Ausbildung : Handicap muss kein Hindernis sein

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Der 19-jähriger Itzehoer Florian Röttgers hat über die Arbeitsagentur eine Lehrstelle gefunden. Diese möchte jetzt Vorurteile bei Arbeitgebern  gegenüber Menschen mit Behinderungen abbauen.

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17. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Einige Enttäuschungen musste Florian Röttgers schon einstecken: In seinem Traumberuf Kfz-Mechatroniker hat der 19-jährige Itzehoer keinen Ausbildungsplatz bekommen. Wegen seiner schweren Sehbehinderung bekam er dafür keine Chance. Eine Erfahrung, die wie er viele Menschen mit Beeinträchtigungen machen, wie Ronald Geist, Leiter der Heider Arbeitsagentur, bedauert. Er will Arbeitgeber motivieren, verstärkt Schwerbehinderte einzustellen. Florian Röttgers steht als ein Beispiel dafür, dass ein Handicap kein Hindernis im Berufsleben sein muss.

„Nach den Fehlschlägen habe ich mich nach etwas anderem umgeschaut“, erzählt er weiter. Da verhalf ihm der Zufall zu seiner jetzigen Gärtner-Ausbildung bei Rohse Blumenhandel in Ottenbüttel. Im Jobcenter war er auf die Ausbildungsanzeige des Unternehmens gestoßen. „Das Gärtnerische hat mich schon durch meinen Großvater interessiert“, erzählt Florian Röttgers. Und so schrieb er die Bewerbung, die sein Leben grundlegend verändern sollte. Zwar sei die Arbeit anders als der 19-Jährige sich das vorgestellt hatte, „aber ich bin zufrieden“, meint er lächelnd.

„Mit dem Gärtnern zu Hause ist das hier natürlich nicht vergleichbar“, fügt Matthias Rohse hinzu. Er ist gemeinsam mit seinem Cousin Klaus-Reimer Rohse Inhaber des reinen Topfpflanzenbetriebs, dessen Produktpalette typisch deutsche Zierpflanzen umfasst. Menschen mit Beeinträchtigung einzustellen, ist für ihn im Grunde kein Problem. „Rollstuhlfahrer hätten hier allerdings Schwierigkeiten“, räumt er angesichts der Zugänglichkeit der zirka 2,8 Hektar großen Flächen unter Glas und 2 Hektar Freiland ein. Generell aber gilt in der Firma: „Eine Behinderung ist kein Kriterium, eine Bewerbung abzulehnen“, wie Ausbilder Bastian Wunsch betont. „Erstmal sehen wir uns im Praktikum.“

Das Praktikum als Sprungbrett

So absolvierte auch Florian Röttgers zweimal ein zweiwöchiges Praktikum. „Da hat sich Florian als motiviert erwiesen. Er hat uns überzeugt.“ Das sei, so Wunsch, ausschlaggebend für die Zusage für den Ausbildungsplatz gewesen.

Eine Einstellung, die sich Ronald Geist von mehr Arbeitgebern wünschen würde. Denn nach wie vor sei es für Menschen mit Behinderung oft schwer, im Arbeitsleben Fuß zu fassen. „Dabei sind Menschen mit Behinderung nicht weniger leistungsfähig, viele haben sogar besondere Talente“, betont er. Das Thema sei also nicht die Qualifizierung der Bewerber, sondern die Vorurteile der Arbeitgeber. Dabei gebe es verschiedene Unterstützungsangebote für Arbeitgeber, die einen Schwerbehinderten einstellen möchten. Der Betrieb Rohse zeige, dass eine Schwerbehinderung kein Hindernis für eine Berufsausbildung sein muss.

Beruf mit großer Perspektive

„Florian muss sich genauso beweisen wie andere Auszubildende auch“, sagt Bastian Wunsch. Er müsse seine Sinne entsprechend schulen, wobei ihm natürlich vermittelt werde, worauf er achten könne, um sich zurecht zu finden. „Man muss sich Zeit nehmen, und wenn er zu etwas länger braucht, ist das eben so.“ Florian Röttgers’ Leistungen sind gut, „im Dunkeln erkenne ich einiges sogar besser als mancher Geselle“, erzählt er lachend. Im Betrieb fühlt er sich wohl, von den Mitarbeitern – die Firma hat 21 Beschäftigte – werde er fair behandelt. Und „nicht gemobbt wie in der Schule“.

Um seine Zukunftsperspektiven braucht er sich kaum Sorgen zu machen. „Da gibt es ein Riesenarbeitsgebiet weltweit“, so Matthias Rohse. Florian Röttgers kann später als Geselle arbeiten, seinen Meister machen oder ein Gartenbaustudium absolvieren. Auch die Fachsparten sind vielfältig.

Fachkräftemangel als Chance

„Der Fachkräftebedarf ist zunehmend Thema – und eine Chance für Betriebe ist die Einstellung von Schwerbehinderten, die in der Qualifikation gar nicht so schlecht, zumeist besser als der Durchschnitt“, hakt Ronald Geist ein. „Aktuell sind 415 Schwerbehinderte in Dithmarschen und Steinburg arbeitslos gemeldet, fünf Prozent aller Arbeitslosen“, merkt er an. Die Zahl stagniere leider. Geist: „Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Arbeitgeber diese Potenziale erkennen und auch Bewerber mit Schwerbehinderung bei der Personalauswahl berücksichtigen.“

Arbeitgeber, die Fragen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung haben oder auch speziell Arbeits- oder Ausbildungsstellen für Menschen mit Behinderung melden möchten, können sich direkt unter 04821/9595-430 an Tanja Lippke in der Arbeitsagentur wenden.

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