Günter Grass hätte das gefallen

Dicht gedrängt in der gemütlichen Wohnküche der barocken Kirchspielsvogtei, die nun für Stipendiaten genutzt wird, lauschten die Besucher der Lesung. Während ihre Kollegen vortrugen, mischte sich auch Melanie Arns (3. von re.) unter die Zuhörer.
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Dicht gedrängt in der gemütlichen Wohnküche der barocken Kirchspielsvogtei, die nun für Stipendiaten genutzt wird, lauschten die Besucher der Lesung. Während ihre Kollegen vortrugen, mischte sich auch Melanie Arns (3. von re.) unter die Zuhörer.

Außerplanmäßige Lesung im Wewelsflether Döblin-Haus zugunsten der im Dorf untergebrachten 23 Flüchtlinge

shz.de von
21. Juli 2015, 15:45 Uhr

Günter Grass hätte sich über die Idee einer Benefizlesung für Flüchtlinge sehr gefreut, sind sich die Moderatorinnen Carola Jansen und Antje Lenze-Brühs sicher. Deshalb haben sie die Anregung der aktuellen Stipendiaten „mit Freude aufgegriffen“ und neben den traditionellen Veranstaltungen im Frühjahr und Herbst nun eine Sommerlesung im Alfred-Döblin-Haus angeboten. Schließlich habe der jüngst verstorbene Autor und Stifter des Hauses 1992 sein SPD-Parteibuch zurückgegeben, als er mit einer Initiative des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm zur Änderung des Asylrechts nicht einverstanden gewesen sei.

Aktuell sind in Wewelsfleth 23 Flüchtlinge untergebracht, erläuterte Carola Jansen. Sie verwies auf die vielfältigen Aktionen der Gemeinde, die vom geselligen gemeinsamen Zusammensein bis zu ehrenamtlichem Deutschunterricht reichen. An jedem 1. und 3. Mittwoch im Monat treffe man sich zum „Internationalen Café“ im Pastorat, wobei sich die Flüchtlinge Passendes aus Sachspenden aussuchen können.

Die Literatur stand somit im Zeichen dieser Willkommenskultur und nahm sich – in unterschiedlicher Unmittelbarkeit – stärker politischer Themen an. Tom Schulz (Jahrgang 1970) las aus seiner Erkundung des Berliner Umlandes auf Fontanes Spuren: „Wir sind jetzt hier: Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (2014). Er hat die Auseinandersetzung mit der aus Hauptstadtsicht langweiligen Region als Ost-Berliner mit dem West-Berliner Co-Autor Björn Kuhligk unternommen. Beide entwerfen mit den unterschiedlichen Erfahrungen ein Panorama deutscher Provinz-Befindlichkeiten und Vergangenheitsbewältigungen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Auf Wewelsfleth und das benachbarte AKW Brokdorf gemünzt, wählte Schulz das Kapitel „Strahlend wird eure Zukunft sein“ zum stillgelegten Kernkraftwerk Rheinsberg aus. Dessen selbst beschwichtigender Tenor, dass immer alles „sicher“ gewesen und in 50 Jahren alles vergessen sei, klingt auch Steinburger Besuchern bekannt im Ohr. Dabei besticht der unterschwellige Humor bis hin zum subtilen Sarkasmus, wenn Schulz aus dem Gespräch mit einem KKW-Mitarbeiter, der mit dem Rückbau beschäftigt ist, vor allem dessen Verweise auf die Sauberkeit und Ordnung herausstellt.

Auch Melanie Arns (Jahrgang 1980) beschäftigte sich in ihrer Darbietung mit der Vergangenheit. Die gebürtige Kleverin hat mit „Heul doch“ 2004 einen erfolgreichen Erstling veröffentlicht und las nun aus ihrem noch titellosen neuen Roman. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Traumata und der Familiengeheimnisse, die aus der NS-Vergangenheit herrühren, auf die Enkelgeneration. Die 29-jährige Ich-Erzählerin, deren Mutter „die falschen Zeitschriften liest“, sucht rückblickend das Gespräch mit den Eltern, findet Antworten aber eher in der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte und hadert mit ihrer eigenen Skepsis: „Was siehst du, was nicht andere schon gesehen haben?“ Die Zuhörer im Döblin-Haus zeigten sich besonders von der Passage des Textes beeindruckt, in der Arns 2000 Jahre deutsche Geschichte im Zeitraffer pointiert kommentiert auf den Punkt bringt.

Nicht nur der direkte politische oder historische Bezug erinnerte bei dieser Lesung besonders an Günter Grass, auch das stilistische Vorgehen zeigt Parallelen. So wird Kathrin Schmidt (Jahrgang 1958), die aus Thüringen stammt, wie dem Altmeister auch eine „barocke Geschichtenfülle“ bescheinigt. Die Autorin arbeitete bereits 2008 schon einmal in Wewelsfleth und ist mit ihrer danach erschienen autobiografischen Genesungsgeschichte nach einem Schlaganfall „Du stirbst nicht“, wofür sie 2009 den Deutschen Buchpreis erhielt, einem größeren Publikum bekannt geworden.

Sie bezog sich mit ihrem Beitrag auf die österreichische Schriftstellerin Christine Lavant (1915-73). Zu deren 100. Geburtstag hat sie für den Sammelband „Drehe die Herzspindel weiter für mich“ ein Lavant-Gedicht „diszipliniert assoziativ“ erweitert, wie sie es selbst nennt, und mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen verknüpft. Dabei arbeitet sie mit Wortspielen: „Scherz und Schmerz“ liegen nah beieinander und sind oft eins, wenn zum Beispiel der Vater sich vom Schrei der gebärenden Mutter aufgeschreckt den Zeh bricht. Der Vater mäht auch den Rasen nicht, weil er nicht „Gras schneidend im immergrünen Gedächtnis“ bleiben möchte. Die Mutter kocht trotz Billigangeboten im Supermarkt gern Apfelmus ein, denn „ohne Sprache sprechen Dinge womöglich lauter“. Eine Erfahrung, die auch Asylsuchende sicher oft machen. Sie waren somit mit dieser Lesung nicht nur gemeint, sondern auch mit vielen Facetten des Fremdseins literarisch thematisiert.

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