Protest gegen Schliessung? : Hafen Friedrichskoog: Unbekannte zerstören Pipelines

Teilweise wurden die Pipelines mit Bauschaum verstopft.
Teilweise wurden die Pipelines mit Bauschaum verstopft.

Küstenschutzminister Robert Habeck ist sauer: „Solche zerstörerischen Aktionen vergiften das Klima!“ Der Landesbetrieb Küstenschutz erstattet Strafanzeige.

Avatar_shz von
04. Juni 2015, 16:03 Uhr

Friedrichskoog | Unbekannte haben im Hafen von Friedrichskoog (Kreis Dithmarschen) eine Vielzahl von Löchern in die kilometerlange Pipeline für den Saugbagger „Isern Hinnerk II“ gebohrt. Teilweise wurde auch Bauschaum in die Pipeline gefüllt. Laut Augenzeuge soll am frühen Donnerstagmorgen die Pipeline fontänenartig aus allen Löchern gespritzt haben. Der Sachschaden wird nach ersten Informationen auf 80.000 Euro geschätzt.

Seit Jahren gibt es großen Streit und Bürgerbegehren rund um den Hafen Friedrichskoog. Der Hafen ist seit dem 1. Juni 2015 offiziell  geschlossen. Die Anwohner sind strikt dagegen. Der Saugbagger „Isern Hinnerk II“ räumt den Hafen aus und spült das Sediment des Hafenbeckens per Rohrleitung in das außendeichs liegende Spülfeld. Ziel ist es, das Hafenbecken zu vertiefen, um so Voraussetzungen für die touristische Nutzung zu schaffen.

Am Nachmittag meldet sich Umwelt- und Küstenschutzminister Robert Habeck (Grüne) zu Wort: „Ich weiß, dass die Schließung des Hafens für viele schmerzlich ist. Aber mit dieser zerstörerischen Aktion durch Unbekannte sind Grenzen überschritten. Es hilft Friedrichskoog überhaupt nicht. Sie vergiften nur das Klima.“ Der Landesbetrieb Küstenschutz hat Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Sachbeschädigung gestellt. Durch den Schaden und den dadurch verursachten Stillstand bei den Arbeiten geht wertvolle Zeit verloren, um die Hafensohle so auszugestalten, dass eine touristische Nachnutzung begünstigt wird. Das ist zum Nachteil der Gemeinde, sagte Habeck.

Donnerstagmorgen hat die Besatzung des Saugbaggers bemerkt, dass insgesamt 54 Kunststoffrohre dieser Rohrleitung  je fünf bis 15-mal mit einem Bohrer von etwa einem Zentimeter Stärke angebohrt worden waren.
Daniel Friederichs
Donnerstagmorgen hat die Besatzung des Saugbaggers bemerkt, dass insgesamt 54 Kunststoffrohre dieser Rohrleitung je fünf bis 15-mal mit einem Bohrer von etwa einem Zentimeter Stärke angebohrt worden waren.
 

Auch der Landrat Dithmarschens, Jörn Klimant, betonte: „Für Friedrichskoog bedeutet die Hafenschließung ein schwerer Einschnitt. Aber neue Perspektiven können nur entstehen, wenn wir uns konstruktiv und gemeinsam für ein lebenswertes und zukunftsfähiges Friedrichskoog einsetzen. Jede Form der Zerstörung lehnen wir ab, denn sie behindert nicht nur die notwendigen Arbeiten am Hafenbecken, sondern erzeugt auch Unsicherheit bei den Menschen, die hier leben.“

Seit dem Morgen sind Arbeiter dabei die kilometerlange Pipeline zu reparieren. Die Arbeiten werden wohl noch zwei Tage dauern.

Alles Wichtige über den Konflikt und die Folgen erfahren sie in unseren Fragen und Antworten.

Warum wurde der malerische Hafen geschlossen?

Aufgrund knapper Kassen beschloss die von Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen geführte Landesregierung 2010 die Privatisierung/Kommunaliserung seiner Landeshäfen in Glückstadt, Tönning, Husum und Friedrichstadt – und die Schließung der unwirtschaftlichen Anlange in Friedrichskoog. Hohe Unterhaltskosten stünden einer „geringen wirtschaftlichen Bedeutung“ gegenüber, hieß es in einem Positionspapier der Haushaltsstrukturkommission.

Das große Problem der Friedrichskooger: Mit jeder Flut wird mehr Sediment in den Hafen gespült als mit der Ebbe wieder abfließt. Ein Bagger muss daher jedes Jahr im Schnitt 100.000 Kubikmeter Sand wegschaffen. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 350.000 Euro jährlich.

