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Flüchtlingskrise : Glückstadt und die Flüchtlinge: Zwischen Überforderung und Mitleid

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1200 Flüchtlinge kommen nach Glückstadt. 11.500 Einwohner zählt die Stadt jetzt. Auf der Suche nach einem Gefühl.

Sie kennt das, was jetzt passiert. Vor 23 Jahren war Irena Neer selbst ein Flüchtling. Damals kam sie – hochschwanger – mit ihrem Mann Artur und dem fünfjährigen Sohn Igor aus Jekaterinenburg am Ural nach Glückstadt. „Wir haben damals in der Jugendherberge gewohnt, weil es keine freien Wohnungen gab.“

Deswegen kann Irena Neer sich vielleicht ein wenig mehr als andere in die Lage der Flüchtlinge versetzen, die in den kommenden Wochen in die ehemalige Marinekaserne in Glückstadt einziehen werden. 1200 sollen es sein. Sie kommen mit nicht mehr als ein paar Taschen und Koffern und dem, was sie auf dem Leib tragen. Und das in einer Stadt, die nur rund 11.500 Einwohner hat. Jeder Zehnte wird in Glückstadt bald ein Flüchtling sein – in der Stadt, die schon jetzt den höchsten Anteil an Ausländern in Schleswig-Holstein hat.

Und viele fragen sich: Ist das zu viel?

Es ist eine Frage, die selten offen diskutiert wird. Doch in Glückstadt beschäftigt es die Menschen, sie reden darüber auf den Straßen, in den Cafés und Wohnungen. Und es ist eine Frage, die in dieser Geschichte von Menschen diskutiert wird, die sich mit Integration auskennen.

Menschen wie Irena Neer, die zwischen vielen bunten Blumen in ihrer Gärtnerei steht. In ihrem perfekten Deutsch sagt sie einen Satz, der wohl für viele Glückstädter in diesen Tagen gilt angesichts des Zuzugs so vieler neuer Menschen in die Stadt: „Man hat ein Gefühl, das ist irgendwo zwischen Überforderung und Mitleid.“

Sie will sich nicht mit Flüchtlingen vergleichen. „Das war damals anders, als wir kamen“, sagt ihr Mann Artur, der jetzt seit mehr als 20 Jahren als Küster bei der Kirche in Glückstadt arbeitet. „Wir waren ja Deutsche – also zumindest ein bisschen: Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Russin. Die Flüchtlinge, die jetzt kommen, die kommen aus einem anderen Kulturkreis.“ Er weiß, was das bedeutet: Seine Nachbarn kommen aus Deutschland, der Türkei, dem Libanon. In seinem mit russischem Akzent gefärbtem Deutsch reißt er sogar Witze über seinen italienischen Nachbarn. „Wissen Sie, warum Italiener so klein sind? Weil die Mütter immer zu ihnen gesagt haben: Wenn du groß bist, musst du arbeiten.“ Er meint es nett.

Angefangen hat die Familie mit nichts. „Wir waren die ersten Aussiedler, die nach Glückstadt kamen“, sagt Irena Neer und wischt sich die von Erde verfärbten Hände an ihrer Kleidung ab. Die Familie hat sich hochgearbeitet – er als Hilfe auf dem Friedhof, sie als Hausmeisterin. Irgendwann haben die beiden angefangen, etwas Land zu bewirtschaften. „Die ersten Blumen haben wir verschenkt, um uns bekannt zu machen“, sagt Irena Neer. Vor 15 Jahren haben sie ihre eigene Gärtnerei eröffnet, Sohn Igor ist jetzt 28 und ins Geschäft mit eingestiegen. Unter seinen Freunden seien keine Russen, sagt er. „In Glückstadt ist viel multikulti. Und wir sind so etwas wie die Vorzeige-Integrationsfamilie.“ Die Familie hat einen Platz gefunden: „Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle“, sagt Artur Neer.

Können das, was seine Familie geschafft hat, auch Familien aus Syrien, Afghanistan?

