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Bedeutsame Funde in Glückstadt : Grabsteine vom Jüdischen Friedhof gefunden

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Verlorene Fragmente sind nach mehr als 75 Jahren wieder aufgetaucht und an das Detlefsen-Museum übergeben worden.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Bevor der gelernte Handlungsgehilfe und Glückstädter Nazi-Bürgermeister Wilhelm Vogt den Jüdischen Friedhof an der Pentzstraße 1941 komplett schänden ließ, beauftragte er den Stadtbaumeister Timm im Juni 1940 einen genauen Lageplan des Friedhofgeländes und der Grabstätten zu erstellen. Im Maßstab 1:250 zeichnete Timm einen Belegungsplan mit 132 Grabplatten und 32 stehenden Grabsteinen (Stelen). Im Herbst 1941 wurden die 164 Grabsteine an der Kegelbahn der Gaststätte „Hoffnung“ aufgestapelt und auf dem Friedhof eine „Bezirksannahmestelle für Obst- und Gemüseerzeugnisse“ errichtet. Jetzt sind Teile dieser Grabsteine wieder aufgetaucht.

Bürgermeister Vogt kümmerte sich nicht darum, dass nach jüdischem Glauben alle Grabstätten für die Ewigkeit angelegt werden, das heißt die Toten ruhen ewig in ihrem Grab bis zur Ankunft des Messias. Egal war Vogt auch der Vertrag von 1907 der Stadt Glückstadt mit der Jüdischen Gemeinde, in dem der Stadt die Verwaltung des Vermögens zugesprochen wurde. Im Gegenzug verpflichtete sich die Stadtverwaltung, für die Pflege sowie Instandhaltung des Friedhofs zu sorgen. Die Auflage des Regierungspräsidiums, alle acht Grabstätten, die jünger als 40 Jahre sind, umzubetten und in einer Gruft neu zu bestatten, wurde nicht erfüllt.

Nach Kriegsende ordnete der britische Colonel Goldberg an, die an der Ostseite des Friedhofs aufgestapelten Grabsteine wieder auf dem Friedhofsgelände auszulegen. Von den 164 Grabsteinen aus dem Jahr 1940 waren aber nur noch exakt 100 vorhanden: 89 liegende und elf stehende Grabsteine. Ein Teil ist sicherlich beim Abräumen des Friedhofs zerstört worden. Einige Steine wurden jedoch von den örtlichen Steinmetzen abgeholt und wiederverwendet.

Nach der Eröffnung der vielbeachteten 400-Jahre-Jubiläumsausstellung zur Jüdischen Gemeinde und ihres Friedhofs in Glückstadt im Detlefsen-Museum, meldete sich Pastor im Ruhestand Wolfgang Feige: „Ich habe in meinem Garten drei Fragmente von jüdischen Grabsteinen. Diese habe ich in den 80er Jahren aus einem Abfallcontainer des evangelischen Friedhofs an der Von-Graba-Straße genommen.“ Die drei Bruchstücke befinden sich jetzt im Detlefsen-Museum und sollen mit den anderen Grabsteinfragmenten wieder zum Jüdischen Friedhof gebracht werden. Beim Säubern der Steine stellte sich heraus, dass zwei Bruchstücke einen vollständigen, in der Mitte gebrochenen, Grabstein ergaben. Es ist das Grabmal von Hana Henrikus, die im Alter von 67 Jahren am 20. Mai 1802 in Glückstadt verstarb. Von dem dritten Bruchstück sind nur noch zwei Zeilen der hebräischen Inschrift erhalten: „Hier ist geborgen die teure Frau, Frau Rachel“.

Der ehemalige Leiter der Stadtwerke Glückstadt, Karl-Heinz Jacobs, erinnerte sich, dass in einem Keller der Stadtwerke noch Bruchstücke von drei Grabsteinen mit hebräischer Inschrift lagen. Jacobs brachte die Steine ins Detlefsen-Museum: „Die Steine sind hier besser aufgehoben und könnten ja wieder auf den Friedhof gebracht werden“.

Es ist nicht verwunderlich, dass die drei Grabsteine bei den Stadtwerken waren, da ein erheblicher Teil des ehemaligen Jüdischen Friedhofs, etwa 1500 Quadratmeter, zum heutigen Betriebsgeländes der Stadtwerke gehört. Die drei Fragmente sind kleine Kindergrabsteine: Wilhelmine Rachel Mahs, im Alter von zwei Jahren am 26. August 1855 gestorben; das Mädchen Vogel, Tochter des Abraham, gestorben am 23. Dezember 1786; David, Kind der Liebkosungen, Sohn des Jehoschuwa (Sterbedatum fehlt).

Die fünf Grabsteinfragmente sollen wieder auf den Friedhof kommen. Darüber laufen Gespräche mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein in Kiel, der Eigentümer des Jüdischen Friedhofs an der Pentzstraße ist.

Info: Die Ausstellung „Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Glückstadt 1619 – 1915“ des Detlefsen-Museums ist aufgrund der guten Besucherzahl bis zum 12. November verlängert worden. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr.

 

 

 

 

 

 

 

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