Hanse nutzte Friedrichskoog als Umschlagplatz

Ehemaliger Umschlagplatz: Professor Dr. Jörgen Bracker zeigt auf der historischen Karte den Tiefwasserhafen in Rugenort,  der der Hanse zum Verschiffen von Bier diente.  Foto: Jahnke
Ehemaliger Umschlagplatz: Professor Dr. Jörgen Bracker zeigt auf der historischen Karte den Tiefwasserhafen in Rugenort, der der Hanse zum Verschiffen von Bier diente. Foto: Jahnke

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10. Februar 2012, 03:59 Uhr

Friedrichskoog | Kommt ein neuer Ansatz zur Rettung des Friedrichsköger Hafens aus den Tiefen der Geschichte? Prof. Dr. Jörgen Bracker, sagt: "Ja." Denn der langjährige Leiter des Museums für Hamburgische Geschichte hat entdeckt, dass Hamburgs Tiefwasserhafen einst mitten im heutigen Friedrichskoog lag.

Bracker ist ausgewiesener Fachmann für die Hansezeit, den Elbstrom und das Watt vor der Dithmarscher Küste. 23 Jahre hat er das Gebiet auf seinem ehemaligen Boot, der "Fahrewohl von Büsum" bereist. Seine neuste Entdeckung aber machte er im Archiv, bei der Durchsicht alter Hamburger Kämmerei-Rechnungen: Dort fällt 1355 erstmals der Name "Rugh enorde", aus dem später Rugenort wurde. Mit Segelschuten, flachen Booten, die von der Stadt Hamburg bezahlt wurden, reisten damals Fischer die Elbe hoch bis Rugenort. An Bord hatten sie Hamburger Biertonnen, jede mit 140,8 Litern befüllt. Die flachen Boote waren notwendig, weil die Elbe bei Ebbe an manchen Stellen gerade mal einen Meter tief war. Die tiefgängigen Koggen blieben auf See, denn die Elbe war nicht nur flach, sondern auch gefährlich. Strandräuber und Piraten lauerten überall und überfielen bei Ebbe trocken gefallene Boote.

Zwei Tage währte die Reise die Elbe hinauf bis Rugenort - den Tiefwasserhafen und Umschlagort für Fracht von und nach Hamburg. Umgeladen auf große Koggen ging das Bier von dort aus nach London und in andere Zielorte. Hamburgs Umschlagshafen Rugenort lag auf der Ostseite des Dieksands und war damit geschützt gegen Sturmfluten. So konnte auch die erste große "Manndränke" vom 17. Januar 1362 dem Umschlagplatz im Dithmarscher Wattenmeer wenig anhaben. Erst die zweite große Flut 1634 leitete Rugenorts Ende ein und veränderte das Bild der Watten. Die Ströme flossen fortan nicht mehr parallel zur Küste, sondern in Ost-West-Richtung hinaus aufs Meer. Rugenort, das zu der Zeit nur von wenigen Fischern und Schäfern aus Marne bewohnt war, verschwand von der Bildfläche. Der Name allerdings blieb - und findet sich noch heute mitten in Friedrichskoog wieder.

Ein Indiz dafür, wie bedeutungsvoll Rugenort für Hansestadt war, ist für Bracker auch der Meldorfer Dom. Er diente damals den Seefahrern als weithin sichtbare Landmarke, nach der sie ihren Kurs durchs Wattenmeer fanden. Als 1433 der Dom abbrannte, forderten die Meldorfer, um die Bedeutung ihres Doms für die Schifffahrt wissend, von Hamburg eine finanzielle Beteiligung am Wiederaufbau. Jedoch vergeblich.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Friedrichskoog eine Aneinanderreihung von Quellerinseln mit dem Dieksand an der Spitze. Von 1853 bis 1855 wurden die Inseln dann zum Friedrichskoog eingedeicht. Was blieb, ist das Rugenorter Loch, welches noch heute als Hauptentwässerungssiel in den heutigen Friedrichsköger Hafen fließt. Das Drainagewasser spült noch immer bei Ebbe täglich den Schlick aus Friedrichskoogs Hafen über den zugleich der größte Teil des Koogs entwässert wird.

Doch den Hafen möchte das Land mangels Wirtschaftlichkeit aufgeben. Eine Möglichkeit, ihn zu erhalten, ist für Bracker, Rugenort unter Landschaftsschutz zu stellen. Auf diese Weise könne gleichzeitig vermieden werden, dass der bei der nächsten Elbvertiefung anfallende Schlick in die Watten gekippt und der Hafen deshalb verlanden würde. Für den Hamburger Professor wäre das ein großer Verlust - auch aufgrund der historischen Einzigartigkeit. "Rugenort ist der einzige Platz, damals vor, heute in Dithmarschen gelegen, der von der Hanse benutzt worden ist", unterstreicht er.

Buchhändler Dietrich Wienicke, auf dessen Einladung Bracker am Mittwoch nach Brunsbüttel kam, zog daraus als Fazit: "Im Grunde müssten die Hamburger aus Dankbarkeit den Erhalt des Friedrichsköger Hafens bezahlen." Bleibt zu befürchten, dass das genauso endet wie damals mit dem Brand des Meldorfer Doms.

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