Kunstpreis : Hohe Kunst aus alter Schule

„Dickicht und Lichtung“: Für ihr Stahlrelief wird Sabine Kramer im August der Meldorfer Culturpreis überreicht. Am Wochenende kann man sie im Rahmen des offenen Sommerateliers besuchen.
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„Dickicht und Lichtung“: Für ihr Stahlrelief wird Sabine Kramer im August der Meldorfer Culturpreis überreicht. Am Wochenende kann man sie im Rahmen des offenen Sommerateliers besuchen.

Sabine Kramer aus Nortorf ist die diesjährige Trägerin des Meldorfer Culturpreises.

shz.de von
27. Juni 2018, 00:05 Uhr

Zeichnen und Schneiden, Gelöchertes und Ganzes, Licht und Schatten – und neuerdings kommt auch Farbe dazu. Die Nortorfer Künstlerin Sabine Kramer hat die Rot-, Gelb-und Grüntöne erst spät für sich entdeckt, nachdem sie jahrelang nur mit dem absoluten Gegensatz von schwarz und weiß gearbeitet hat. Sie hat in Hamburg bei Professor Gotthart Graubner studiert, der als absoluter „Farbmensch“ gilt, sich aber schon damals weg von der Farbe und der Malerin zur Bildhauerin entwickelt. Sie brauche das Haptische, das Stoffliche und finde im Stahl einen reellen Partner, sagt die 63-Jährige selbst. Dabei kommt ihr zugute, dass sie während des Studiums in einer Schlosserei arbeitete.

In ihrem Stahlrelief „Dickicht und Lichtung“, für das sie den diesjährigen Meldorfer Culturpreis erhielt, kombiniert sie blütendickichtähnliche Violettstrukturen, die mit etwas Abstand auf einer gelbgrün beschichteten Grundplatte befestigt sind und ihre Schatten darauf werfen - je nach Tageszeit und Lichteinfall mal härter, mal sanfter.

Sabine Kramer verweist mit der Topographie ihrer Objekte auf die Topographie unserer Gefühle und Vorstellungen. Sie erzeichnet, was sie sieht, und empfindet daraus Parallelwelten von Ansichten, Anschauungen und Weltfahrplänen. Dabei entstehen auch gegenständliche Motive, wie die kleinen Koggen, Ewer und verschiedenen Schiffe. Archetypen auf Stäben, die sich im Nortorfer Garten beim Blick in die weite Marsch sanft im Wind wiegen. Sie erinnern surreal an Prozessionen, wie sie Sabine Kramer aus ihrer katholischen Kindheit in der Nähe des Bodensees kennt.

Die Künstlerin, die in Ravensburg geboren wurde, hat in Offenbach und Hamburg studiert, wo sie lange lebte. 2012 zog es sie nach Schleswig-Holstein, seit einigen Jahren bewohnt sie im Kern von Nortorf die reetgedeckte Alte Schule in der Nähe der ehemaligen Meierei. Dort schätzt sie auch ihren Garten und die „nette Nachbarschaft“ in der Marsch.

Die früheren hohen Klassenräume bieten nun der Kunst Raum, und auch im Außenbereich finden an der Hauswand, auf Stäben und Sockeln viele Objekte ihren Platz in der rauen Landschaft. Sie ziehen den Blick nicht vom Horizont ab, sondern lassen die Gedanken und Ideen fliegen. Ihre Motive findet Sabine Kramer beim Zeichnen in der Natur, aber auch in mikroskopischen Strukturen auf Abbildungen. Sie brachte es selbst für eine Ausstellung aufs Papier: „Zeichnend nehme ich die Welt wie ein Küstensegler, der den Saum der Inseln abtastet nach Zugänglichkeit und Gefahr. Zeichnend bewege ich mich vorwärts als Balancierende auf Stegen zwischen Löchern.“ Einen entscheidenden künstlerischen Impuls erhielt sie im Anschluss an ihr Studium durch ein Auslandsstipendium in Frankreich. Seitdem gibt es einen „Bilderstreit“ in ihr, zwischen der Liebe zur romanischen Derbheit schlichter Formen und der Feinheit der Gotik, zum anderen der „Schauer inmitten gereinigter, also abstrahierter, Formen und Räume“.

Früher hat sie den Stahl für ihre Objekte mit der Laubsäge sogar von Hand geschnitten und sich dabei auch körperlich verausgabt. Zeichnen und dann Schneiden versteht sie als „Gefühlssynonyme“ ihrer Arbeit. Mittlerweile vektorisiert sie ihre Zeichnungen am PC und nutzt den Lasercut. Nun experimentiert sie mit den Oberflächen, mit Pulverbeschichtung oder Anstrichen. Die großen Objekte, die eher für den Außenbereich von Häusern oder Gärten gemacht sind, sollen nicht rosten und doch das Filigrane der handgeschliffenen Oberflächen bewahren.
Den Entstehungsprozess und ihre Arbeiten stellt Sabine Kramer gern im Rahmen der offenen Sommerateliers am kommenden Wochenende vor.

Dann erfährt man auch von ihren inhaltlichen Antrieben, von der selbst gewählten Einsamkeit in der Marsch, sie ist Gefängnis und Freiheit, Schutz und Gefahr – damit verflochten sind aber auch Witz, Assoziationsfreude und Neugier. Ihren damit verbundenen Spieltrieb nutzt die Künstlerin auch für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, für die sie Kurse und Projekte in Hamburger Museen, an der Volkshochschule Wilster oder an Itzehoer Schulen anbietet.

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