Im bürgerlichen Café Klingbeil am schönen Markt in Glückstadt ist das ein Thema. An einem Tisch in der Ecke sitzen drei alte Damen, alle über 70. Das, was sie sagen, das dürfe schon in der Zeitung stehen, meinen sie. Aber ein Foto von sich wollen sie nicht daneben gedruckt sehen – und ihre Namen auch nicht. „Das ist ja schon ein heikles Thema“, sagt eine. Der Kaffee ist längst ausgetrunken, doch diskutiert wird immer noch heiß. Eine der Frauen sagt leise, dass sie Angst hat, wenn die Flüchtlinge kommen. „Da sind doch bestimmt auch Kriminelle dabei.“ Ihre Freundin, die ihr gegenüber sitzt, will das so nicht stehen lassen. „Ich wohne schräg gegenüber von der Kaserne – und ich habe keine Angst. Die Menschen wollen doch auch nur sorgenfrei leben.“ Das müsse in Glückstadt doch klappen, meint die Dritte. Sie habe noch gar keine Flüchtlinge in der Stadt gesehen. In den Straßen sei jedenfalls nicht zu erkennen, dass es die ausländerreichste Stadt des Landes ist. Und die, die es gebe, die wohnten doch wohl häufig in Glückstadt-Nord.

Es ist der Teil der Stadt über den die Meinungen auseinander gehen. Die einen nennen es einen sozialen Brennpunkt, weil es dort Straßen gibt, in denen der Ausländeranteil und die Arbeitslosigkeit hoch sind, der Bildungsgrad der meisten Menschen aber niedrig ist. Andere sagen, man solle den Stadtteil nicht schlecht reden. Multikulti funktioniere.

„Das ist doch Quatsch“, sagt einer, der dort wohnt. „Die Menschen leben hier nebeneinander her.“ Der
53-jährige Mann sitzt im Diakonietreff Glückstadt-Nord. Er trägt eine Armeejacke, die abgegriffene Schirmmütze falsch herum auf dem glatt rasierten Kopf. Neben ihm sitzt ein Mischlingshund, vor sich hat er einen Kaffee. 32 Jahre lang habe er gearbeitet, erzählt der Mann, jetzt sei er erwerbsunfähig mit kleiner Rente. „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber wenn jetzt so viele nach Glückstadt kommen, dann ist das zu viel.“ Der Mann gibt den Flüchtlingen nicht die Schuld, sondern der Regierung, die sich keine Gedanken mache, wer da kommt. „Manche Menschen fliehen aus Syrien in die Nachbarländer – aber dort sind sie doch sicher vor dem Krieg, warum müssen sie dann noch zu uns kommen?“, fragt er und rümpft die Nase. Die Menschen gehörten einer anderen Kultur an, „und ich meine anders als andere auch: Der Islam gehört nicht zu Deutschland – das passt einfach nicht.“ Er sei selbst Kunde der Tafel, doch wenn jetzt bald viele Flüchtlinge kämen, habe er Angst, nichts mehr abzubekommen. „Die werden doch hier bevorzugt.“

Bei diesem Satz steht Anja Naroska auf und sagt: „Ich gehe jetzt erstmal eine rauchen.“ Offenbar macht sie das häufiger, denn ihre Stimme klingt heiser. Reden tut sie aber Klartext. Denn immer wieder kämpft sie gegen diese Vorurteile an. „So wie er denken hier viele. Manchmal ist es leicht für das eigene Leid Dritten die Schuld zu geben“, sagt sie und deutet auf den Mann mit der Armeejacke. „Aber der Vorteil an der Flüchtlingswelle ist, dass sie auch mal darüber sprechen – und da kann ich dann einhaken und aufklären.“

 

„Das hier ist mein Ding“, sagt Anja Naroska vom Diakonietreff in Glückstadt-Nord.
„Das hier ist mein Ding“, sagt Anja Naroska vom Diakonietreff in Glückstadt-Nord. Foto: Michael Ruff

Vor zweieinhalb Jahren hat Anja Naroska den Diakonietreff aufgebaut, es ist ihr „Baby“. Dort kümmert sie sich um die, die allein im Leben nur schwer klar kommen. In dem Raum, der einmal eine Kneipe war, treffen sich Menschen vieler Nationen – und Anja Naroska versucht, sie zusammenzubringen. „Ich will Frieden“, sagt die 61-Jährige und lacht rau.

Doch gibt es auch Toleranz? „Die Menschen hier sind solidarisch, weil sie arm sind und einen Blick dafür haben, wenn es anderen schlecht geht“, sagt die Sozialarbeiterin. Aber eines sei zwingend nötig: „Sie müssen sich kennen lernen, und das muss freiwillig sein. Wenn ich hier einen Aufruf machen würde ‚Ihr müsst den Flüchtlingen was spenden‘, würde keiner kommen. Wenn aber eine Flüchtlingsfamilie hier nebenan wohnt und die Menschen sehen, dass die noch weniger haben als sie selbst – dann geben sie ihr letztes Hemd.“ Im Alltag müsse man das lernen. Naroska sagt: „Es geht um nicht viel, es geht um alles.“ Nur durch Annäherung könne Verständigung funktionieren.

