zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

23. Oktober 2017 | 10:37 Uhr

Justiz : Heute fällt sein letztes Urteil

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vorsitzender Richter am Landgericht, Eberhard Hülsing, geht in den Ruhestand.

Die Aktenstapel sind klein. Das Büro wirkt aufgeräumt. Es sind nur noch wenige Tage, dann räumt Eberhard Hülsing seinen Schreibtisch. Am Freitag gibt er im Kollegenkreis seinen Ausstand. Heute spricht der Vorsitzende Richter am Landgericht Itzehoe sein letztes Urteil. Es geht um sexuellen Missbrauch. Wie so oft in den vergangenen 35 Jahren.

Gerade diese schweren Fälle waren es, denen sich Hülsing mit voller Aufmerksamkeit gewidmet hat. Zum einen, so sagt er rückblickend, weil es nicht jedemanns Sache ist, solche Verfahren zu führen. Aber auch, „weil ich das Gefühl habe, dass es mir besonders liegt“. Nicht jeder könne Kinder vernehmen, deren Vertrauen gewinnen und am Ende eine verwertbare Aussage erhalten. „Ich habe meistens gespürt, ob es die Wahrheit ist.“

Gesunder Menschenverstand und ein großer Erfahrungsschatz – das sind die Zutaten, die Eberhard Hülsing Lüge und Wahrheit erkennen lassen. „Aber natürlich kann ich es nicht gänzlich ausschließen, dass mir der eine oder andere eine Geschichte aufgetischt hat.“

Bei einem Schuldspruch war für den Vorsitzenden Richter die Sache klar. „Freisprüche hinterlassen hingegen viel häufiger ein schlechtes Gefühl. Die lassen Raum für Interpretationen.“ Auch weil Recht und Gerechtigkeit häufig nicht deckungsgleich sind. Vor Gericht bekommt man nicht immer Recht, aber immer ein Urteil, zitiert Hülsing eine Weisheit aus juristischen Kreisen. „Es heißt: im Zweifel für den Angeklagten, und dazu stehe ich. Ich bin schon stolz in diesem Rechtsstaat zu leben und seine Gesetze umzusetzen zu können, sagt Eberhard Hülsing.

Es sei immer ein Beruf gewesen, den er mit Freude gemacht habe, der ihm immer Spaß gemacht hat. Er habe es immer geschafft, Berufliches und Privates zu trennen. „Selten hat mir ein Prozess schlaflose Nächte bereitet. Aber manchmal bin ich morgens aufgewacht und habe an den bevorstehenden Fall gedacht.“ Dennoch habe der Richter in den vergangenen Jahren immer häufiger festgestellt, dass es langsam genug ist.

Viele Verdächtige und Zeugen hat Eberhard Hülsing in seiner Laufbahn vernommen. Zu etlichen Fällen Sachverständige angehört. Und nicht zuletzt zahlreiche Urteile gesprochen. Dabei ist der Richter immer ruhig und sachlich geblieben und selten persönlich geworden. „Ich bin nicht der Typ, der aus der Haut fährt. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass der Angeklagte mir eine Lüge auftischt, habe ich schon manchmal gesagt, dass ich mich gerade veräppelt fühle.“ Vielleicht sind es gerade diese Momente, die die Prozesse von Eberhard Hülsing so souverän erscheinen lassen. Trotz der schrecklichen Vorwürfe, die dort oft ans Tageslicht kommen, hat der Beobachter das Gefühl, dass der Richter alles im Griff hat und zu einem gerechten Urteil kommen wird.

So wie bei seinem spektakulärsten Fall: dem Dreifachmord von Hemdingen. Das war 1999 und der erste Fall, mit dem sich Hülsing als Vorsitzender Richter zu beschäftigen hatte. Eine Familie war bereits 1986 nachts mit einem Baseballschläger im Bett erschlagen worden. Der Verdächtige musste wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Fast 13 Jahre später wurde der Fall wieder aufgerollt, die Spurensicherung hatte die DNA-Untersuchung verbessert – und die am Tatort genommenen Blutproben wiesen auf den damaligen Verdächtigen als Täter hin. Allerdings nicht mit einem eindeutigen Ergebnis. „Es war ein reiner Indizienprozess und die Hauptzeugin half uns zunächst nicht weiter.“ Freitag sollte der Angeklagte freigesprochen werden, Richter Hülsing entschied, mit dem Urteil bis Montag abzuwarten. Am Wochenende kam die Zeugin und sagte aus, „der Durchbruch“. Ein Jahr lang wurde prozessiert, am Ende stand das Urteil: Lebenslänglich mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Inzwischen ist die DNA-Technik noch weiter und Hülsing weiß, dass er damals das richtige Urteil gesprochen hat.

Künftig wird es keine Urteile von Richter Eberhard Hülsing mehr geben. Aber die Rückkehr in den Gerichtssaal ist trotzdem nicht ganz ausgeschlossen. „Vielleicht komme ich noch mal zurück, als Anwalt, um Opfer zu vertreten.“ Ganz bestimmt aber will er sich mehr dem Haus, der Familie und vor allem seinen Enkeln widmen. Für Eberhard Hülsing sind die schweren Fälle erledigt. Jetzt folgen hoffentlich nur die leichten, bei denen seine Enkel sicher ein sehr mildes Urteil erwarten können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen