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Landwirtschaft : Hartes Stück Arbeit für billige Butter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein Besuch im Kuhstall von Bauer Ehlers in Grevenkop: Wie die Milch über den Umweg Barmstedt und einen Discounter zu den Verbrauchern kommt.

shz.de von
erstellt am 16.Nov.2014 | 15:21 Uhr

Wer sich zur morgentlichen Zeitungslektüre noch ein Brötchen mit guter Butter schmieren kann, hat dies auch einem Grevenkoper Landwirt zu verdanken. Der Hof Ehlers gehört zu den rund 900 Lieferanten, die den wertvollen Rohstoff Milch an die Meierei Barmstedt abgeben. Und die machen daraus mildgesäuerte Butter (Foto oben) in goldener Verpackung – auch für einen großen Discounter. Aktueller Preis für ein halbes Pfund: 85 Cent. Ein echter Dumpingpreis, wie ein Blick auf die Kalkulation von Bauer Eike Ehlers erkennen lässt.

Rund fünf Liter muss er liefern, damit die Meierei daraus 250 Gramm Butter machen kann. Pro Liter bekommt er derzeit 32 Cent. Wie das eklatante Gefälle zwischen Verkaufspreis von Milchprodukten und den Erlösen der Bauern zustande kommt, kann auch Eike Ehlers nicht entschlüsseln. Er könnte ohnehin nichts ändern. Die Meierei zahlt an Milchgeld das aus, was auf dem Markt zu holen ist. Klagen will er trotzdem nicht, noch nicht. Schließlich sei das vergangene Jahr mit einer durchschnittlichen Auszahlung von 40 Cent pro Kilogramm Frischmilch auch für ihn ein gutes Jahr gewesen. Dennoch verfolgt er die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Immerhin: „Noch bekommt man alles vermarktet.“

Den ein oder anderen Bauern holt jetzt allerdings auch ein Spiel mit dem Feuer ein. Weil alle Milchproduzenten nur soviel liefern dürfen, wie ihre jeweilige Quote zulässt, werden Überlieferungen bestraft. Eike Ehlers will darüber aber nicht so gerne reden: „Das ist eben unternehmerisches Risiko.“ Bleibt die Erkenntnis, dass das Milchgeld für ein ordentliches finanzielles Auskommen auf den Höfen oft einfach zu niedrig sei. Ehlers hat da einen guten Vergleich parat: „Wir arbeiten mit den Erlösen von vor 30 oder 40 Jahren, aber zu Kosten des Jahres 2014.“ Das wäre so, als wenn der Liter Heizöl heute noch für 14 Cent zu bekommen sei.

Alles, was unter 30 Cent liegt, bedeutet für den Hof Ehlers ein Leben von der Substanz. „Allein die Produktionskosten liegen schon bei 20 Cent pro Kilogramm Milch“, rechnet er vor. Stall, Arbeitslöhne, Steuern, Versicherungen, Tierarzt – all das kommt noch oben drauf. Und weil Winter und Sommer so mild wie lange nicht mehr waren, kämpft Ehlers auch noch an einer anderen Front. Gerade hat er für 1000 Euro Rattengift gekauft, um in den Futterlagern die Plage mit den ungebetenen Nagern in den Griff zu bekommen. „Und schließlich wollen wir ja auch noch von etwas leben“, macht Ehlers deutlich, dass der Hof eine vielköpfige Familie ernähren muss. Wie zum Beweis holt Svenja Ehlers, Mutter von vier kleinen Kindern, ein halbes Pfund Butter aus dem Kühlschrank, hergestellt in der Meierei Barmstedt: „Wir sind schließlich auch nur Verbraucher.“

In die gemütliche Kaffeerunde in der Küche kommt inzwischen Bewegung. Oma Renate drängt zum Melken. Die Kühe sind an feste Zeiten gewöhnt. Junior Johann kehrt mit einem leeren Rucksack von einem längeren Fußmarsch quer über den Acker zurück. Er hat Mitarbeiter Axel Mehrens mit Kaffee und Keksen bei Laune gehalten. Irgendwo auf dem weitläufigen Terrain mussten Drainageleitungen gereinigt werden.

Ortswechsel: Im Kuhstall herrscht unter den Tieren schon gespannte Unruhe. 95 Milchkühe wollen ihre Tagesproduktion los werden. Das macht für Renate und Svenja Ehlers drei Durchgänge mit jeweils 32 Tieren. Einhalb Stunden sind dafür angesetzt. Wenn alles glatt läuft. Und das zweimal am Tag und an 365 Tagen im Jahr.

Die beiden Frauen gehen routiniert ans Werk. Kurze Sichtprüfung und Reinigung, schon hängen die Zitzen an der Melkanlage. Zwischendurch werden Kühe, die gerade geboren haben, noch mit einem Bändchen markiert. Deren Milch darf auf keinen Fall in den Tank, wird an die Kälber verfüttert. „Das ist Emma“, zeigen Eike und Svenja Ehlers noch stolz auf ihre mit 11,7 Jahren älteste Milchkuh im Stall. Die durchschnittliche Quote schafft sie nicht mehr. 28 Liter Milch wirft die Arbeit pro Tier und Tag ab. Noch einmal zum Vergleich: Das reicht gerade, um gut ein Kilogramm Butter herzustellen.

Während die Frauen sich an den Milchkühen abarbeiten, versorgt der Bauer die Kälber. Einem erst wenige Stunden alten Kälbchen gibt er das

 

Fläschchen. „Das ist jetzt gebondet, da bin ich die Mutter“, freut sich Eike Ehlers – eher misstrauisch beäugt von Mutter Kuh. Tatsächlich, das Kälbchen folgt ihm jetzt auf Schritt und Tritt. „Das ist auch alles Arbeit“, sagt er noch schnell. Arbeit, die aber offensichtlich auch viel Spaß macht.

Gegen 18 Uhr ist die Hauptarbeit getan. Die Milchkühe sind zufrieden, die Kälber satt und auch Mitarbeiter Axel Mehrens läutet den Feierabend ein. Und schnell ist Eike Ehlers wieder bei einem Thema, das ihn richtig aufregen kann. Da kämen, so empört er sich, Menschen, die behaupten, die ganze Milch sei mit Antibiotika verseucht. Dabei würden nur wirklich kranke Tiere mit Medikamenten versorgt – wie beim Menschen auch. Was ihn richtig in Rage bringt, ist, wenn konventionell wirtschaftende Landwirte auch noch als Umweltzerstörer diskreditiert würden. Ehlers präsentiert die aktuelle Ausgabe eines Nachrichtenmagazins, das sich mit der Produktion von Lebensmitteln beschäftigt. Danach, so heißt es dort, sei der Wettbewerb mit Bio-Bauern nicht fair. Schlimmer noch: Die wahren Kosten der konventionellen Landwirtschaft spiegelten sich nicht im Preis der Ware wider. Bei 85 Cent pro Butterpaket stimmt das wohl. Aber auf den Verkaufspreis hat Familie Ehlers keinen Einfluss.

Jetzt drängelt Johann. Der älteste Spross der Familie steht auf dem Hof mit einem Krug voll Milch von den eigenen Kühen. „Er hat woanders auch mal Milch aus der Packung probiert und gesagt, die schmeckt nach Pappe“, sagt Mutter Svenja. Der Tag auf dem Hof neigt sich dem Ende entgegen. Später noch ein Kontrollgang, vielleicht Geburtshilfe im Stall. Und am Morgen ist die Familie wieder beim Melken. Für die eigene Milch – und für die billige Butter.

 

 

 

 

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