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Das Alfred-Döblin-Haus : Gute Seele der Villa Grassimo

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Désirée Tiedemann ist Hauswirtschafterin im Wewelsflether Döblin-Haus und hat viel zu erzählen.

Wettern – Stöpe – um'm Pudding gehn: Diese drei Wörter kennt kein Berliner Literat, aber Désirée Tiedemann, 46, bringt diese Marsch-Vokabeln den Berliner Sprachkünstlern bei. Als „Hauswirtschafterin der Berliner Akademie der Künste“, so ihr kunstvoller Titel, betreut sie seit 2010 Literatur-Stipendiaten im Wewelsflether Alfred-Döblin-Haus. Günter Grass lebte dort von 1970 bis 1985, vermachte sein Riesenhaus in der Mitte des Dorfes dann dem Berliner Senat, leierte ihm dafür im Gegenzug aber die Zusage aus den Rippen, hier den Berliner Literatur-Nachwuchs zu fördern. Was fortan geschah. Seit 1986, also jetzt im 31. Jahr.

Dreimal im Jahr wechselt die Belegung. Désirée Tiedemann achtet bei der Berliner Vorplanung auf den richtigen Mix von Männern und Frauen. Dann erst gebe es Ruhe in der 400 Quadratmeter großen Zwangswohngemeinschaft auf Zeit. Meist bleiben die Stipendiaten, von der Haus-Chefin liebevoll „Stippis“ genannt, drei bis vier Monate in der „Villa Grassimo“, um an ihren literarischen Projekten zu arbeiten.

Für die meisten sei Wewelsfleth eine Riesenumstellung. Vor allem die Größe des Hauses und der Appartments und die Umstellung auf eine Gemeinschaftsküche mache ihnen zu schaffen. Sie sei aber bei Konflikten dann wie ein Mädchen für alles: zum Beispiel Mediatorin, Seelsorgerin, Reisemanagerin, Freizeit-Animateurin. Den meisten der „Stippis“ gefalle es in Wewelsfleth aber wirklich gut. Viele fingen hier auch ein neues, vom Haus und der Umgebung inspiriertes Projekt an. „Und das hat dann immer was mit Schafen zu tun.“ Sagt Frau Tiedemann.

Ihre Aufgabe hat sie 2010 von Hannelore Keyn übernommen, die in ihrer schroffen Schrulligkeit legendäre und so wunderbar herzensgute Vorgängerin. Désirée Tiedemann erinnert sich: „Wir saßen in der Küche. ,Min Deern, kannst en wiederrücken. Schau mir in die Augen. Du hast den Job!’“ Das sei für sie wie ein Sechser im Lotto gewesen. Das Haus habe sie „total geflasht“.

Die Individualität der Literaten sieht sie als Herausforderung an. Sie könne sich gut darauf einstellen, egal, ob jemand drei Monate lang sich jeden Tag eine Pizza Hawaii bei Edeka hole oder ob der Tag für viele erst mittags anfange. „Ich bin voll da. Sieben Tage, 24 Stunden lang.“ Nach einer kurzen Eingewöhnung werde sie meist in Ruhe gelassen. Aber trotzdem: „Es gibt keine dummen Fragen. Ich versuche, für alles eine Lösung zu finden.“ Auch für den Anrufer, der Einbrecher im Döblin-Haus vermutete, nachts um halb vier. Aber keine Panik bei Désirée Tiedemann. Den Einbrecher enttarnte sie bald als den Hausmeister, der, schon ein bisschen aus der Zeit, die Heizung kontrollierte.

Das Haus kann viel erzählen, meint die recht resolut wirkende Mittvierzigerin. Vielleicht wird sie sich ja auch bald in der deutschen Literatur wiederfinden wie ihre beiden Vorgängerinnen Magda Engel und Hannelore Keyn. Ihre Beschreibung des Durchschnitt-„Stippis“ hat auf jeden Fall schon literarische Qualität: „Einen Monat ankommen, einen Monat schreiben, einen Monat Tschüss sagen.“ Mit Désirée Tiedemann haben die dann ihre Wewelsflether Marsch-Vokabeln flott gelernt. Und schätzen die Stöpe als Treffpunkt, um beim folgenden Spaziergang nicht in eine Wettern zu fallen.


>  Akademie der Künste: www.akd.de

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