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Denkmalpflege : Hausbesitzer fühlen sich wie enteignet

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nachdem sie Post vom Landesamt für Denkmalschutz bekommen haben: Neuenbrooker befürchten wirtschaftliche Nachteile. Notfalls wollen sie vor Gericht ziehen.

Seit Henning Hofmann Post aus Kiel bekommen hat, fühlt er sich nicht mehr als Herr im eigenen Hause. Das Landesamt für Denkmalpflege kündigte an, sein Haus in Neuenbrook unter Denkmalschutz stellen zu wollen. Hofmann hat im Anhörungsverfahren erstmal einen Anwalt eingeschaltet. Er will Widerspruch einlegen und notfalls sogar vor Gericht ziehen. Und Hofmann steht nicht allein da.

Innerhalb weniger Wochen hätten zahlreiche weitere Eigentümer von Gebäuden in Neuenbrook Post bekommen. Zwei Gebäude seien inzwischen schon in die Denkmalliste eingetragen, für zwei laufe das Anhörungsverfahren und bei drei weiteren sei die Eintragung geplant. „Das ist eine glatte Enteignung“, schimpft Hofmann – und mit ihm die Nachbarn Ralf Bredenberg und Christian Sühl. Auch ihre Häuser sollen künftig nicht mehr nur „einfaches Kulturdenkmal“ sein, sondern mit den strengen Auflagen des Denkmalschutzgesetzes belegt werden.

Tatsächlich prägen alle jetzt betroffenen Häuser nachhaltig das Ortsbild der Gemeinde – und das seit Jahrhunderten. Gleichzeitig wurden die Hofgebäude aber auch immer wieder den Bedürfnissen ihre Bewohner angepasst. Mal gab es Umbauten, dann wurden Grundrisse verändert, hier und da wurden preiswerte Kunststofffenster eingebaut oder auch der Eingang auf eine andere Seite verlegt. In einem offenen Brief machen Hofmann, Bredenbek und Sühl nun deutlich: „Unsere Häuser sind überwiegend seit Jahrhunderten im Familienbesitz und über Generationen erhalten und gepflegt worden. Und jetzt sollen sie eingetragen und so vor ihren Besitzern geschützt werden ?“

Alle drei befürchten massive wirtschaftliche Nachteile. So werde der Verkaufswert ihrer Häuser drastisch sinken, wenn im Grundbuch erst einmal ein Stempel von der Denkmalschutzbehörde zu finden ist. Fraglich sei zudem, ob man gegebenenfalls die strengen Auflagen überhaupt erfüllen könne. „Ein 30 bis 50 Meter langes Fachhallenhaus mit einer Nutzfläche von 1000 Quadratmetern mit Reet einzudecken, kostet mehr als 100 000 Euro“, rechnet Henning Hofmann vor. Auch eine landwirtschaftliche Nutzung sei für die Zukunft keine Lösung, da dies nur schwer mit moderner Tierhaltung zu vereinbaren sei. „Wir stehen ja zu unseren alten Gebäuden und würden nie auf die Idee kommen, die platt zu machen“, sagt Hofmann. Ob eines Tages sein Sohn allerdings das Haus mit der Denkmalschutzbürde übernehmen wolle, sei mehr als fraglich. Christian Sühl pflichtet ihm bei: „Das Gesetz vernichtet eher Denkmale, als dass es sie schützt. Weil die Häuser nicht mehr verkauft werden könnten, drohten überall Ruinen. Ralf Bredenbek verweist zudem auf die massiven Einschränken von Baumaßnahmen rund um ein Denkmal. So befürchtet der aktive Landwirt, dass unter diesen Bedingungen auch nicht mehr wirtschaftlich gearbeitet werden könne. Nicht einmal das Aufstellen kleiner Windkraftanlagen für den Eigenbedarf sei dann noch möglich – obwohl dies nach dem neuen Landesbaugesetz künftig ohne Genehmigung sogar in jedem engen Neubaugebiet erlaubt werde.

