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Norddeutsche Rundschau

19. Oktober 2017 | 10:01 Uhr

Schäden : Häuser leiden unter Granitpflaster

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Hausbesitzer am Glückstädter Fleth klagen über Risse in ihren Häusern und über Lärm. Sie fordern Asphalt statt Pflaster. Die Stadt verweist auf dessen historische Bedeutung.

shz.de von
erstellt am 05.Sep.2013 | 17:07 Uhr

Uta Hamann hat ein schmuckes, altes Fachwerkhaus, in dem sie ihr Geschäft „Ente am Fleth“ an der gleichnamigen Straße betreibt. Als sie jüngst ihr Badezimmer renovierte, fielen 14 Tage später die Fliesen von den Wänden und Risse taten sich auf. Im jüngsten Bauausschuss erklärte die Geschäftsfrau: „Die Substanz des Hauses ist gefährdet.“

Gleiche Befürchtungen teilt auch Jörn Ehlers. Sein Haus steht wenige Meter weiter an der Ecke zur Königstraße. Der Glückstädter ist am Verzweifeln, seit er das Gebäude von seinem Vater übernommen und saniert hat. Denn trotz Schallschutzfenster, kann er oft nachts nicht schlafen. Ursache für Lärm und Schäden sind seiner Meinung nach die schlechten Straßenverhältnisse.

Beide Glückstädter bekamen Rederecht im Bauausschuss. Denn Thema war, ob der Straßenbelag statt Granitpflaster eine Asphaltdecke bekommt. Es gab durchaus unterschiedliche Ansichten, weil die jetzige Pflasterung zum historischen Stadtbild am Markt passt. Denn nur in diesem Bereich ist der Fleth gepflastert, ansonsten ist er mit normalem Asphalt versehen. Die Anlieger wollen, dass geteert wird, um den Erschütterungen durch den Schwerlastverkehr zu entgehen.

Jan Dramm – ein weiterer Anwohner und ehemaliger Berufskraftfahrer – klagt über unerträglichen Lärm in der Nacht. „Die Lastwagen fahren zu schnell. Der Lärm macht krank.“

Das Thema ist bei der Stadt und in der Politik nicht neu. Ein von der Verwaltung beauftragter Ingenieur kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, „dass es bislang keine Gebäudeschäden durch die vom Straßenverkehr ausgehenden Erschütterungen gibt und es keine weitergehenden Verpflichtungen für die Stadt gibt“. Dieser Sachstand wurde den Politikern jetzt vorgelegt.

Der Bauausschuss hatte bereits im August vergangenen Jahres über das Thema diskutiert und beschlossen: Der Überweg mit dem Zebrastreifen – er ist aus Steinen – wird den Granitpflastern angeglichen. Dies geschah auch. Zudem wurden für 2013 Mittel in Höhe von 85 000 bereitgestellt, um das Problem zu lösen. Angedacht war: 700 Quadratmeter Großpflaster und 140 Quadratmeter Fußgängerüberwege sowie 40 Meter Granitschwellen aufzunehmen und durch Asphalt der Bauklasse zu ersetzen.

Die Verwaltung sieht dies kritisch. In der Vorlage für die Politik hieß es: „Die hochwertige Großpflasterfläche wurde vor 25 Jahren hergestellt. Es sind bis heute keine Versackungen zu erkennen. Die Oberfläche hält der derzeitigen Verkehrsbelastung stand.“ Allerdings würden die Fußgängerüberwege – sie bestehen aus Klinker und weißem kleinformatigen Natursteinpflaster – Versackungen zeigen. Fugenmaterial würde herausbrechen. „Die Fußübergänge sind unsere Problemkinder“, sagte Hauke Reimers vom Bauamt im Ausschuss.

Bauamtsleiter Dr. Lüder Busch ist der Meinung, dass der historische Charakter durch die Granitpflaster erhalten bleiben sollte. Ein weiteres Argument: Autos und Lastwagen würden an der Stelle noch schneller fahren können. FDP–Politiker Stefan Goronzcy wollte das nicht gelten lassen: „Eine Stadt muss sich den Lastwagen des 21. Jahrhunderts anpassen.“

Meike Sierck (SPD) erklärte zum Thema Geschwindigkeit: „Das Pflaster bietet eine Unterbrechung.“ Und Ausschussvorsitzender Dr. Sven Wiegmann (Grüne) zeigte Verständnis für die Anlieger: „Wir sollten zum Wohle der Einwohner handeln.“

Die Politiker schoben die Mittel von 85 000 Euro in den Haushalt 2014 und vertagten somit die Diskussion. Jörn Ehlers war nach der Sitzung froh, dass für ihn und seine Nachbarn noch Hoffnung besteht.

Aber er äußerte sich auch kritisch: „Aktuell hält die Mehrheit der Politik es für okay, dass eine Hauptverkehrsachse der Stadt mit Schwerlastverkehr auf Kopfsteinpflaster an Häusern vorbeigeführt wird, deren Gründungssituation teilweise 400 Jahre alt ist. Sie nimmt billigend in Kauf, dass Eigentum und Lebensqualität der betroffenen Anlieger spürbar in Mitleidenschaft gezogen wird. Es wird dies jedoch dazu führen, dass die Eigentümer die Freude an ihren Objekten verlieren.“ Eine Wohnungsnutzung werde unattraktiv mit entsprechenden Folgen. Wenn dies gewollt sei und die historische Pflasterung bevorzugt werde, sei er der Meinung: „Die Gegenwart und die Zukunft in einer lebenswerten Innenstadt sollte uns vielmehr beschäftigen.“

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