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Historisch : Herausforderungen für einen Pumpenbauer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Gesichter und Geschichten hinter Itzehoer Traditionsunternehmen stellen wir in einer Serie vor. Heute: Hermann Müller, der viele Jahre bei Sihi beschäftigt war.

Groß geworden auf dem elterlichen Hof in Rethwisch, ist Hermann Müller fest in der Landwirtschaft verwurzelt. Da er den Hof nicht übernehmen konnte, schulte er um – und wurde technischer Zeichner. Der Unterschied zwischen landwirtschaftlicher Arbeit und Industriebetrieb wurde ihm sofort bewusst, als er 1957 seine Karriere beim Pumpenbauer Sihi begann.

„Alle Mitarbeiter trugen weiße Kittel“, erinnert sich Hermann Müller. „Jeder hatte ein großes Reißbrett vor sich, an dem die Zeichnungen erstellt wurden.“ Außerdem musste er Versuchsprotokolle des Firmenmitbegründers Otto Siemen in Form von Kurven darstellen. Eigentlich kein Problem, doch „seine Sütterlinschrift war wie Hieroglyphen für mich, da mussten ältere Kollegen übersetzen“.

Nach einerUnterbrechung für ein Maschinenbau-Studium in Hamburg kehrte Müller 1964 als Diplom-Ingenieur für Entwicklungs- und Konstruktionsaufgaben zu Sihi zurück. Zu seinen Aufgaben zählte unter anderem die Entwicklung von Kühlwasserpumpen für Schiffsdiesel, die bei einem Wechsel der Drehrichtung immer die gleiche Fließrichtung hatten. Im Jahr 1972 übernahm Müller die Geschäftsleitung der Abteilung Entwicklung und Konstruktion von Flüssigkeitspumpen. „Nun war ich plötzlich für zwölf Mitarbeiter im Büro und zwei Schlosser im Versuchsgebäude verantwortlich.“ Ein Seitenwechsel vom Kollegen zum Vorgesetzten.

Die boomende Wirtschaft sorgte auch bei Sihi für neue Aufträge: „Ständig wurden neue Verfahren und Produkte entwickelt, die eben auch entsprechende Pumpen erforderten“, sagt der Oldendorfer. Dazu gehörte eine komplette Baureihe einstufiger Spiralgehäusepumpen, die sehr unterschiedliche Förderströme und -höhen abdecken konnten. „Die absolute Herausforderung war, völlig leckagefreie Pumpen zu entwickeln.“ Diese wurden in der Chemie für giftige oder ätzende Flüssigkeiten erforderlich, aber auch in Kernkraftwerken, um radioaktive Flüssigkeiten zu pumpen.

Für die Experimente gab es einen speziellen Versuchsraum für heiße Flüssigkeiten, aber auch einen schalltoten Raum, in dem die Schallemissionen der Pumpen gemessen werden konnten. Dort sei einmal ein Kollege vom Pförtner eingeschlossen worden, schildert Müller. „Der Mitarbeiter konnte nun rufen, klopfen, schreien – niemand hörte ihn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Nacht auf Putzlappen zu verbringen. Der Spott der Kollegen am anderen Morgen war ihm gewiss.“

Die wohl größte Veränderung war die Einführung des „Computer Added Design“ (CAD) gegen Ende der 70er Jahre. „Reißbretter waren damit überflüssig, jetzt wurde per Stift auf einem Grafiktablett gezeichnet.“ Vor allem für die technischen Zeichner sei das eine „gewaltige Umgewöhnung“ gewesen, da ihre Konstruktionen, die auf dem Reißbrett bislang den Maßstab 1:1 hatten, nun auf einem kleinen Bildschirm erschienen. „Heute geht ohne CAD gar nichts mehr.“

Seit 1993 ist Müller im Ruhestand. Einige Zeit löste er noch zu Hause am Computer konstruktive Aufgaben, doch längst spielen seine Frau Waltraud, Segeltörns auf der Ostsee und sein Akkordeon die Hauptrolle. Noch heute entdeckt er allerdings hier und da eine Pumpe von Sihi – und denkt sich dann: „Sieh an, die funktioniert immer noch, die hast du selbst einmal konstruiert.“

 

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erstellt am 06.Okt.2013 | 05:30 Uhr

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