Dammfleth-Prozess : Heimtückischer Mord: Lebenslange Haftstrafe für Yasar S. und Jessica M.

Wollen in Revision gehen: die Anwältinnen Katja Münzel (l.) und Johanna Dreger-Jensen (2.v.r.) mit den inzwischen verurteilten Yasar S. und Jessica M.. Fotos: Michael Ruff
Wollen in Revision gehen: die Anwältinnen Katja Münzel (l.) und Johanna Dreger-Jensen (2.v.r.) mit den inzwischen verurteilten Yasar S. und Jessica M..

Sie standen wegen des Mordes an Miroslav P. vor Gericht. Seine Leiche wurde im März 2019 zerstückelt auf dem Hof in Dammfleth aufgefunden. Jetzt steht das Urteil im Mordprozess.

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11. Februar 2020, 17:19 Uhr

Dammfleth/Itzehoe | Wegen gemeinschaftlichen, heimtückischen Mordes an Miroslav P. gehen Jessica M. (38) und Yasar S. (47) lebenslänglich ins Gefängnis. Rund ein halbes Jahr nach dem Prozessauftakt am 22. August 2019 sprach die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt am Dienstag am Landgericht Itzehoe das Urteil.

Noch im Gerichtssaal wurden Jessica M., die frühere Lebensgefährtin des Ermordeten und Mutter seiner zwei Töchter, erneut die Handschellen angelegt. Seit Dezember war sie auf freien Fuß gewesen. Jetzt tritt sie ebenso wie Yasar S. eine mindestens 15-jährige Freiheitsstrafe an, danach kann die Resthaft zur Bewährung ausgesetzt werden.

Geständnis war nur Schutzbehauptung

Dem Geständnis zum Tatverlauf, das Yasar S. gegen Ende der Beweisaufnahme abgelegt hatte, schenkte das Gericht kaum Glauben. So wie schon Staatsanwalt Jan-Hendrik Schwitters in seinem Plädoyer, nannte auch Richterin Hildebrand die Aussage des Angeklagten eine Schutzbehauptung.

Er hatte die zwei Kopfschüsse und spätere Zerstückelung der Leiche gestanden, aber betont, dass Jessica M. während der Tat gar nicht auf dem Hof gewesen sei. Es habe eine Auseinandersetzung zwischen Miroslav P. und seiner älteren Tochter Sophie gegeben. Auch er habe mit Miroslav P. gestritten – und aus Angst, dass dieser eine neben ihm liegende Pistole auf ihn richten könne, habe er nach einer weiteren, schussbereiten Waffe gegriffen und geschossen.

Verlas das Urteil: Richterin Isabel Hildebrandt.
Michael Ruff
Verlas das Urteil: Richterin Isabel Hildebrandt.
 

Eine gänzlich andere Version als die, die Sophie M. ihrem Ex-Freund, dem Hauptbelastungszeugen in dem Verfahren, und einem weiteren Freund nach der Tat geschildert hatte. Demnach hatte sie gemeinsam mit ihrer Mutter Miroslav P. unter einem Vorwand in ihr Kinderzimmer gelockt, wo er sich hinsetzte. Yasar S. hatte sich mit einer Pistole bewaffnet hinter dem Kleiderschrank versteckt, sei hervorgetreten und habe dem Opfer zweimal in den Kopf geschossen.

Handy-Geodaten räumen Zweifel aus

Die Beziehung zwischen Jessica M. und Yasar S. und der Streit zwischen ihr und Miroslav P., der den gemeinsamen Hof in Dammfleth gegen ihren Willen wieder veräußern wollte, wurde in der Urteilsbegründung eingehend nachgezeichnet.

Schlussendlich habe Jessica M. ein Bündel an Motiven gehabt – unter anderem die Angst vor einer Trennung und dem Verlust von Hof und Tieren. Zwar habe das Gericht selbst noch im Dezember Zweifel an der Mittäterschaft von Jessica M. gehabt, aber die Auswertung von Handy-Geodaten habe ein anderes Bild ergeben.

Yasar S. habe den Wunsch nach einer Beziehung zu Jessica M., die er liebte, und einer Übernahme des Lebens von Miroslav P. letztlich dazu bewogen, diesen zu töten. Beiden schrieb die Strafkammer die Tatbeteiligung zu – und blieb beim Strafmaß nur in einem Punkt unter der Forderung des Staatsanwalts. Eine besondere Schwere der Schuld des Yasar S. wurde nicht festgestellt.

Gerechtigkeit hat gesiegt Marius P., Bruder des Mordopfers
 

„Gerechtigkeit hat gesiegt“, sagte im Anschluss an den Urteilsspruch Marius P., Bruder des Getöteten. Gemeinsam mit seiner Mutter Eva Marie P. hatte er als Nebenkläger den Prozess verfolgt. Und auch sie betonte: „Ich bin mit dem Urteil sehr zufrieden.“

Dankbar sei sie dem Hauptbelastungszeugen, dass er den Mut gehabt habe, den Fall ins Rollen zu bringen. „Sonst hätten wir noch immer in Ungewissheit gelebt.“ Denn Jessica M. hatte Miroslav P. 2017 als vermisst gemeldet, was polizeilich nicht weiter verfolgt wurde, weil er sich öfter mal längere Zeit „absetzte“.

Lob für Zivilcourage des Hauptbelastungszeugen

Die Zivilcourage des Jugendlichen hatte übrigens Richterin Hildebrandt ausdrücklich gelobt. Dem jungen Mann, der sich nach seiner Aussage Diffamierungen und Schikanen ausgesetzt sah, sei Respekt zu zollen.

Ich gehe davon aus, dass das Urteil aufgehoben wird. Johanna Dreger-Jensen, Anwältin von Jessica M.
 

Die Verteidigerinnen beider Angeklagten kündigten Revision an. Katja Münzel, Anwältin von Yasar S.: „Ich halte das Urteil für nicht haltbar.“ Es stütze sich überwiegend auf Zeugen von Hörensagen. Sie hatte für Yasar S. auf sieben Jahre wegen Totschlags plädiert. Anwältin Johanna Dreger-Jensen hatte für Jessica M. Freispruch gefordert. Ihre Mandantin sei gefasst, aber es gehe ihr „natürlich nicht gut“. Dreger-Jensen: „Ich gehe davon aus, dass das Urteil aufgehoben wird.“

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