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Landwirtschaft : Hunderte von Arbeitsplätzen bedroht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit einem offenen Brief schlagen Wilstermarsch-Landwirte noch einmal Alarm. Landwirtschaft ist einer der größten Arbeitgeber in der Marsch.

shz.de von
erstellt am 01.Mär.2016 | 17:02 Uhr

Sie haben Protestschilder aufgestellt, Versammlungen organisiert, Politiker und Verbandsfunktionäre mobilisiert. Aber die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sind noch immer im Keller. Vor allem die von der Milchproduktion abhängigen Bauern in der Wilstermarsch stehen mit dem Rücken an der Wand. „Wenn der Dünger gefahren und der erste Schnitt gelaufen ist, sind bei vielen auch die letzten Rücklagen weg“, zeichnet Heiko Strüven mit Blick auf das Frühjahr ein düsteres Bild. „Die Vegetation kommt und die Betriebe sterben“, befürchtet auch Nico Hellerich. Strüven vertritt dabei die Belange des Bundes Deutscher Milcherzeuger (BDM), Hellerich und sein Brokdorfer Berufskollege Jörg Schmidt vertreten in der Region den Bauernverband. In der Not rücken sie aber immer enger zusammen. Gemeinsam schlagen sie mit einem offenen Brief noch einmal Alarm.

„Es ist keine Prognose, sondern eine Tatsache, dass wir den tiefsten Milchpreis noch gar nicht erreicht haben“, sagt Jörg Schmidt. Und die in der Intervention eingelagerten Milchprodukte sorgten eher noch für eine Verlängerung der Krise. Die drei Landwirte werfen die Frage auf, um wie viel ärmer der ländliche Raum ohne die Bauern werde. Mit den Familienbetrieben gerate nämlich auch das nachgelagerte Gewerbe immer mehr in eine Schieflage. Die Palette reicht von den Lohnunternehmen über den Landhandel und die Tierärzte bis zu Werkstätten und Händlern für Landmaschinen. Nach grober Überschlagsrechnung könnten mehr als 400 Arbeitsplätze allein in der Wilstermarsch bedroht sein. Nico Hellerich schätzt die aktuelle Zahl der noch aktiven landwirtschaftlichen Betriebe rund um Wilster auf etwa 50. „Damit wären 150 bis 200 Menschen direkt betroffen.“ Hellerich weiß, dass auf den meisten Höfen nicht nur Bauer und Bäuerin täglich anpacken, sondern oft auch schon die Kinder und die Altenteiler sowie zahlreiche Angestellte. Über die von der Landwirtschaft lebenden Dienstleister – im Zweifel gehören da auch noch Berater, Banken, Versicherungen und Bauunternehmen dazu – ließe sich die Zahl der betroffenen Arbeitsplätze locker verdoppeln. Neben dem Kernkraftwerk Brokdorf wäre die Landwirtschaft damit der größte Arbeitgeber in der Marsch.

Um so unverständlicher ist für die Milchbauern die Politik der eigenen Interessenvertretung. „Mit Volldampf gegen die Wand“, fasst es Jörg Schmidt zusammen. Der Vorwurf: Der Bauernverband habe von Beginn an auf den freien Markt gesetzt und gehe „aus Trotz“ seinen Weg jetzt unbeirrt weiter. „Und von Fachinstituten und Genossenschaftsverband werden sie falsch beraten“, sagt Schmidt und fügt hinzu: „Von denen muss ja auch keiner von der Milcherzeugung leben.“ Freimütig räumt der Landwirt ein, dass die Bauern an der Entwicklung zum Teil auch selbst Schuld haben. Nach dem Wegfall der Milchquote vor fast einem Jahr wurde die Produktion in vielen Betrieben nämlich erst einmal angekurbelt. „Man hat uns aber ja auch gesagt: Eure Milch wird gebraucht“, fühlt Schmidt sich auch hier falsch beraten. Gleichzeitig stellt er klar: „Wir wollen ja keine Millionäre werden. Wir wollen nur von unserer Arbeit leben können.“

Die vom Bauernverband propagierten Hilfsmittel wie Liquiditätsdarlehen, Exportoffensiven und steuerfreie Risikorücklagen hält das Trio angesichts der anhaltenden Notlage für gänzlich ungeeignet. „Damit verlängert man nur das Leiden, weil man falsche Hoffnungen weckt.“ Für die Milchbauern gibt es nur ein Mittel: In einer konzertierten Aktion müssen die auf den Markt kommenden Mengen reduziert werden. Dabei bekräftigen sie noch einmal ihre Forderung, dass Bauernverband und BDM auf Funktionärsebene endlich zusammenarbeiten sollten.

Das aus ihrer Sicht einfache, aber wirksame Rezept: Exportieren, wenn der Markt läuft, Mengenbegrenzung, wenn zu viel Milch da ist. „Stattdessen betreibt der Bauernverband Mengenreduzierung durch Insolvenzverfahren“, nimmt Nico Hellerich auch gegenüber seiner eigenen Interessenvertretung kein Blatt vor den Mund. „Wir hängen uns da so rein, weil wir was für die Wilstermarsch tun wollen.“ Der Wewelsflether weist darauf hin, dass die Milchkrise eine über Generationen gewachsene Landschafts- und Sozialstruktur irreparabel verändern kann. „So manch einer kann jetzt sein ganzes Vermögen verlieren und ist anschließend mittellos“, befürchtet Jörg Schmidt noch dramatische Entwicklungen auf den Höfen. „Wir wollen nur vernünftiges Milchgeld. Dann sind wir zum allem bereit“, kündigt Heiko Strüven Kompromissbereitschaft in alle Richtungen an. „Am Verbraucher liegt es nicht“, ergänzt Nico Hellerich am Ende noch. Der hätte keine Probleme damit, wenn die Milch zehn Cent teurer werde.

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