„Aus Landessicht lohnt sich ein Weiterbetrieb des Hafens nicht“, machte auch der derzeitige Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) im Februar 2014 deutlich. Der Hafen habe keine überregionalen Aufgaben mehr und fungiere auch nicht als Schutzhafen. „Wir wollen nicht gegen den Strukturwandel ansubventionieren“, so Umweltminister Robert Habeck. Der Hafen habe keinen nennenswerten Fischereiumsatz mehr. Von den 73 Kutteranläufen im Jahr koste jeder einzelne den Steuerzahler 10.000 Euro.

„Wir können uns nicht permanent gegen die hydromorphologischen Verhältnisse (Gewässerstrukturen) in der Elbmündung stemmen“, sagte Habeck. Es werde immer schwieriger, gegen die Versandung anzukämpfen. Durch die Sedimentbewegungen würden inzwischen selbst bei normalen Hochwasser Kutter mit mehr als 1,60 Meter Tiefgang den Hafen nicht mehr anlaufen oder verlassen können. Das Land spare mit der Schließung 1,2 Millionen Euro pro Jahr an Investitionen und 575.000 Euro an laufenden Kosten.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hatte der Landeshafen als solcher?

Der Hafen wurde vor 160 Jahren als reiner Frachthafen angelegt, da die Krabbenfischer zu der Zeit noch vom offenen Deich aus ausliefen. 1883 wurde in Friedrichskoog der erste Krabbenkutter registriert. Bis vor kurzem hatte Friedrichskoog noch die hierzulande größte Flotte dieser Art (bis zu 30 Schiffe) und galt als drittwichtigster Fischereihafen an Schleswig-Holsteins Nordseeküste. In der Blütezeit lagen fast 70 Kutter vor Anker.

Doch die Krabbenkutter laufen inzwischen fast ausnahmslos den Hafen von Büsum an. „Wir haben nach wie vor die größte Flotte der Westküste", sagt der Vorsitzende des Fischervereins, Dieter Voss, „aber man lässt sie sehenden Auges nach Büsum abwandern, weil unser Hafen immer mehr versandet. Die Fahrrinne wird nicht ausreichend ausgebaggert.“

Die Kombination aus steigenden Kosten und sinkenden Einnahmen widerspricht auf den ersten Blick jeder wirtschaftlichen Vernunft, doch die Folgen, die durch eine Stilllegung entstünden, sind ebenfalls beträchtlich.

Zum Beispiel, argumentieren die Gegner der Schließung, müssten landwirtschaftlich genutzte Kooge in Zukunft teuer entwässert werden. Das leistete bisher der Hafen.

„Leuchtturm des Tourismus“: Was soll in Friedrichskoog entstehen?

Die Landesregierung will das Sperrwerk, das erst 1986 fertiggestellt wurde, durch ein Schöpfwerk ersetzen, wie in Zukunft der Wasseraustausch stattfinden soll, ist noch nicht genau geklärt. Die Baukosten werden mit 6 Millionen Euro veranschlagt. Mit einem Umbau des Sperrwerks zum Schöpfwerk wäre das sturmflutsichere Hafenbecken endgültig von der Nordsee abgeschnitten. Im Laufe der Zeit wird der Hafen durch die Versandung zu einem Süßwasserhafen werden.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig, den Kiel nach der Hafenumwidmung ausbauen will, ist der Tourismus. Um auch ohne das Krabbenkutter-Idyll attraktiv zu bleiben, soll ein Erlebnishafen entstehen – mit der bestehenden Seehundstation als Kernstück. Da die Wasserversorgung für das Seehundbecken mit der Abwicklung des Hafens zugedreht würde, wird derzeit eine Rohrleitung gebaut, die Zukunft der Station wäre also sichergestellt.

Erwogen wird ferner der Umbau des Seehafens zu einem Museumshafen - also Krabbenkutter in einem landumschlossenen „Hafen“ ohne Zugang zum Meer. Hierfür müsse allerdings eine Wasserzufuhr bewerkstelligt werden. Ob dies technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, ist umstritten. In Dithmarschen will man von solchen Plänen eigentlich nichts wissen, zu groß wäre die Erinnerung an die verlorene Tradition.

Meyer versprach für die Zukunftsgestaltung Geldspritzen aus Kiel: „Das Land wird eine siebenstellige Summe für ein Tourismuskonzept zur Verfügung stellen.“ Friedrichskoog solle zu einem Leuchtturm werden.

Das lokale Touristische Entwicklungskonzept (TEK) plant zur Stärkung des Tourismus nach dem Ende der Meerverbindung eine Brücke über das Hafenbecken, sowie einen überbauten Trischendamm und einen attraktiveren Hauptstrand. Mit ein paar kleineren Sofortmaßnahmen und Schlechtwetter-Attraktionen wie dem Wal-Indoorspielpark will man weiter Gäste locken.

 
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen