zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 11:31 Uhr

Gesellschaft : „Ich bin multifunktional“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eine Elmshornerin erzählt anlässlich des Weltfrauentages von ihrem Job in einer Männerdomäne

shz.de von
erstellt am 08.Mär.2015 | 08:12 Uhr

Ein bisschen muss sie die Zähne zusammenbeißen. Ann-Katrin Lienau steht auf dem Rangierbahnhof in Itzehoe zwischen zwei Loks und kuppelt sie zusammen. 30 Kilogramm wiegt das Verbindungsstück, das die 30-Jährige dabei schleppen muss. „Das ist aber auch schon das Anstrengendste an dem Job“, sagt die Lokrangierführerin. „Das ist doch locker zu schaffen – auch für eine Frau.“

Davon gibt es nicht viele in dem Job. Von den 3100 Lokrangierführern, die in ganz Deutschland bei der Deutschen Bahn beschäftigt sind, sind nur 30 weiblich. Und Lienau ist die einzige Rangiermeisterin, die für das Tochterunternehmen DB Schenker Rail in Schleswig-Holstein tätig ist. Eine Frau im Männerberuf – bedeutet ihr da der Weltfrauentag an diesem Sonntag etwas? Lienau überlegt, schüttelt dann den Kopf. In ihrem Job spiele der Tag keine Rolle.

Sie hat kein Problem damit, als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten, denn das ist der Job des Lokführers noch immer. Einer, der das genau weiß, ist Reimund Witschkowski. Lienaus Chef koordiniert die 130 Mitarbeiter der DB Schenker Rail in Schleswig-Holstein. Er ist seit 40 Jahren bei der Bahn. „Früher haben viele gedacht, dass Frauen im Rangiergeschäft nichts zu suchen haben.“ Heute arbeitet seine Tochter selbst bei der Bahn, und er hat die gebürtige Elmshornerin Ann-Katrin Lienau extra von ihrem Job im Hamburger Hafen nach Itzehoe gelotst.

Denn ihn plagen Nachwuchssorgen. Seit etwa eineinhalb Jahren sei es schwieriger geworden, junge Leute für den Lokführerjob im Güterverkehr zu gewinnen, sagt Witschkowski. Deswegen hat das Unternehmen ein Interesse daran, dass Lienau berichtet, was alles schön ist an ihrem Job. Die junge Frau erzählt, dass sie aus keiner Eisenbahnerfamilie stammt, aber schon immer Lust auf den Job gehabt habe. Nach dem Abitur habe sie erst Tierärztin werden wollen, sich dann aber doch für den Job auf der Lok entschieden. „Meine Eltern waren darüber erst enttäuscht, heute geben sie gern an mit ihrer Tochter, die auf der Lok fährt.“

Ob sie als Frau Vorteile gegenüber ihren männlichen Kollegen habe? Lienau überlegt. „Es ist vielleicht für Frauen manchmal leichter, die Komplexität an den Schienen zu überschauen. Ich bin multifunktional.“ Die Lokführerin freut sich, dass ihr Job so abwechslungsreich ist. Sie stellt sich ihre Züge in Itzehoe meist selbst zusammen, kuppelt Waggon an Waggon, fährt dann die Fracht mit Tempo 25 nach Brunsbüttel oder Hemmingstedt oder holt von dort Ware ab. „Man ist immer draußen, bei Wind und Wetter.“ Das sei manchmal hart, aber eben zu machen.

Und die Kollegen? Nein, das sei nicht hart, sagt Lienau. „Man darf nicht zimperlich sein, und wenn mal ein blöder Spruch kommt, dann muss man eben auch austeilen. Und das mache ich auch.“ Am Ende zähle nur die Leistung im Job. Und weil sie den gut mache, sei sie voll akzeptiert, sagt Reimund Witschkowski. Mehr Frauen veränderten das Betriebsklima positiv.

Man sei schließlich bemüht und erfolgreich dabei, Frauen ins Unternehmen zu integrieren und sie zu fördern. Aufstiegschancen gebe es jede Menge – und auch beim Nachwuchs würden Frauen verstärkt geworben, sogar durch Ann-Katrin Lienau. Neulich habe sie mit einer jungen Frau telefoniert, die Lokführerin werden wollte, aber noch zögerte. „Ich habe ihr erzählt, was ich hier mache. Am Ende wollte sie den Job.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen