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Norddeutsche Rundschau

23. August 2017 | 08:27 Uhr

Integration : Hassan gehört zur Familie

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie Birgit Molitor ihr Haus für einen 19-jährigen Somalier öffnete und für ihn Mutter, Schwester und Freundin wurde.

Einen Schlüssel braucht er nicht. „Hallo“ ruft Hassan Omar und drückt die Tür von Birgit Molitor einfach auf. Die offene Tür ist so etwas wie das Symbol in ihrem Haus. Denn die
49-Jährige hat es für Flüchtlinge geöffnet. Und mittlerweile ist zumindest Hassan aus Somalia ein Teil ihrer Familie geworden. „Sie ist für mich Mutter, Schwester, Freundin – irgendwie alles“, sagt Hassan, der im vergangenen Jahr gut Deutsch gelernt hat.

Das liegt auch daran, dass der 19-Jährige in einem deutschen Haushalt ein und aus geht. Er hat zwar eine eigene Wohnung, lebt aber bei Birgit Molitor, deren Lebensgefährten und ihrem jüngsten Sohn Rasmus. „Familienanschluss“ hätte man das früher genannt, bei Flüchtlingen spricht man gern von Integration.

Birgit Molitor spricht von teilen. Sie teilt ihre Zeit, ihr Haus, ihr Essen, und ja, auch Geld. Hassan tauscht mit Rasmus Kleider, sie hören zusammen Musik, Weihnachten und Silvester haben sie zusammen gefeiert. Eine Nachbarin bringt Hassan Deutsch bei. Birgit Molitor kümmert sich um Organisatorisches, für Hassan und fünf andere Flüchtlinge aus Somalia. Hat sie nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln keine Angst, wenn sie manchmal mit mehreren afrikanischen Männern in ihrem Haus zusammen ist? Die 49-Jährige lacht. „Warum? Das sind ganz normale Menschen, die ich eingeladen habe. Die nehmen mir doch nichts weg.“

Begonnen hat alles vor einem guten Jahr. Birgit Molitor arbeitet als Akutpsychiaterin im Klinikum Itzehoe und sieht die Folgen der Flucht bei Menschen, die es bis nach Deutschland geschafft haben. „Ich konnte nicht verstehen, dass Menschen, die das überstanden haben, versuchen, sich bei uns umzubringen – und das auch schaffen. Ich musste etwas tun.“

Und so trifft sie in einer Auffangwohnung der Stadt auf sieben Somalier, die sich alle nicht kennen. Sie und ihr Lebensgefährte helfen ihnen, einen Sprachkurs und eine Wohnung zu finden. „Doch das reicht ja nicht“, sagt Birgit Molitor. Viele Flüchtlinge wüssten nicht, wie sie sich in einer völlig fremden Welt bewegen sollen. „Ich kenne viele, die sitzen nur mit anderen Flüchtlingen zusammen“, sagt Hassan. „Die reden nur in ihrer Heimatsprache, von Deutschland wissen sie nicht viel.“ Für ihn sei es auch schwer gewesen, sich an manche Gepflogenheiten in Deutschland zu gewöhnen, auch das gemeinsame Essen mit Messer und Gabel sei er nicht gewohnt gewesen. „Und Wäsche habe ich in Afrika nur mit der Hand gewaschen.“ Wie viele andere hatte er ein Problem mit der Pünktlichkeit. „Ich nenne das rendezvous africain – wenn man da um drei Uhr einen Termin hat, dann kann man auch gern um fünf kommen.“

In Itzehoe ist das anders, bald wird Hassan ein Praktikum in einem Itzehoer Autohaus beginnen. „Jeden Morgen um acht Uhr“, sagt der Somalier. Dass es darauf ankommt, hat er von seiner deutschen Familie gelernt.

Seine afrikanische Familie gibt es nicht mehr. „Mein Vater ist von Milizen erschossen worden“, sagt Hassan und sieht an die Decke. Seine beiden Brüder habe er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Und eines Tages habe seine Mutter alles restliche Geld zusammengekratzt und ihn nach Europa geschickt. Von ihr und seinen drei Schwestern hat er seitdem nichts mehr gehört. Zwei Jahre lang sei er auf der Flucht gewesen, durch neun Länder. In Kroatien sei er registriert worden, dort habe er im Gefängnis gesessen. Als er in Deutschland ankam, wollten ihn die Behörden nach Kroatien zurückschicken. Birgit Molitor hat es verhindert, mit viel organisatorischem Geschick, der Hilfe einer Rechtsanwältin und der Kirche. „Ohne die würde ich heute wieder im Gefängnis in Kroatien sitzen“, sagt Hassan. „Ich hatte Glück.“ Und Birgit Molitor.

Vor einem halben Jahr hat die Ärztin den Bürgerpreis der Novitas BKK für ihr Engagement bekommen. Das Preisgeld hat sie „ihren“ Flüchtlingen gegeben. Dass die zu ihrer Familie gehören, ist für sie normal. Sie versteht ihre Hilfe als Angebot. „Jeder kann kommen – keiner ist hier an irgendwas gebunden.“

Und wie geht es weiter?

Hassan Omar will in Deutschland bleiben. „Das ist mein Ziel“, sagt er. Er will im kommenden Jahr den Hauptschulabschluss machen, danach am liebsten Transportlogistiker werden. Und wohnen möchte er weiter bei Birgit Molitor. Und sie? Sie denkt nicht groß nach, sie hilft einfach. „Jemand hat mal gesagt, dass so etwas, wie ich es mache, nicht geht. Aber ich habe es einfach gemacht. Und heute sage ich: Auch bei anderen geht das. Denen kann ich nur sagen: Öffnet eure Türen.“

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erstellt am 22.Mär.2016 | 12:00 Uhr

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