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Heimspiel für Steinburgs einzige EU-Abgeordnete – ein Ortstermin

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2014 | 09:09 Uhr

Gleich zum Auftakt stellte Peter Lüschow klar: Nein, der Bauernverband wolle natürlich keine Wahlwerbung betreiben. Verschmitzt fügt er aber hinzu: „Seit fünf Jahren haben wir jetzt einen kurzen Draht nach Brüssel, und wir würden uns freuen, wenn Britta Reimers auch in den nächsten fünf Jahren auf europäischer Ebene aktiv wäre.“ Tatsächlich waren die Landwirte aus der Region seit den Zeiten von Ernst Engelbrecht-Greve niemals dichter dran an den für sie oft bedeutsamen EU-Entscheidungen. Britta Reimers ist gelernte Landwirtin, die 43-Jährige betreibt mit ihrem Mann einen Milchvieh-Futterbaubetrieb in Poyenberg. 2009 zog sie nach einer Zitterpartie für die FDP ins Europa-Parlament ein.

Der vom Bauernverband organisierte Ortstermin auf dem Hof Hackelshörn in Horst geriet für Britta Reimers denn auch zu einem Heimspiel. Man merkte schnell: Landwirte unter sich. Ralf Bahlmann und Christian Ratjen stellten ihren wohl auch aus europäischem Blickwinkel hochmodernen Milchviehbetrieb vor. Hier werden die Tiere automatisch mit Futter versorgt. Wie von Geisterhand gesteuert gleitet die Futterbox durch die Stallungen. Verspürt eine Milchkuh einen entsprechenden Drang geht sie zum Melkroboter, der ebenfalls vollautomatisch für Erleichterung sorgt. Bei aller moderner Technik setzt Hof Hackelshörn aber auch auf alte Werte. Hochleistungskühe findet man hier nicht, stattdessen die bewährten Rotbunten. Die sind zwar nur für 7000 Liter Milch im Jahr gut, dafür aber sehr viel robuster. Dazu sorgen sie in der Doppelnutzung mit der Fleischverwertung für ein zweites wichtiges Standbein.

Prämienwirtschaft, immer mehr Bürokratie und viel zu viel Geld für den Naturschutz. In der anschließenden Diskussionsrunde waren die Themen schnell gefunden. „Ich habe nichts dagegen, wenn die Auflagen weniger werden, das Geld aber in der Kasse bleibt“, umriss Steinburgs Kreisbauernvorsitzender Peter Lüschow die Sichtweise seiner Berufskollegen. Dass eine weitsichtige Politik auch aus europäischer Sicht aber sehr viel mehr bedeutet, als die Berücksichtigung von Einzelinteressen, machte Britta Reimers dabei deutlich. Sicher gebe es eine Ungleichgewichtung zugunsten des Naturschutzes. Aber: Eine intakte Umwelt verursache nun einmal auch Mehrkosten. Außerdem gehöre zu politischer Nachhaltigkeit weit mehr. Die 43-Jährige nannte Soziales und Frauenförderung als Beispiele. Zudem lenkte sie den Blick auf die drohenden Probleme für den gesamten ländlichen Raum: „Wenn die Entwicklung so weiter geht, müssen wir die Kinder aus unseren Dörfern vielleicht bald in ein Internat schicken.“ Politik für den ländlichen Raum heiße denn auch: „Wir müssen zum Beispiel auch die kleinen Handwerksbetriebe unterstützen.“

Glaubt man Britta Reimers steht aus der Europäischen Union reichlich Geld bereit. „Die Probleme bei der Umsetzung liegen in Berlin und in Kiel.“ So seien zum Beispiel enorme Mittel für die Breitbandförderung wieder zurückgeflossen, weil „die Verfahren für die Maßnahmen in Schleswig-Holstein einfach viel zu kompliziert sind“. Peter Lüschow pflichtete dem schnell bei: „Die Töpfe sind voll.“ Gleichwohl müsse man beim Thema Naturschutz auch die für die Landwirte immer knapper werdenden Flächen im Auge behalten. Für Britta Reimers endet dieses Thema denn auch gar nicht am nächsten Knick. Man könnte, so ihr spontaner Vorschlag, Naturschutzmittel auch in den Städten gut einsetzen. „Leute einstellen, die den Müll wegräumen, ist auch Naturschutz. Warum damit nicht ein grünes Itzehoe schaffen ?“

Ganz andere Sorgen treiben die Obstbauern um, wie Pinnebergs Bauernvorsitzender Georg Kleinworth beklagte. Hier seien bei den Anbauflächen von einst 2500 nur noch rund 500 Hektar übrig geblieben. Das Problem: Weil die Zulassung notwendiger Pflanzenschutzmittel für die Hersteller immer aufwendiger werde, drohe das Aus für alle Obstbauern. Prompt entbrannte eine Diskussion um Sinn und Zweck von Grenzwerten. Einig waren sich alle, dass es hier häufig eine Schein-Debatte um Imagefragen geführt werde. Reimers nannte als Beispiel das Handelsabkommen mit den USA: „Bei uns wird die Angst vor Chlorküken geschürt, in Amerika gilt unser Geflügel hingegen als Schmuddelhühnchen.“ Ihr Fazit: „Wir brauchen eine Gesellschaftskritik über Grenzwerte.“ Bis dahin behilft man sich anderweitig. So werde in der Landwirtschaft nicht mehr von Spritzmitteln, sondern von Pflanzenmedikamenten gesprochen. Und: Es gebe erste erfolgreiche Versuche, Kühen Oregano unters Futter zu mischen, weil diese Würzpflanze antibiotische Wirkung habe – und eben nicht aus der Tierapotheke komme.

Am Ende war schnell klar: Soweit lagen Landwirte und EU-Politikerin nicht auseinander. Einig waren sich alle Seiten ohnehin in der Forderung nach einem Abbau von Bürokratie und in der Erkenntnis: „Der Weltmarkt liegt hier direkt bei uns vor der Tür.“ Schnell nutzte Britta Reimers dann noch die Chance, für den Wahlsonntag zu trommeln. „Jede Stimme, die fehlt, verschafft den Parteien links und rechts außen mehr Gewicht.“ Und: „Die Bevölkerung sollte unsere Arbeit aktiv begleiten.“

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