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Pendler im porträt : Häkeln und Stricken in der Bahn

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Viele Menschen fahren mit der Bahn zur Arbeit. Wir stellen in einer Serie Pendler vor. Heute: Katharina Krämer.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Der Roman „Die Hebamme von Glückstadt“ von Edith Beleites bietet einiges über das historische Glückstadt: Als die Hauptperson Clara 1634 nach einem Schicksalsschlag Hamburg den Rücken zukehrt und in die Festungsstadt Glückstadt gelangt, machen ihr der Stadtmediziner und die Laien-Hebammen das Leben schwer.

Dass das Leben auch in der modernen Zeit nicht gerade einfacher geworden ist, muss Katharina Krämer (31) aus Glückstadt im wahrsten Wortsinn „erfahren“. Sie ist im vergangenen Jahr in die Elbestadt gezogen, weil ihr Mann in Brunsbüttel und sie selbst in Hamburg arbeitet. „Da lag es nahe, wegen der ordentlichen Bahnverbindung hierher zu ziehen.“

Im Qualitätsmanagement einer Reederei in Hamburg tätig, pendelt Katharina Krämer seit November morgens um 6.49 Uhr nach Hamburg-Altona und fährt von dort aus mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Nachmittags fährt sie um 14.05 mit der U1 von Messberg zum Jungfernstieg, von da nach Altona und um 14.33 Uhr mit NOB nach Glückstadt, wo sie um 15.05 Uhr wieder ankommt.

„Das muss zeitlich genau hinkommen“, sagt sie, denn sie hat zwei Kinder von eineinhalb und viereinhalb Jahren, die so schon früh um 6 Uhr aufstehen müssen, um ab 7 Uhr in Kindergarten und Krippe zu sein.

Vom Hauptbahnhof zu fahren, wie es nach der geplanten Streichung des NOB-Haltes in Glückstadt wohl nötig ist, wäre für sie zwar nicht so schlimm, „aber die Taktung ist zu gering“, sagt sie. „Dass die Bahn jede Stunde um 33 und um 37 fährt, es dann aber eine Stunde lang gar keinen Zug gibt, das ist nicht pendlerfreundlich.“

Außerdem sei die Regionalbahn „ungünstig, dreckig und unschön, weil man beispielsweise mit dem Kinderwagen eine Stufe hoch steigen muss.“ Sie könnte direkt bis Hauptbahnhof durchfahren, aber der Zug hält dann an fast jedem Bahnhof „Das ist vertane Lebensqualität.“

Sollte der NOB-Halt gestrichen werden und sie dadurch erst später von der Arbeit nach Hause kommen, dann wirke sich das auf das Familienleben aus. „Wenn die Große Fünf wird, will sie in den Chor gehen“, erzählt die Mutter. „Ich müsste sie hinbringen, weil sie mit fünf Jahren nicht alleine aus dem Kindergarten gehen darf.“ Das könnte sie ihr dann nicht bieten, weil es zeitlich einfach nicht ginge. „Denn wenn das Leben auf die Bahn ausgerichtet ist, kann mach nicht kurz etwas erledigen, weil die Zeit nicht da ist.“

Wenn sie in der Bahn sitzt, will sich Katharina Krämer beschäftigen. Meistens nutzt sie die Zeit zum Lesen, am liebsten historische Romane wie „Die Hebamme von Glückstadt“. Da Internet und Telefonieren in der Bahn nicht funktionieren, zeigt sie, wie man die passive Tätigkeit des Bahnfahrens in kreative Resultate umwandelt: Weil ihr Hobby sonst das Nähen von Kinder- und Deko-Sachen ist, hat sie sich artverwandte Beschäftigungen selbst beigebracht: Stricken und Häkeln. „Ich habe in zwei Tagen eine Mütze geschafft“, erzählt sie. „Im Winter habe ich auch Schals gestrickt.“

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