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Norddeutsche Rundschau

19. November 2017 | 19:08 Uhr

Denkmalschutz : Haus voller versteckter Schätze

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Familie Charles erforscht die Geschichte ihres Fachwerkhauses in Glückstadt und benötigt Förderung zur denkmalgerechten Sanierun.

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2016 | 16:20 Uhr

Die Fassade kann täuschen – auch bei Häusern. Das Gebäude in der Schlachterstraße 23 scheint auf den ersten Blick ein einfaches altes Fachwerkhaus zu sein. Doch beim Betreten des Hauses offenbart sich dem Betrachter die Eingangshalle eines historischen Stadtpalais. Davon überzeugte sich auch Beate von Malottky von der Denkmalschutzbehörde des Kreis Steinburg im Beisein von Berthold Köster vom Landesamt für Denkmalpflege. Das Gebäude gehört der Familie Charles, die es denkmalgerecht sanieren und nutzen wollen. Das Konzept dazu stellten Jan Witte von der Architektengruppe Plandreieck sowie der Bauhistoriker Holger Reimers den Denkmalpflegern beim Begutachtungstermin vor.

Das Stadtpalais ist fast 400 Jahre alt und hat eine Wohnfläche von zirka 400 Quadratmetern. Doch das Haus wurde von seinen Bauherren nicht so groß angelegt. Ursprünglich hatte es etwa die halbe Fläche. Der Erstbau war im Jahr 1644, das zeigen Untersuchungen des Holzes. Der An- und Umbau des Hauses fand in den Jahren 1688 und 1701 statt. „Das zeigen Untersuchungen der Bausubstanz sowie eine Inschrift im Giebel“, sagte Reimers. Da wurde das Gebäude hauptsächlich entlang der Schlachterstraße breiter gebaut. 1710 wurde der Stadtpalais nach hinten erweitert. Der Umbau des Hauses zeigt sich nach außen durch die unsymmetrischen Dachschrägen und teils ungleichmäßige Fassade. „Um 1730 stattete der Eigentümer seine Räume einheitlich neu aus“, sagte der Bauhistoriker. „Stuckdecken, verzierte Zimmertüren mit geohrten Rahmen zeigen die Renovierungsarbeiten des 18. Jahrhunderts.“ Der Bauherr habe sich an barocken Gebäuden, wie dem Wasmer Palais orientiert.

„Hier ist immer Geld gewesen. Das zeigen die kurz aufeinander folgenden Baumaßnahmen, die Wandverzierungen und Gemälde.“ Rechts neben der Eingangshalle im Wohnraum des Gebäudeteils von 1644 präsentierte der Historiker die floralen Wandmalereien in goldocker und rot auf hellblauem Grund.

Auch in der Eingangsdiele ist ein Einblick in die Zeit vor der barocken Innenraumausstattung möglich. Oberhalb der Stuckdecke ist eine ältere Malerei mit roten und schwarzen Ranken auf gelblichem Grund zu sehen. Sie wurde auf die Deckenbretter und Deckenbalken des Raumes gemalt. „Die großflächigen Rankenmalereien sind noch gut erhalten, da sie weit über 300 Jahre hinweg durch die Stuckdecken geschützt wurden.“

Neben der kunstvollen Inneneinrichtung zeugen auch die Ausgrabungsrelikte aus der einstigen Kloake des Hauses von einem üppigen Lebensstil der Bewohner im 17. Jahrhundert. Die Familie Charles sammelt sie in Kisten, Kartons und Eimern. Die ganz besonderen Stücke liegen auf einem Tisch in einem der hinteren Zimmer aus. „Ich habe viele Keramikscherben gefunden und Unmengen an Knochen in allen Größen. Einer ist fast weiß, die anderen bräunlich“, sagte Mareike Charles. Auch Tonpfeifen, Austern, Delfter Fliesen, ein Ring, eine Tuchplombe, Waldglas und geschnitztes Spielzeug und Stielgrapen-Kochtöpfe der frühen Neuzeit gehören zu ihren Fundstücken.

„Jetzt gilt zu erforschen, wer sich das Adelspalais im Jahr 1644 – also mitten im Schwedenkrieg gebaut hat. Wer hat es um 1688 umgebaut und welche Bewohner haben im Laufe der beinahe letzten 400 Jahre hier residiert“, so Charles. Mit Sicherheit zu sagen sei, dass Anfang des 19. Jahrhunderts der dänische Stadtsekretär und später der Bürgermeister Peter Raben mit Ehegattin Anna Dorothea Garms und den fünf Kindern nebst den beiden Hausmädchen, dort lebte.

Auch Familie Charles möchte in dem Gebäudes wohnen, im oberen Stockwerk. Geplant sind außerdem vier Ferienwohnungen, eine oben und drei unten. „Wir wollen den Gästen die Geschichte des Hauses nahe bringen.“ Dazu sind unter anderem Zeitfenster geplant. „Unser Konzept für die Nutzung ist so angelegt, dass sie mit der historischen Bausubstanz in Einklang gebracht ist.“

Doch das Stadtpalais umzubauen und die Geschichte zu erforschen koste viel Geld. Deshalb benötigt Familie Charles Förderungsgelder. Ihre Hoffnung ist, diese von Land, Bund und Stiftungen zugesprochen zu bekommen. Berthold Köster vom Landesamt für Denkmalpflege sieht den Unterstützungsbedarf: „Wenn ich meinen ganzen Förderungstopf hier reinwerfe, dann kann ich keinen anderen Projekten mehr etwas zukommen lassen. Der Landeskonservator sollte mit ins Boot geholt werden.“

Beate von Malottky vom Denkmalschutzamt: „Familie Charles geht mit hoher Sensibilität und Offenheit für die denkmalpflegerischen Belange an das Projekt heran. Die Zusammenarbeit im Team mit den Eigentümern und den erfahrenen Fachleuten verspricht ein gutes Ergebnis.“

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