„Die hat es in der Geschichte Glückstadts immer wieder gegeben“, sagt Christian Boldt. Der Historiker leitet das Stadtmuseum und meint: „In Glückstadt gibt es eine Tradition der Integration.“ Und tatsächlich haben sich schon jetzt viele Menschen bereit gefunden, den Flüchtlingen zu helfen. Ehrenamtliche stehen Schlange, sammeln Spenden, planen Willkommensfeste. Das bürgerliche Engagement kennt wenig Grenzen. Heute leben Menschen aus 71 Nationen in Glückstadt.

In der 400-jährigen Geschichte habe die Stadt immer wieder Verfolgte aufgenommen, sagt Christian Boldt: Juden, Hugenotten, Katholiken. „Und sie waren willkommen, haben die Stadt bereichert.“ Dazu kamen Soldaten unterschiedlicher Nationen, und im Hafen habe es immer viele Schiffe aus vielen Ländern gegeben. In den 60er Jahren kamen reihenweise Gastarbeiter aus der Türkei hinzu. „Sie haben hier in der Fischfabrik, dem Eisenbahnausbesserungs- werk, der Heringsfischerei, der Papierfabrik oder in der Großwäscherei Arbeit gefunden“, sagt Boldt. Und die Glückstädter seien froh gewesen, denn die Arbeitskräfte wurden gebraucht.

Heute ist das anders. Arif Seker steht in einem Imbiss. „Döner am Markt“ steht darüber. Er sei häufig hier, sagt Seker., dabei ist er gerade von Glückstadt nach Itzehoe gezogen. Für ihn als Mechaniker und Schweißer habe es keinen Job mehr an der Elbe gegeben. Der 36-Jährige sagt: „Meine Eltern sind Ende der 60er Jahre nach Glückstadt gekommen, haben hier gearbeitet. Jetzt sind sie Rentner und leben wieder in der Türkei.“ Doch Seker gefällt es in Glückstadt. Ob er mehr Türke oder Deutscher ist – das spielt für ihn keine große Rolle. „Hier kann man sich einfach wohlfühlen.“

Arif Seker

Arif Seker.

Foto: Michael Ruff

Und die Flüchtlinge? Werden die sich wohlfühlen? Können sich die Glückstädter überhaupt vorstellen, dass so viele zusätzliche Menschen die Stadt bevölkern?

Irena Neer zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht“, sagen auch die drei Frauen aus dem Café Klingbeil – genauso wie der Mann mit dem Hund aus Glückstadt-Nord. 1200 Flüchtlinge – das sprengt offenbar die Vorstellungskraft vieler Menschen.

„Ich erwarte eine Welle der Hilfsbereitschaft, die vorbildlich sein wird“, sagt Christian Boldt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Bevölkerung Glückstadts von 6000 auf 12  000 verdoppelt. Entstanden ist damals der Stadtteil Glückstadt-Nord, der bis an die Kaserne herangebaut wurde, aber immer noch am Rande der Stadt liegt.

 

In die ehemalige Kaserne ziehen bald 1200 Flüchtlinge ein.
In die ehemalige Kaserne ziehen bald 1200 Flüchtlinge ein. Foto: Michael Ruff

In vier Wochen werden dort 1200 Menschen einziehen. Anja Naroska will nicht zu denen gehören, die dort mit großen Willkommensplakaten stehen. „Wir aus dem Diakonietreff nehmen unsere Migranten mit, die die Sprache der Flüchtlinge sprechen – und dann laden wir sie ein.“ Und auch wenn sie nicht kämen, sei das in Ordnung. Denn schließlich handele es sich um ein Erstaufnahmelager, nach wenigen Wochen werden die Menschen von dort auf verschiedene Kommunen verteilt. „Die Flüchtlinge, die hierher kommen, die wollen doch erstmal zur Ruhe kommen, sich einrichten und vorbereiten auf ein neues Leben. Und helfen können ihnen dabei doch am besten Leute, die sie verstehen“, sagt Naroska. „Aber das tun eben lange nicht alle.“

Daran werden wohl viele Glückstädter arbeiten müssen, um die Tradition der Integration in ihrer Stadt fortsetzen zu können. Aber bis dahin bleibt bei vielen eben ein Gefühl: eine Mischung aus Überforderung und Mitleid.

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