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Stadtgeschichte : Großbrand am Hafen vor 50 Jahren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Einer der schwersten Brände in Glückstadts Geschichte vernichtete vor 50 Jahren das Kohle- und Heizöl-Lager Kuhlmann am Hafenkopf.

von
erstellt am 26.Jun.2015 | 05:00 Uhr

Der zehnjährige Arne Kuhlmann bemerkte das Feuer zuerst. „Ich habe das erst gar nicht begriffen. Ich sah Qualm und dann kleine Flammen, die rasend schnell um die Halle meines Vaters liefen.“ Es war im Frühsommer 1965, als der Junge mittags von der Schule in sein Elternhaus am Fleth zurückkehrte. Beim Blick aus dem Treppenhaus auf den elterlichen Betrieb, eine Handlung für Kohle und Heizöl am Hafenkopf, bemerkte er den Brand. „Ich stürzte nach oben in die Küche, um meine Mutter zu informieren“, erinnert sich der heute 60-jährige Glückstädter.

Marga Kuhlmann rief sofort die Feuerwehr. Inzwischen hatten bereits andere den Brand gemeldet. Doch es war zu spät: Die Kohlen, in Säcke abgefüllt, die trockene Halle aus Holz und Teer, das Heizöl – es war reichlich Brennstoff vorhanden und das Feuer entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem gewaltigen Brand. „Alles war sehr trocken. Das Lager war nicht mehr zu retten“, erzählt die heute 92-jährige Marga Kuhlmann. „Unsere ganze wirtschaftliche Existenz brannte lichterloh.“

Marga Kuhlmanns Ehemann Heinrich belieferte die Glückstädter mit Kohlen zum Heizen und Kochen. Später kam Heizöl dazu. Angeliefert wurde per Bahn oder Schiff. Im Lager am Hafenkopf füllten acht Angestellte die Brennstoffe in haushaltsübliche Mengen um und kümmerten sich um die Auslieferung. Das Feuer war in der benachbarten Werft ausgebrochen, deren Slipanlage noch heute am Hafenkopf vorhanden ist. „Eine Maschine war wohl defekt. Sägespäne entzündeten sich“, sagt Arne Kuhlmann. Er erinnert sich sehr genau an den Tag des Feuers im Mai vor 50 Jahren. „Es war alles sehr aufregend. Besonders verängstigt war ich nicht.“ Als Kind lebe man im Hier und Jetzt, sagt Kuhlmann. „Die Gefahr und die Auswirkungen waren mir nicht wirklich bewusst.“

Der Feuerwehr dagegen schon: Sie konzentrierte sich darauf, wenigstens angrenzende Gebäude zu retten und eine Ausbreitung des Brandes zu verhindern. „Vor der Halle stand ein Eisenbahnwagen voll Kohle“, sagt Marga Kuhlmann. „Er wurde gerade noch rechtzeitig per Hand weggeschoben.“ Ganz in der Nähe, etwa dort wo heute einer der Kreisel in Richtung Stadtstraße ist, gab es ein weiteres Kohlelager, das von der Feuerwehr massiv gekühlt werden musste. „Es entwickelte sich binnen kurzer Zeit eine so große Hitze, dass auch die Fenster der Häuser am Hafen gekühlt werden mussten, damit die Scheiben nicht zersprangen und die Holzrahmen kein Feuer fingen“, sagt Arne Kuhlmann.

Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, während der Großbrand wütete. Denn es gab mehrere schwere Explosionen. „Wir hatten 200-Liter-Heizöltanks gelagert, die wir bei unseren Kunden aufstellten“, erzählt Marga Kuhlmann. Sie flogen im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hitze in die Luft. „Einige wurden hunderte Meter entfernt am Rhin wiedergefunden.“

Polizei und Feuerwehr evakuierten die Bewohner der Gegend großräumig. Auch Familie Kuhlmann musste mit Hund und Wellensittich ihr Wohnhaus am Fleth verlassen. Marga Kuhlmann: „Alles wurde abgesperrt. Viele Schulkinder von der Stadtstraße durften nicht nach Hause, weil der Weg zu gefährlich war.“

Etwa zwölf Stunden brannte das Feuer am Binnenhafen, erinnert sich Arne Kuhlmann. Die Brandwache dauerte mehrere Tage. Danach war das Lager völlig zerstört. Selbst massive Metallstreben von Förderbändern waren durch die gewaltige Hitze verformt worden. Für Familie Kuhlmann brachen schwierige Zeiten an. „Natürlich bekamen wir Geld von der Versicherung, aber es war nicht genug“, berichtet Marga Kuhlmann. Einige Kohlen waren gerettet worden, aber sie waren vom Löschwasser nass geworden. Heinrich Kuhlmann trocknete sie im Garten seines Wohnhauses, wo er ein provisorisches Lager einrichtete. „Die Kunden hatten aber Angst diese Kohle zu kaufen, weil sie fürchteten sie sei durch das Wasser verdorben.“ Auch bei nach dem Feuer gelieferten Briketts waren die Kunden skeptisch.

Das Geschäft überstand die Folgen des Brandes aber, und im Juni 1967 konnte ein neues Lager bezogen werden. Da neigte sich die Zeit der Kohleheizungen jedoch bereits dem Ende zu. Ab den 70er Jahren wurden immer mehr Haushalte auf Öl oder Gas umgestellt. Gekocht wurde ausschließlich mit Strom oder Gas. Als auch noch das Wohnhaus der Familie dem Ausbau der Bundesstraße am Fleth weichen musste, gab Heinrich Kuhlmann das Lager auf und bezog den alten Speicher, Am Hafen 1, in dem seine Frau noch heute lebt und sein Sohn jetzt ein Geschäft für Kunsthandwerk betreibt.

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