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Starkregen : „Ich dachte, ich muss sterben“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wassermassen zerstören Wohnungen in tiefer gelegenen Teilen Kellinghusens / Große Limousine treibt wie Spielzeugauto durch die Straße

Ein Gewitterregen richtete am Dienstagabend große Schäden in der Störstadt an. Rund eine Stunde lang prasselte es vom Himmel. Für die Freiwillige Feuerwehr Kellinghusen bestand der Ausnahmezustand. Im Lauf des Abends wurden fast 50 Einsätze in der Stadt gezählt. Wasser lief in Sturzbächen von den höher gelegenen Stadtteilen in die tiefer liegende Innenstadt, wo es sich dann einen Weg in die Häuser bahnte. Steinstraße, Lehmberg- und Lindenstraße wurden überflutet, und angrenzende Kellerbereiche und auch tiefer gelegene Wohnungen liefen voll. Autos blieben in den Wassermassen stecken, weil die Elektronik geschädigt wurde oder das Wasser in den Motorraum eindrang. Teile von Gehwegen wurden unterspült und mussten für Fußgänger gesperrt werden. Der Bauhof räumte mit schwerem Gerät die angespülten Sand- und Erdmengen von der Straße. Die Freiwillige Feuerwehr Wrist unterstützte die Kellinghusener Kräfte mit weiteren Tauchpumpen. Die Einsätze, schwerpunktmäßig im Stadtzentrum, zogen sich bis in die Nacht. Das letzte Fahrzeug rückte gegen 1 Uhr wieder ein.

Innerhalb von zehn Minuten wurden auch am Schulberg zwei Souterrain-Wohnungen und die Räume einer Arztpraxis zerstört. „Ich dachte, ich muss sterben“, beschreibt Helga Hank ihre Gefühlslage zur Abendbrotzeit. Gebrüllt und geschrien habe sie vor Angst. In Sturzbächen fiel das Wasser bei ihr in die Wohnung ein. Von den Wassermassen überrascht wurde auch ihr Nachbar Hans-Joachim Glaw. Verzweifelt blickt er sich nach der Überflutung in seiner Wohnung um. Der Boden von Küche, Wohn- und Schlafzimmer ist mit einer glänzenden Schlammschicht überzogen. Rund 1,40 Meter hoch habe das Wasser gestanden, berichtetet Glaw. Alles was nicht niet- und nagelfest war, sei durch die Gegend geschwommen. „Nachdem das Wasser weg war, stand das Sofa auf dem Couchtisch“, berichtet er. Bruder Wolfgang Glaw kletterte mit Einkäufen beladen die Außentreppe zu seiner im Obergeschoss gelegenen Wohnung hinauf, als seine Ehefrau ihn alarmierte. Wie ein Wasserfall habe sich plötzlich eine braune Brühe vom Parkplatz der Sparkasse auf das niedrigere Grundstück ergossen. „Das lief die Lindenstraße hinunter und suchte sich dann seinen Weg in tiefere Lagen“, sagt Glaw. Welche Gewalten im Spiel waren, zeigt sich an einer tonnenschweren Limousine, die über das Grundstück schwamm wie ein Kinderspielzeug. „Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Wagen bei uns in den Wohnungen gelandet wäre“, sagt Glaw. Ohne Strom versuchten die Bewohner noch im Dunkeln, das Wasser aus dem Haus zu bekommen.

Neben Bürgermeister Axel Pietsch (BFK) schauten Lars Kiepert und Jana Tabbert von der Amtsverwaltung bei den schlimm betroffenen Bürgern vorbei und sicherten Hilfe bei der Suche nach neuen Wohnungen zu. Erst vor zwei Monaten hatte Glaw die Wohnung bezogen, alles renoviert und sich gemütlich eingerichtet. „Gerade war ich auf einem grünen Zweig, ist er auch schon wieder abgesägt“, sagt er traurig.

Nebenan hilft Cornelia Engel ihren Eltern beim Ausräumen der Zimmer. Hab und Gut sind durchnässt und mit Modder versetzt. „Vom Fotoalbum bis zu Ausweispapieren“, zeigt Vater Klaus-Dieter Hank verschmutze Enkelbilder. „Pack alles in Tüten“, rät die Tochter. Vielleicht sind die Erinnerungsstücke nach dem Trocknen und Säubern noch zu retten. Aber auch praktische Dinge wie Bettdecken und Kissen fielen der Flut zum Opfer. „Jetzt müsste man eine Waschmaschine haben“, seufzt Engel.

In ihren Praxisräumen vom Unwetter überrascht wurde Ärztin Swetlana Steffens. Sie erledigte gegen 19 Uhr noch Papierkram, als von drei Seiten einfließende Wassermassen im Handumdrehen Praxisräume, Labor und Wartezimmer verwüsteten. „Ich stand bis zur Hüfte im Wasser, mein Hund ist geschwommen“, schildert die Medizinerin geschockt die unwirkliche Situation. „Zum Glück hatten wir geschlossen, sonst hätte ich um die Zeit noch Patienten gehabt“, sagt sie. Jetzt versuchte das gesamte Praxisteam zu retten, was noch zu retten ist. „Wir werden den Raum im oberen Stockwerk als Anmelderaum umgestalten“, sagt die medizinische Fachangestellte Jasemin Cicekkan. Wann die Praxis wieder geöffnet werden kann, ist unklar. Zumal die Besitzerin des Gebäudes derzeit in Urlaub weilt.

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