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Asylbewerber : Hilfe mit Starterpaket für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Region zeigt sich für Asylsuchende gewappnet – Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster „platzt aus allen Nähten“

Die Kommunikation verläuft mit Händen und Füßen oder dem Google-Übersetzer. Englisch oder gar Deutsch sprechen die Besucher von Frauke Rath eher nicht. Rath beschäftigt sich mit den Anliegen von Asylbewerbern. Für ein Pressegespräch hat sie eigentlich keine Zeit, denn vor ihrer Tür im Brunsbütteler Rathaus stehen die Bedürftigen in diesen Tagen Schlange.

Weil die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Neumünster „aus allen Nähten platzt“, wie sie sagt, werden derzeit verstärkt Asylsuchende kurzfristig auf die Landkreise in Schleswig-Holstein verteilt. Allein an diesem Vormittag nimmt Rath in Brunsbüttel fünf neue Fälle entgegen. So schafft sie es nicht, zum Pressetermin wie geplant in der Volkshochschule vorbeizuschauen. Dort gibt gerade Yuliya Ivanchenko einen besonderen Kursus.

Ivanchenko leitet seit wenigen Tagen den ersten Staff-Kursus an der Volkshochschule Brunsbüttel, eine Art Starterpaket für die Flüchtlinge, die erst seit wenigen Wochen in Deutschland, in Brunsbüttel sind. In dem Kursus vermittelt sie eine räumliche und kulturelle Orientierung und wichtige deutsche Standardsätze. An diesem Tag kommt sie mit ihrer Gruppe gerade von einer Exkursion ins Sozialkaufhaus zurück, wo die Flüchtlinge ihren frisch erworbenen Wortschatz rund um das Thema Kleidung ausprobieren konnten. Ivanchenko, die selbst einen russischen Migrationshintergrund hat, ist es wichtig, den Flüchtlingen neben Vokabeln auch, die Schleusenstadt zu zeigen. Die Brunsbüttelerin schafft Berührungspunkte mit praktischen Orten der Stadt, wo die Neueingereisten Essen und Kleidung günstig bekommen oder über das Internet Kontakt mit den Familien in der Heimat aufnehmen können.

Gerade in den Tagen der Flüchtlingsschwemme füllen Staff-Kurse wie dieser eine Integrationslücke: Sie bieten Flüchtlingen, die noch auf die Bewilligung ihres Asylantrags warten, die Chance, im neuen Land Fuß zu fassen. Denn zunächst kennen sich die Neuankömmlinge nicht aus und stehen vor Sprachbarrieren.

Seitens der Stadt hilft Frauke Rath. Sie kümmert sich um die Formalien, sucht Wohnungen und beschafft Möbel über das Sozialkaufhaus Hoelp. Um Bettdecken auszusuchen, geht sie auch mal selbst in den Laden. Sie organisiert, bietet allen Ankommenden Essen, Geld und ein Dach über dem Kopf. Frauke Rath weiß: Als erste Ansprechperson ist sie für die Menschen, denen alles fremd ist in unserem Land, weit mehr als eine Sachbearbeiterin am Schreibtisch.

Migration/Integration und Flüchtlinge sind ein Thema – schleswig-holstein weit, auch in den Kreisen Steinburg und Pinneberg. Im Landtag werde derzeit geschaut, wie Integration noch besser gelingen könne, äußert Serpil Midyatli, SPD-Politikerin und erste muslimische Landtagsabgeordnete in Schleswig-Holstein. Die Politikerin hielt kürzlich im Rahmen der interkulturellen Woche ein Impulsreferat im Himmel und Erde in Itzehoe. Sie sieht persönlich neben Sprachkursangeboten in der Sportvereinsarbeit und der Öffnung der freiwilligen Feuerwehren eine Chance. Und sie vertritt die Haltung: „Entweder gelingt Integration vor Ort oder sie gelingt gar nicht.“ Für die Aufnahme neuer Flüchtlinge sieht sie Schleswig-Holstein gewappnet, das Land habe sich bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Einwanderungsland bewährt.

Derzeit werden 3,3 Prozent aller Flüchtlinge, die Deutschland erreichen, von Neumünster aus auf ganz Schleswig-Holstein verteilt. Dithmarschen und Steinburg kümmern sich davon um je 4,9 Prozent der Einreisenden, einen Löwenanteil von über zehn Prozent beherbergt der Kreis Pinneberg. Brunsbüttels Flüchtlinge kommen aus Albanien, Afghanistan, Syrien, Somalia, Eritrea und Jemen. Sie werden in ihrem Herkunftsland aus verschiedenen, meist politischen oder religiösen Gründen verfolgt.

Ein 26-jähriger Somali schildert, er sei vor der Terror-Organisation Al-Shabaab geflohen, die ihn als Soldat rekrutieren wollte. „Wer nicht für sie arbeiten will, hat ein Problem“, erklärt er in gebrochenem Englisch. Vor etwa einem Monat sei er in Hamburg angekommen, mit der Hoffnung einen Platz zu finden, an dem er sich sicher fühlen könne. Nun läuft sein Antrag auf Asyl in Brunsbüttel. Insgesamt meldet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für den Monat August und auf ganz Deutschland bezogen 17 695 Asylanträge, 58,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Asylantenstatus bringt Vorteile. Neueinwanderer in dieser Kategorie haben beispielsweise Anspruch darauf, an einem Integrationskursus teilzunehmen, der sich aus einem Sprach- und Orientierungskurs zusammensetzt und in etwa achteinhalb Monate dauert.

Doch bis ein Asylantrag bewilligt wird, zieht Zeit ins Land. „Wenn es schnell geht dauert es ein Jahr“, beschreibt Roland Ladage von der Volkshochschule Brunsbüttel die Zeitspanne, in der die Flüchtlinge zunächst weder arbeiten noch einen Sprachkursus besuchen können. Er ist froh, dass die Gelder für die Einrichtung des Staff-Angebots kurzfristig noch bewilligt wurden. Auch für den 26-jährigen Somali ist das ein Glück: Er kann sich bereits nach der ersten Woche auf Deutsch vorstellen, sein Geburtsdatum sagen und wird sich täglich besser verständigen können.

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