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Erstaufnahme : Glückstadt rüstet sich für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Helfer stehen in den Startlöchern, medizinische Versorgung durch Klinikum Itzehoe geplant.

Am Ende fiel die Entscheidung ganz schnell: Donnerstag hatten Vertreter des Innenministeriums die ehemalige Marinekaserne mit Eigentümer Jens Lange und Unternehmer Sönke Krey besichtigt. Noch am gleichen Abend erhielt Lange die Information, dass die Landesregierung auf seinem Gelände eine Erstaufnahmeeinrichtung mit Platz für 1200 Menschen schaffen will. „Schriftlich habe ich noch nichts vorliegen, aber das kommt sicher in Kürze“, sagte Lange gestern. Dann werde er „ruckzuck loslegen“, um die Gebäude bezugsfertig zu machen. Viel Zeit bleibt nicht, denn bereits am Freitag, 25. September, sollen die ersten Menschen ankommen. „Wir haben jetzt richtig was um die Ohren“, so Lange.

Gemeinsam mit Sönke Krey, der eine Tiefbaufirma auf dem Gelände betreibt, will er sechs der gut erhaltenen ehemaligen Militärgebäude herrichten. „Wir kümmern uns um die Infrastruktur – Strom, Wasser, Heizung, Sanitäranlagen, Wege und so weiter – und das werden wir in aller Kürze angehen“, sagt Lange. Sönke Krey ist bereits mit Firmen im Gespräch, die mobile Heizungsanlagen liefern könnten. „Wir haben etwas weniger Zeit als eigentlich gedacht, aber der Bedarf ist nun mal einfach sehr groß.“

Betreiben werden die Einrichtung aber nicht Lange und Krey. Dafür ist das Technische Hilfswerk (THW) im Gespräch. Sven Guericke, Ortsgruppenbeauftragter beim THW in Itzehoe könnte mit einer ganzen Palette an Aktivitäten aufwarten, von Strom- und Wasserversorgung bis hin zur Ertüchtigung der Räume. „Wir stehen standby. Wenn unsere Hilfe benötigt wird, unterstützen wir in Glückstadt“, sagte er. Noch habe es aber keine Gespräche mit den Verantwortlichen gegeben. Erfahrungen haben die Itzehoer bereits in Neumünster in der Erstaufnahmestelle gesammelt.

Auch das Klinikum Itzehoe ist auf den Ansturm vorbereitet, wie Chefarzt Michael Kappus berichtete. Zwar stehe die abschließende Entscheidung, wer die erste Untersuchung der Flüchtlinge übernimmt, noch aus, aber „wir haben uns seit einigen Wochen damit beschäftigt und geplant“. Fest steht bereits: „Wir würden mit einem Team in die Erstaufnahme gehen, um dort die Untersuchung vorzunehmen.“ Dazu gehören eine Röntgenaufnahme des Oberkörpers, der Impfstatus und eine körperliche Untersuchung. Im Anschluss würden die erkrankten Patienten, bei denen eine weitere stationäre Behandlung erforderlich sei, ganz normal im Klinikum Itzehoe aufgenommen. „Man kann sich sicherlich vorstellen, dass es einige gibt, die nach einer langen, vielleicht mehrjährigen Flucht erkrankt sind“, sagte Kappus. Der Chefarzt stellte jedoch klar, dass es auch zur Vorbereitung der vergangenen Wochen gehört habe, dass die medizinische Versorgung der Bürger im Kreis ohne Einschränkungen weiter gewährleistet sein müsse.

Welche Aufgaben wirklich auf die Mediziner des Klinikums zukämen, könne man heute noch nicht sagen. „Dafür ist es einfach noch zu früh.“ Aber ein Team aus Führungskräften und Hygienefachkräften beschäftige sich intensiv mit der Situation. „Wir wollen nicht, dass es hier zu einem Chaos kommt, wie es andernorts der Fall war. Aus diesen Fehlern haben wir schon jetzt gelernt“, versicherte Kappus.

Eingespannt werden soll auch der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). „Unsere Aufgabe im ersten Moment wird die Sicherstellung der Grundbedürfnisse der Flüchtlinge sein“, erklärt Kreisgeschäftsführer Stefan Gerke. „Das kann ganz schnell organisiert werden“, sagte er angesichts eines zeitlichen Vorlaufs von 14 Tagen bis zum Eintreffen der ersten Flüchtlinge: „In Bad Bramstedt machen wir alles von der Registrierung bis zur Verpflegung.“ Ganz wichtig sei es, die Flüchtlinge mit Kleidung versorgen. Das DRK will dazu Pakete mit Erstausstattung packen – und sucht dafür Kleiderspenden. Gerke begrüßt, dass die Menschen auf dem ehemaligen Marinegelände unterkommen können, selbst wenn da noch das eine oder andere fehlt: „Eine Kaserne ohne Heizung ist allemal besser als Zelte.“

Das sieht auch Torben Mattson, Chef der Glückstädter DRK-Bereitschaft, so. Auch er kennt noch keine Details, sieht sich und seine ehrenamtlichen Helfer aber gut vorbereitet. „Wir wissen, dass der Einsatz auf uns zukommt, aber was wir genau machen werden wir nächste Woche mit den beteiligten Behörden klären.“ Mattson rechnet damit, dass seine Helfer vor allem bei der Betreuung und Registrierung helfen werden. Damit werden die DRK-Mannschaften bei der großen Anzahl von Menschen gut beschäftigt sein. Mattson: „Das wird ein ganz schön harter Stiefel, aber wir bekommen da sicher auch Unterstützung von anderen Ortsgruppen aus dem Kreisgebiet.“ Er freue sich auf die Herausforderung. „Wir wollen helfen und man bekommt ja auch etwas zurück und lernt andere Kulturen kennen.“ Mattson hat kürzlich die Erstaufnahmeeinrichtung in Albersdorf besucht. „Mein Eindruck dort war positiv.“

Bereit sich einzubringen, sei auch die evangelische Gemeinde, sagte Pastor Thomas-Christian Schröder. Allerdings musste er gestern erstmal Luft holen, als er die Zahl der in 14 Tagen erwarteten Flüchtlinge hörte. 1200 Menschen – das sei eine neue Situation. „Wir werden erstmal überlegen, was wir tun können.“ Aktionismus sei den Betroffenen keine Hilfe, deshalb steht für ihn fest: „Wir brauchen eine konzertierte Aktion – man muss das koordinieren.“

Nun will er sich mit seinen beiden Glückstädter Kollegen Gabriele Schinkel und Stefan Egenberger besprechen. Da die meisten der in die Marinekaserne kommenden Menschen vermutlich aus Syrien stammten, seien diese sicher in der Mehrzahl Muslime. Deshalb will Schröder die Islamische Gemeinde einbeziehen. Ali Celik, Vorsitzende des Moschee-Vereins der Sehzade Camii-Moschee, ist bereit zu helfen: „Unsere Türen sind offen für jedermann.“ Allerdings sieht er bei 1200 Menschen durchaus Grenzen. „Unsere Moschee ist jetzt schon zu klein. Da müssen wir improvisieren.“ Auch Celik hält es für sinnvoll, dass sich nun erstmal alle potenziellen Akteure abstimmen. Pastor Schröder: „Hier gibt es den generellen guten Willen.“

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erstellt am 12.Sep.2015 | 11:15 Uhr

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