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Norddeutsche Rundschau

21. Oktober 2017 | 21:53 Uhr

Hilferufe hinter verschlossenen Türen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Alarmierende Bilanz: 15-Mal musste die Feuerwehr im vergangenen Jahr wegen Notfällen in Wohnungen ausrücken

shz.de von
erstellt am 04.Jan.2016 | 00:32 Uhr

Die vergangenen Festtage waren traditionell das Fest der Familie. In manchen Häusern und Wohnungen aber herrschte wohl auch während der Feiertage große Einsamkeit. Dass es im Stadtgebiet von Wilster immer mehr Single-Haushalte gibt, bekommt zunehmend auch die Freiwillige Feuerwehr zu spüren. Weil in Wilster gleichzeitig auch der Altersdurchschnitt der Bevölkerung – vor allem wegen anhaltender Zuzüge aus dem Umland – steigt, geraten immer häufiger ältere Menschen in Not. Geradezu erschrocken blickt Wehrführer Ralf Theede auf das Einsatzgeschehen seiner Leute im gerade abgelaufenen Jahr zurück. In insgesamt 15 Fällen mussten die Helfer wegen eines Notfalls hinter einer verschlossenen Tür ausrücken.

Theede, hauptberuflich Feuerwehrmann in Hamburg, findet die Zahl für eine Stadt dieser Größenordnung alarmierend. Zahlen aus der Hansestadt liegen ihm zwar nicht vor. Im Verhältnis komme es dort aber deutlich weniger zu solchen Einsätzen. Zum besseren Vergleich zieht der Feuerwehrchef denn auch die Gemeinde Horst heran. Hier gebe es zwar mehr Einwohner als in Wilster – aber keinen einzigen solchen Notfall für die dortige Feuerwehr. „Wir bekommen hier den demografischen Wandel voll zu spüren, während Horst mit seinen Neubaugebieten noch eine relativ junge Gemeinde ist.“

Die Liste der Einsätze in Wilster reicht vom 3. Januar bis zum 11. Dezember 2015. Hier nur ein paar Beispiele:

❍Im Juni alarmiert ein Patient über Hausnotruf die Leitstelle, weil er Probleme mit der Atmung hatte, seine Tür aber nicht mehr selbstständig öffnen konnte.

❍Im September eilt die Feuerwehr einem bereits seit dem Vorabend hilflos auf dem Boden liegenden Wohnungsinhaber zu Hilfe.

❍Im November schlagen Nachbarn Alarm, weil sie Hilferufe aus einer Wohnung hören.

❍Ebenfalls im November setzt eine Zeitungszustellerin einen Notruf ab, weil sie im Flur eine am Boden liegende Person bemerkt hat.

Das sind nur vier Einsatzbeispiele. Manchmal rücken die Helfer auch völlig umsonst aus. So kam es gleich dreimal vor, dass Feuerwehrleute völlig umsonst gerufen wurden. Nach kräftigem Klopfen an den Türen öffneten die jeweiligen Bewohner nämlich unversehrt. In einem Fall waren die Helfer eher als Schlüsseldienst gefordert. Ein Bewohner hatte seine Wohnungstür ins Schloss fallen lassen, aber vergessen, seinen Herd auszuschalten. In einem anderen Fall kam jede Hilfe zu spät. Bei einem Einsatz im Februar wurde der Bewohner bereits verstorben hinter seiner Tür entdeckt.

In den meisten Fällen habe es sich um ältere Menschen mit Vorerkrankungen gehandelt – überwiegend um Männer. Für Ralf Theede sind die Einsätze in jedem Fall ein neues Phänomen. Bis vor wenigen Jahren seien Anforderungen an die Feuerwehr zur Not-Öffnung von Türen eher die Ausnahme gewesen. Sinnvoll sei das Gros der Einsätze allerdings. „Bei den meisten war es auch wirklich nötig. Den Menschen ging es richtig schlecht.“

Was Ralf Theede eher zu schaffen macht, ist denn auch die Häufung. In der Vergangenheit hätten sich Nachbarn untereinander geholfen, sich gegenseitig mit Türschlüsseln versorgt. Heute müsse gleich die Feuerwehr anrücken, um Erste Hilfe zu leisten bis der eigentliche Rettungsdienst vor Ort ist. Die Feuerwehr Wilster verfügt dafür über eine speziell ausgebildete Einsatztruppe, die First Responder. Sie öffnen nicht nur Türen, sondern kümmern sich auch um in Not geratene Menschen. Für die freiwilligen Helfer ist das aber auch eine besondere Herausforderung. Sie rücken jeweils mit mindestens sechs Leuten an, in Einzelfällen sogar mit bis zu 15 Helfern, die dafür vom Arbeitsplatz gerufen, aus der Freizeit geholt oder aus dem Schlaf gerissen werden. „Das ist schon eine besondere Belastung“, weiß Ralf Theede. Zumal First Responder auch noch eine 20-stündige Zusatzausbildung leisten müssen.

Hinzu kommt: Sämtliche First Responder-Einsätze kommen als freiwillige Leistung zu dem „normalen“ Programm noch obendrauf. Für Ralf Theede ist es keine Frage, dass seine Leute überall dort helfen, wo sie gebraucht werden. „Wenn man sieht, wo sich die Stadt hinentwickelt...“, schwant Ralf Theede angesichts der Entwicklung bei der Bevölkerungsstruktur aber nichts Gutes.

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