Hitlers letztes Aufgebot: "Wie dumm wir waren"

<dick>Brachte Gerhard Saenger nach Schleswig-Holstein:</dick>  U 3505. Einen Tag später versenkten die Alliierten das Boot im Kieler Hafen.
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Brachte Gerhard Saenger nach Schleswig-Holstein: U 3505. Einen Tag später versenkten die Alliierten das Boot im Kieler Hafen.

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07. Mai 2010, 03:59 Uhr

Gudendorf | Das Camp, in dem die Hitlerjugend untergebracht war, lag nur knapp 100 Meter vom russischen Gefangenenlager entfernt. "Wenn wir an diesem Lager vorbeimarschierten, sah ich sie: ausgehungerte Gestalten, völlig apathisch, kaum eine menschliche Regung. Erst nach Jahrzehnten erfuhr ich, dass man in dieses Lager auch die Kranken abgeschoben hatte", sagt Gerhard Saenger, der vor 65 Jahren als Hitlerjunge das Kriegsende im Wehrertüchtigungslager in dem Dithmarscher Dorf erlebte. Wie viele Menschen dort starben, weiß heute niemand. Wie Gerhard Saenger vorbeimarschierte? "Stumm. Auch die Russen waren stumm. Sie guckten durch uns hindurch." Der damals 16-Jährige hatte zuvor noch nicht viele Russen gesehen, aber oft genug gehört, dass die Propaganda sie als "Untermenschen" bezeichnete. Dieser "Unsinn" sei an ihm aber nicht haften geblieben, sagt er: "Für mich waren sie keine Untermenschen, aber leidende Kreaturen."

Diese Bilder hat der heute 81-Jährige vor Augen, wenn er morgen ab 14 Uhr die Initiative "Blumen für Gudendorf" am Gräberfeld für sowjetische Kriegsgefangene trifft, um dort eine Mahn- und Gedenkkundgebung abzuhalten. "Es ist mir ein Bedürfnis zu sagen, Das darf nicht wieder vorkommen, und glaubt nicht denen, die die Verbrechen der Nazis in Zweifel ziehen", sagt Saenger.

Der jetzt in Dortmund lebende Rentner war damals einer von etwa 60 Hitlerjungen, die in Gudendorf auf den Kampf gegen englische Panzer vorbereitet wurden. "Die Ausbildung fand in der Hauptsache an der Panzerfaust statt", sagt Saenger. Und: " Wir waren naiv, glaubten an die Wunderwaffe. Wie dumm wir waren."

Dann kommen die Alliierten. "Früh hörten wir das Rasseln der Panzerketten. Die Engländer kamen über die Kuppe." Ein Panzer hinter dem anderen. "Einige von uns lagen im Straßengraben. Wir wollten sie knacken. Ihre Panzerluken waren geschlossen. Sie kamen in Schussposition. Aber nichts geschah." Kein Kommando "Feuer". Was war geschehen? "Wir hatten keine Anführer, keinen, der das Kommando gab. Unsere heroischen Ausbilder hatten sich aus dem Staub gemacht. Das war unser Glück, denn dadurch ging von uns keine bewaffnete Initiative aus." Die Panzer fuhren vorbei, die Hitlerjungen kehrten ins Lager zurück. "Heute frage ich mich: Haben die Engländer uns wirklich nicht gesehen? Haben sie uns als Kinder erkannt und nichts unternommen, was provokant war? Was wäre geschehen, wenn wir geschossen hätten? Bei diesem Gedanken verkrampft sich heute etwas in mir. Wie konnten wir so dumm sein? Hatte das Regime uns wirklich zu hirnlosen Idioten gemacht? Was hätte das für das Dorf bedeutet?" Gerhard Saenger kann das nur ahnen: "Gudendorf wäre bestimmt schwer getroffen worden."

Eine Odyssee hatte der Hitlerjunge da schon hinter sich: Der gebürtige Danziger kam Ende März 1945 in Schleswig-Holstein an. Wie viele andere war Saenger geflüchtet, nachdem die Rote Armee die deutsche Grenze überschritten hatte. Dass er überlebte, ist für Saenger heute noch "ein Wunder", denn er verdankt sein Leben einem U-Bootkommandanten, der gegen ausdrücklichen Befehl handelte: Der 24-jährige Horst Willner, der U 3505 befehligte, ließ am 22. März 1945 fünfzig Jungen im Alter bis 16 Jahre im Hafen der Halbinsel Hela an Bord bringen. Nach einer viertägigen Fahrt durch die meist von Deutschen verminte Ostsee kamen sie in Travemünde an. "Das U-Boot hatte keine Torpedos an Bord. Deshalb schliefen auch die meisten Jungen in Hängematten im Torpedoraum. Mit 120 Personen, die doppelte Besatzung, war U 3505 total überbelegt."

Von Travemünde gelangte Gerhard Saenger mit der Bahn Anfang April nach Gudendorf. Zwischendurch hatte man ihn für die Waffen-SS angeworben: "Irgendwo in Holstein wurden wir in einen Saal mit SS-Männern geführt. In bewegten Worten wurde uns die Elite des Heeres in Bewaffnung, Versorgung und Kampfgeist vorgestellt. Dann durften wir die Freiwillige Erklärung unterschreiben." Für Saenger damals kein ungewöhnlicher Vorgang. Er glaubte an das Regime. Auf Menschen zu schießen - das ist Saenger erspart geblieben.

Nach Kriegsende verließ Saenger das Lager Gudendorf Richtung Wilster. Ein Bauer aus Nortorf suchte Arbeitskräfte, denn die Fremdarbeiter hatten den Hof verlassen. "Aufstehen um fünf Uhr früh, ist schon hart für einen Jungen. Aber ich machte alle Arbeiten gerne. Es war ja endlich Friede" , sagt Saenger heute.

Geblieben sind ihm seine Erinnerungen und ein Foto mit Widmung: Es zeigt das U-Boot, mit dem der 16-Jährige von Hela geflüchtet war. Auf die Rückseite schrieb sein Freund, der Funkmaat Heinz Einfeldt, den Satz: "Lieber Gerhard! Diesem Boot verdanken wir beide unser Leben."

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