger gewünscht.

Was macht die Fährverbindung nach Cuxhaven?

Die Diskussion ist ruhiger geworden. Aber: Leistungsfähige Schiffe sind teuer. Möglicherweise kommt noch mehr Druck aus der Wirtschaft.


Die Wirtschaftsförderung hat sich in den 30 Jahren zu einem wirtschaftsfördernden Gemischtwarenladen entwickelt. Außenstehenden fällt es mitunter schwer, bei den zahlreichen Unterorganisationen und Fördertöpfen den Überblick zu bewahren. Ist die Wirtschaftsförderung in der Region wirklich schlagkräftig genug aufgestellt?
Der Eindruck von einem Flickenteppich ist so ganz falsch nicht. Die Wirtschaftsförderung hat sich massiv verändert. Früher ging es fast nur um die Akquisition neuer Unternehmen. Zur Erinnerung: Bayer hat sich damals angesiedelt, weil es hier die Fachkräfte gab. Heute werden Fachkräfte überall gesucht. Wir haben vor diesem Hintergrund als wesentliche Säule die Gründung von Unternehmen mit aufs Tableau genommen. Weiterbildung, Qualifizierung sind zusätzlich seit langem wichtige Themen geworden.

Stichworte demografische Entwicklung und Fachkräftemangel. Die Westküste blutet personell immer mehr aus. Welchen Sinn macht Wirtschaftsförderung, wenn die Mitarbeiter dafür nicht aufzutreiben sind?
Inzwischen geht es darum, die stillen Reserven zu mobilisieren. Einen Königsweg in der Wirtschaftsförderung gibt es allerdings nicht. Wir haben eben nur alle Möglichkeiten aufgeblättert. Manchmal habe ich aber auch das Gefühl, das wird mit dem Thema Fachkräftemangel mitunter auch übertrieben. Obwohl: Bei kleineren und mittleren Unternehmen ist die Problematik noch gar nicht ganz angekommen.


Kommt man aus Richtung Hamburg auf Steinburger Terrain hat man mitunter das Gefühl, hier wird Abends das Licht ausgeschaltet. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Bevölkerungszuwächse, Immobilienmarkt und Wirtschaftskraft an der Kreisgrenze halt machen?
Die Beobachtung ist völlig richtig. Man kann das Gefühl haben, in Elmshorn ist die Welt zu Ende. Umso wichtiger ist es, Gewerbeflächen in Lägerdorf zu aktivieren. Auch Hohenfelde ist ein interessanter Standort. Vieles ist allerdings auch historisch bedingt: So war in der früheren Landesplanung Elmshorn der Achsen-Endpunkt. Hinzu kommt, dass sich viele Unternehmen auch in Richtung östliche Metropolregion orientieren.

Die Steinburger Wirtschaft veranstaltet seit einigen Jahren höchst erfolgreich ihre Zukunftskonferenz, um für die Region zu trommeln. Was kann man noch mehr tun, um auf sich aufmerksam zu machen?
Man muss vor allem versuchen, in Hamburg präsent zu sein. Auf der Suche nach einer knackigen Steinburg-Marke beißt man sich bislang allerdings die Zähne aus. Oft reichen aber auch schon ganz banale Dinge. Nehmen wir das Beispiel Wacken. Das ist heute in aller Munde. Und lange Zeit hat man mit dem Namen Itzehoe ja auch den Druckstandort für Stern und Spiegel verbunden. Ansonsten können die hier angesiedelten Firmen das beste Marketing für die Region betreiben.

 

Wagen Sie zum Abschluss eine Vision: die Unterelbe im Jahre 2030. Was würden Sie sich für die Region wünschen? … und was ist auch wirklich realistisch?
Ich glaube nicht, dass sich die Region bis dahin sehr verändert. Ich glaube aber ernsthaft an eine stetige Weiterentwicklung. Offshore wird ein ganz großes Thema werden. Was ich mir wünsche, ist eine sehr ausgeprägte Forschungs- und Entwicklungslandschaft. Das Beispiel ISIT zeigt ja letztlich auch, wie sinnvoll es ist, wenn man an einem Ziel festhält und sich nicht beirren lässt. Allein alle Hoffnung auf die Autobahn 20 zu setzen, reicht aber nicht. Auch die ist kein Allheilmittel.

 

Und wie sehen Ihr persönlichen Ziele jetzt aus ?

Ich werde in jedem Fall wieder irgendetwas Vernünftiges machen.

 

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