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Nach dem Unfall : „Hilfe finde ich eher unangenehm“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der 16-jährige Tim Emil Brack ist nach einem Motorradunfall querschnittsgelähmt – und hat sportliche Pläne für die Zukunft.

„Meine ersten Erinnerungen sind schmerzvoll“, sagt Tim Emil Brack, wenn er an den Moment zurückdenkt, als er auf der Intensivstation aufwachte. Die Beine bewegen: unmöglich. Den Arm hoch heben: eine Qual. Was passiert war, das weiß der 16-Jährige nur aus Erzählungen. Seine Familie, die an seinem Krankenbett versammelt war, klärte ihn nach und nach auf. „Von dem Zeitpunkt an war es normal, gelähmt zu sein“, sagt Tim Emil heute und wippt lässig mit seinem Rollstuhl vor und zurück. „Die Warum-Frage habe ich mir nie gestellt.“

Es war ausgerechnet der 11. September, der im vergangenen Jahr das Leben des sportlichen jungen Mannes komplett veränderte: Damals hat der Albersdorfer gerade zwei Monate den Motorrad-Führerschein. Früh morgens um sieben setzt er sich auf seine 125er-Maschine und macht sich auf den Weg zur Waldorfschule nach Itzehoe, wo er die elfte Klasse besucht. Auf der A 23 in Höhe der Abfahrt Schenefeld passiert es: Tim Emil fährt mit voller Wucht auf einen Lkw auf, der die Ausfahrt nehmen will und bereits abgebremst hat. Sofort sind zahlreiche Helfer an der Unfallstelle – unter anderem ein Freund, der nur wenige hundert Meter hinter Tim Emil auf der Autobahn fährt. Die A 23 ist für zwei Stunden gesperrt. Ein Rettungshubschrauber bringt den Schwerverletzten nach Hamburg-Boberg ins Krankenhaus. Sechs Tage wird er dort auf der Intensiv-Station verbringen, weitere anderthalb Monate in stationärer Behandlung.

„So lange habe ich noch nie im Bett gelegen“, sagt Tim Emil, der sich selbst beschreibt als „jemand, der nicht viel rumsitzt“. Sport war immer seine Freizeitbeschäftigung Nummer eins: Als Parkour-Turner sprang er über Hindernisse und schwang sich für Touren auf sein Rennrad. So wird die Zeit im Krankenhaus einerseits zur Qual, andererseits aber auch zu einer Zeit des Aufbruchs. Zwar steht fest, dass Tim Emil nie wieder laufen kann, aber seine Motivation ist ungebrochen. „Ich wollte unbedingt wieder fit werden und aus dem Krankenhaus rauskommen.“ Auch wenn es schwer fällt: Nach anderthalb Wochen kann er bereits aufrecht im Rollstuhl sitzen und gibt bei Gerätesport, Reiten und Kajak fahren alles, um seine Kräfte zurückzugewinnen. „Ich habe einfach vergessen, was ich nicht mehr kann, und freue mich über das, was ich noch kann. Das hält mich psychisch fit.“

Am 3. Dezember ist es so weit: Tim Emil kann das Krankenhaus verlassen und wieder ins Haus seiner Eltern einziehen. Die haben das Erdgeschoss provisorisch umgebaut. Auch an der Itzehoer Waldorfschule wurde inzwischen Einiges angestoßen: „Lehrer, Schüler und Eltern haben alles in Bewegung gesetzt, um die Schule schnellstmöglich barrierefrei zu gestalten“, sagt Geschäftsführer Jürgen Beckmerhagen. „Wir haben uns von Tim Emils Mut anstecken lassen.“

Für den 16-Jährigen ist in seinem Leben inzwischen wieder Normalität eingekehrt. Er besucht wieder täglich die Schule, geht drei Mal in der Woche zur Physiotherapie und bewältigt seinen Alltag überwiegend selbstständig. „Wenn mir ständig Hilfe angeboten wird, dann finde ich das eher unangenehm. Ich möchte selbstständig werden.“ Das nächste große Ziel des Schülers ist, Basketball zu spielen. In Meldorf trainiert eine Mannschaft, die nur aus Rollstuhlfahrern besteht. Und auch auf das Motorrad würde er wieder steigen. „Aber nicht mehr im Straßenverkehr. Nur noch auf der Rennstrecke.“ Mit speziellen Umbauten sei das auch für Querschnittsgelähmte möglich.

Über den Unfall selbst denkt der Albersdorfer kaum noch nach, Schuldgefühle hat er nicht. „Wie das passieren konnte, ist mir bis heute nicht klar.“ Sein Fahrstil sei immer „eher moderat“ gewesen. Nur eine Sache bewegt Tim Emil bis heute: „An der Unfallstelle waren unheimlich viele Helfer sofort zur Stelle. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.“

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erstellt am 01.Mär.2016 | 05:00 Uhr

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