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Norddeutsche Rundschau

17. August 2017 | 00:03 Uhr

Ruhestand : Hausmeister im feinen Zwirn

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Er hatte einen Arbeitsplatz mit Geschichte: Günter Reinke war als Hausmeister nicht nur im neuen, sondern auch im Historischen Rathaus im Einsatz. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Nach 33 Jahren Dienst als Hausmeister im Rathaus beginnt für Günter Reinke (65) jetzt der Ruhestand. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir eine gekürzte Fassung eines Texts über ihn, der im Buch „Stadtgespräche aus Itzehoe“ im Gmeiner Verlag erschienen ist:

Er hat handwerkliches Geschick, kennt sich mit Technik aus und hat einen Blick für Ordnung und Sauberkeit. Eigentlich bringt er alles mit, was man für den Beruf des Hausmeisters braucht. Das dachte Günter Reinke auch selbst, als er im August 1980 seinen Dienst bei der Stadt Itzehoe antrat – und dann musste er sich erst einmal einen schicken Anzug kaufen. Denn Reinke sollte nicht nur für den Verwaltungsbau in der Reichenstraße zuständig sein – die Logistik für den Umzug im Januar 1981 dorthin war seine erste große Aufgabe -, sondern zusätzlich für das repräsentative Historische Rathaus am Markt.

Er ist das Heinzelmännchen im Hintergrund, bereitet Sitzungen vor oder räumt mithilfe von Bauhof-Mitarbeitern die schweren Holztische aus dem Weg. Bei Festivitäten muss er sogar ins Rampenlicht treten, das Büfett mit anrichten, Wein ausschenken und die Gäste bedienen. „Das sind alles Sachen, die ein Hausmeister sonst nicht macht“, erklärt Reinke lachend. „Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass so etwas auf mich zukommt.“

Der gebürtige Saarländer kann inzwischen auf einen umfangreichern Erfahrungsschatz rauschender Feiern zurückblicken. „Wir hatten riesige Feten im Ständesaal, zum Beispiel die Partnerschaftsveranstaltungen mit Cirencester und La Couronne. Früher gab es auch noch viermal im Jahr Rekrutenempfänge mit 200 Soldaten. Da habe ich im Akkord hinterm Tresen die Bierflaschen aufgemacht.“ Zuvor angestellt bei der Bahn, musste er erst in die Repräsentationsaufgabe im Anzug hineinwachsen.

Wie aus dem Effeff funktioniert auch der Sitzungsdienst bei den Ratsversammlungen. Die Arbeit, die Reinke schon erledigt hat, bevor der Bürgervorsteher die Konferenz eröffnet, kann der Besucher nur erahnen: Sie reicht vom Stühlerücken über das Bereitstellen der Getränke bis zum Auswechseln der Glühbirnen im riesigen Kronleuchter. Früher hat er für letztere Aufgabe beinahe akrobatische Leistungen vollbracht. „Die Leiter hat nie ausgereicht, um hoch zu kommen“, berichtet Reinke. Also habe er Tische zusammengerückt und sie darauf gestellt. „Dann wurde ich dazu verdonnert, Sicherheitsmensch zu werden. Da konnte ich nicht mehr herumturnen, also hab’ ich erst einmal eine vernünftige Leiter gekauft.“

Während die Politiker schließlich über Wohl und Wehe der Stadt entscheiden, sitzt der Hausmeister in der Ecke und bedient das Aufnahmegerät, um die Wortbeiträge aufzuzeichnen. „Das kam irgendwann dazu“, erklärt er und erledigt diese Aufgabe, wie er alles andere auch macht: zuverlässig und ohne viel Aufhebens. Günter Reinke ist zur Stelle, wenn man ihn braucht, ohne große Worte. In der Anfangszeit seiner Tätigkeit habe er noch mit Interesse die Sitzungsvorlagen und Protokolle gelesen und die Diskussionen aufmerksam verfolgt „Aber nach über 30 Jahren höre ich nicht mehr hin.“

Günter Reinke hat Dutzende Kommunalpolitiker miterlebt, viele Beamte kommen und gehen sehen und die Amtsperioden diverser Bürgervorsteher überdauert. Dr. Andreas Koeppen ist der vierte Bürgermeister, unter dem er arbeitet. „Immer wenn ein Neuer kam, haben wir uns gesagt: ‚Den überleben wir auch noch. Wenn der schon lange nicht mehr da ist, sind wir immer noch im Dienst.‘“, sagt der Hausmeister grinsend. Er hat wohl für jeden aus der Rathausbelegschaft schon einmal den Schreibtisch verstellt oder die Heizung zum Laufen gebracht. Er kann überall hinter die Kulissen schauen, kennt die Macken der Mitarbeiter. Doch selbst langjährige Rathausbedienstete haben noch nie Kritik aus seinem Mund gehört. Nach den Leichen im Keller befragt, lächelt er nur – und schweigt.

Reinke redet lieber von den vielen kleinen Anekdoten, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Da wird aus dem Hausmeister, der anfangs fast wortkarg wirkt, ein eloquenter Erzähler, der seine Geschichten mit einem guten Schuss trockenen Humors und verschmitzten Anspielungen würzt.

Generell müsse man den Blick dafür haben, was sofort gemacht werden muss und was Zeit habe, beschreibt Reinke eine der wichtigsten Fähigkeiten eines guten Hausmeisters. „Sauberkeit hat höchste Priorität“, betont er. „Ich scheue mich nicht davor, die Straße zu fegen oder McDonald’s-Tüten einzusammeln. Das ist der Kontrast“, erklärt er. „Meine Tätigkeit bewegt sich zwischen Müllsammeln und im feinen Zwirn Wein einschenken. Die Bandbreite ist gewaltig.“ Genau diese Vielseitigkeit habe ihm immer Spaß bereitet.

„Bei der Bahn wäre ich schon längst in Pension“, meint Reinke. Es ist lediglich eine Feststellung, es schwingt kein Bedauern mit. „Ich habe es nie bereut, dass ich den Posten als Hausmeister übernommen habe.“ Und das eine oder andere Mal werde er sicherlich auch als Rentner ins Historische Rathaus kommen. „Vielleicht gucke ich mir sogar mal eine Ratsversammlung an…“

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erstellt am 01.Jan.2014 | 09:15 Uhr

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