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Norddeutsche Rundschau

21. August 2017 | 05:21 Uhr

Harte Zeiten im Frauenhaus

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Geld fehlt: Mitarbeiter fordern Umsetzung von EU-Konvention

Sie soll Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt verhüten und bekämpfen – mit diesem Ziel trat am 1. August die Istanbul-Konvention in Kraft. In elf europäischen Ländern, darunter Italien, Serbien, Spanien und Türkei, ist das Übereinkommen des Europarats nun geltendes Recht. In Deutschland nicht. Auch hier wurde das Übereinkommen zwar 2011 unterzeichnet, aber bis heute nicht ratifiziert.

Das sollte sich schleunigst ändern, fordern Eva Schön, Heike Siemssen-Bielenberg und Angelika Ribbat vom Itzehoer Frauenhaus. Denn die systematischen Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, die die Konvention sicherstellen soll, bräuchten auch in Deutschland dringend eine verbindliche Grundlage. So sei man etwa von der Forderung, dass alle betroffenen Frauen und Kinder jederzeit Zuflucht und Hilfe in einem Frauenhaus ihrer Wahl finden können, noch weit entfernt.

„Die 16 Frauenhäuser in ganz Schleswig-Holstein sind regelmäßig voll, teilweise übervoll“, sagt Eva Schön. Zumal in den vergangenen Jahren einige Plätze weggefallen sind. Auch die 18 Betten, die in Itzehoe für Frauen und Kinder zur Verfügung stehen, reichen oft nicht aus. Erst am vorigen Wochenende habe sie eine Frau abweisen und nach Nordrhein-Westfalen schicken müssen – dort war der nächste freie Platz. 50 bis 65 Frauen und ebenso viele Kinder finden im Schnitt pro Jahr in Itzehoe Unterschlupf. Manche bleiben nur für eine Nacht, andere mehr als sechs Monate. Und alle haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich.

Bei der Unterstützung der Frauen stoßen die Mitarbeiterinnen zunehmend an ihre Grenzen. Denn nicht nur der Platz ist knapp, sondern auch das Geld. „Die Mittel, die wir bekommen, sind seit Jahren eingefroren“, erklärt Heike Siemssen-Bielenberg. Die Mietkosten, die der Pauschale zugrunde liegen, wurden 1996 ermittelt. Inzwischen habe es immense Preissteigerungen auf allen Ebenen gegeben, insbesondere bei den Nebenkosten: „Wir haben gerade eine dicke Nachzahlung angekündigt bekommen“. Es gebe einen großen Sanierungsstau – wer könne schon Malerarbeiten finanzieren, wenn das Geld für das Nötigste nicht ausreiche? Man sei permanent auf Spenden angewiesen. „Ohne unseren Förderverein könnten wir nicht mehr existieren.“ Früher sei die Unterstützung des Vereins für „nette Extras“ wie Ausflüge verwendet worden, „mittlerweile ist er Feuerwehr für alles“, betont Angelika Ribbat. Und dennoch reiche es nicht: „Möbel gehen kaputt und wir stehen ratlos davor“, sagt Heike Siemssen-Bielenberg.

„Es ist ein Skandal, dass die realen Kosten höher sind als die Pauschale, die wir bekommen“, meint Eva Schön. „Wäre die Istanbul-Konvention endlich geltendes Recht, würde sich eine andere Verpflichtung ergeben, die Frauenhäuser ausreichend auszustatten.“

Doch das ist nicht das einzige Problem im Itzehoer Frauenhaus. Mit Sorge sehen die Mitarbeiterinnen, dass das der Schutz betroffener Frauen und Kinder bei der Frage des Umgangsrechts der Väter oft zu kurz komme. Die mögliche Aussetzung des Umgangsrechts werde selten praktiziert. Früher sei es üblich gewesen, die Frauen im Frauenhaus „in Ruhe zu lassen“, sagt Heike Siemssen-Bielenberg. Heute werde auf eine schnelle Umgangs-Regelung gedrängt. „Der Sicherheitsaspekt wird komplett außer Acht gelassen. In Fällen häuslicher Gewalt ist das grob fahrlässig“, sagt Eva Schön. Angelika Ribbat wünscht sich deshalb „mehr Augenmaß“ bei der Entscheidung. Ein Aufeinandertreffen mit dem gewaltbereiten Vater könne nicht nur belastend sein – sondern auch sehr gefährlich.


> Spendenkonto: BLZ 22250020, Kto 33082576, Sparkasse Westholstein. IBAN: DE02222500200033082576, BIC: NOLADE21WHO.

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erstellt am 06.Aug.2014 | 05:00 Uhr

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