Apropos Wind: Die drei Neuenbrooker hegen den Verdacht, dass die Denkmalpfleger ausgerechnet in ihrer Gemeinde mit Eintragungen beginnen, um in der Umgebung geplante Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energie zu verhindern. Sühl: „Wir müssen auch daran denken, dass eine Gemeinde sich wirtschaftlich weiter entwickeln kann.“ Angesichts kreisweit fast 500 einfachen Kulturdenkmalen, die bald alle auf den Denkmalliste auftauchen könnten, fürchtet er: „Soll eine Autobahn 20 künftig jedes einzelne Gebäude großräumig umrunden ?“

Auch die Aussicht auf mögliche steuerliche Erleichterungen bei Restaurierungs- oder Sanierungsarbeiten tröstet die Neuenbrooker nur wenig. Sühl: „Da kann ich gar nichts mehr selbst machen und muss immer einen teuren Handwerker holen.“ Hennig Hofmann ergänzt: „In einigen Jahren bin ich Rentner. Da hilft es mir gar nicht, wenn ich was von den Steuern absetzen kann.“

„Denkmalschutz auf freiwilliger Basis ja, aber nicht mit der Brechstange“, sehen die Neuenbrooker nun in erster Linie die Politik gefordert. Ein flächendeckender Denkmalschutz kann aus ihrer Sicht ohnehin nur nach hinten losgehen: „Wenn das Landesamt diese Schiene durchzieht, werden andere Hausbesitzer in ähnlicher Lage gewarnt sein und noch schnell Veränderungen vornehmen oder sogar Gebäude beziehungsweise Gebäudeteile abreißen.“

Völliges Unverständnis bringen die Neuenbrooker dabei dem Kreis Steinburg als Sitz der Unteren Denkmalschutzbehörde entgegen. „Bei den eigenen Objekten wie dem alten Kreistagsgebäude in Itzehoe werden offenbar andere Maßstäbe angelegt.“ Dort müsse alles modern, behindertengerecht, praktisch und wirtschaftlich sein. „Argumente, die für uns als Privatpersonen nicht gelten sollen!“ Überhaupt treibt der Denkmalschutz auch sonst im Land aus Sicht der Neuenbrooker merkwürdige Blüten. Als aktuelle Beispiele führen sie den Streit um eine Nissenhütte und den Plattenbau des Ahrensburger Rathauses an (wir berichteten, d. Red.).

In einem ersten Schriftwechsel mit dem zuständigen Landesamt beißen die Neuenbrooker offenbar auf Granit. Der von Hofmann eingeschaltete Itzehoer Anwalt verweist unter anderem darauf, dass die jetzt zur Eintragung anstehenden Gebäude seit Jahrzehnten im Blickfeld der Denkmalschützer stünden. Eine „besondere Bedeutung im Sinne des Denkmalschutzgesetzes“ sei aber nie gesehen worden. Auch sei es bislang gängige Landespolitik gewesen, nur die wirklich besonderen Bauwerke in die Denkmalliste einzutragen. Letztlich nehme eine Eintragung auch nicht angemessen Rücksicht auf die wirtschaftlichen Belange der Eigentümer.

Die Antwort aus Kiel kam jetzt im Januar: Der Bescheid vom Landesamt für Denkmalpflege, dass das Fachhallenhaus von Henning Hofmann jetzt unter Denkmalschutz steht. Bis auf Bagatellarbeiten und kleinere Routine-Reparaturen – und auch die nur, wenn äußeres Erscheinungsbild und Bausubstanz nicht verändert werden – müsse künftig alles von der Denkmalschutzbehörde erst abgesegnet werden. Hoffmann hat vier Wochen Zeit für einen Widerspruch.

Ob er und seine Mitstreiter damit Erfolg haben, scheint fraglich. Zeitgleich mit dem Bescheid betont Dr. Berthold Köster vom Landesamt für Denkmalpflege in einem Begleitschreiben, dass es vom Gesetz her bei der Eintragung von besonderen Kulturdenkmalen keinerlei Ermessensspielräume gebe. Bemerkenswert ist dann sein Hinweis, wie es zu einer Bewertung von Kulturdenkmalen komme: „Hier kommt es nicht auf die Anschauung des sogenannten gebildeten Durchschnittsmenschen, sondern auf den Wissens- und Erkenntnisstand sachverständiger Kreise an.“ Mit anderen Worten: Normale Hausbesitzer könnten das gar nicht beurteilen. Im übrigen weist Köster einen vermuteten Zusammenhang mit der Ausweisung von Wind- und Solarenergieflächen zurück. Schon seit Ende der 1980er Jahre seien die Fachhallenhäuser in Neuenbrook begutachtet worden. Die Eintragung in das Denkmalbuch sei wegen der dünnen Personaldecke aber nur schleppend erfolgt. Und auch ein letztes Argument lässt Köster nicht gelten: „Weil dem Eigentümer in Zukunft unter Umständen höhere Lasten abgefordert werden, ist kein Grund, das Verfahren nicht durchzuführen.“

Für die drei Neuenbrooker ist das eine ernüchternde Aussage: „Wer soll denn in unseren Häusern wohnen, wenn diese für die Besitzer nicht mehr tragbar sind ? Soll der Denkmalschutz die Verödung der Dörfer vorantreiben?“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 01.Feb.2014 | 16:00 Uhr

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