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Norddeutsche Rundschau

12. Dezember 2017 | 07:59 Uhr

Interview : Gleichstellung braucht Akzeptanz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Neues Gesetz sichert hauptamtlichen Beauftragten Vollzeittätigkeit zu. Itzehoe seit 25 Jahren mit Vorbildfunktion im Kreis Steinburg.

von
erstellt am 25.Apr.2017 | 05:08 Uhr

Der Landtag hat am 14. März dieses Jahres das „Gesetz zur Sicherung der Arbeit der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten“ beschlossen. Jetzt ist es in Kraft getreten. Damit wird klargestellt, „dass Gleichstellungsbeauftragte in Gemeinden mit mehr als 15  000 Einwohnern grundsätzlich vollzeitig und nur ausnahmsweise teilzeitig tätig sind, wenn und soweit die ordnungsgemäße Erledigung der anfallenden Gleichstellungsaufgaben eine Teilzeittätigkeit zulässt“, heißt es seitens des Kieler Gleichstellungsministeriums unter anderem zur Begründung. Was das für die Arbeit von hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten bedeutet, erklärt die Itzehoer Frauenbeauftragte Karin Lewandowski im Interview.

Frau Lewandowski, seit wann ist die Arbeit der hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten eigentlich schon geregelt?

In der Kommunalverfassung ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert festgeschrieben, dass Städte – damals mit über 10  000 Einwohnern, jetzt mit über 15  000 Einwohnern – eine hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte bestellen müssen. Einzige Änderung war übrigens bisher die der Einwohnergrenze. Das geschah zur Zeit der großen Koalition von CDU und SPD im Land auf Druck kommunaler Spitzenverbände. Aber es gibt nichts, was fester auf der Basis des Grundgesetzes verankert ist, als dieser Job.

Gab es da bislang keine Arbeitszeitbeschreibung?

Nein, obwohl man ja eigentlich annehmen müsste, dass hauptamtlich auch volle Stundenzahl bedeutet. Aber Kommunen denken da manchmal anders. Es gibt welche, in denen die Hauptamtlichen nur sechs bis zehn Stunden die Woche arbeiten.

Also Missachtung geltenden Gesetzes?

Im Grunde ja. Der Schleswig-Holsteinische Innenminister Ekkehard Wienholz hat damals schon – im August 1991 – deutlich gemacht, was hauptamtlich bedeutet, dass es eine Ganztagsstelle ist und Gleichstellungsbeauftragte auch 20 Stunden die Woche in Teilzeit beschäftigt werden können, wenn die Arbeitssituation dies zulässt. Ist dies nicht der Fall, muss aufgestockt werden. Trotzdem gibt es immer noch Kommunen, die das überhaupt nicht interessiert. Es hat übrigens auch keinen Innenminister gegeben, der das wieder zurückgenommen hat – aber leider auch keinen, der es mit Kraft durchgesetzt hat. Der Innenministererlass dümpelte durch Schleswig-Holstein.

Da war das neue Gesetz wohl schon überfällig?

Ja, denn jetzt müssen sich auch die Kommunen, die sich bislang gedrückt haben, endlich einmal rechtskonform verhalten.

Im Kreis Steinburg gibt es vier hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte – eine beim Kreis, Sie in Itzehoe, eine in Glückstadt und eine im Amt Kellinghusen. Wie sieht es da mit der Vollzeitbeschäftigung aus?

Nur die Stadt Itzehoe ist da vorbildlich – und das von Anfang an. Seit ich vor 25 Jahren Gleichstellungsbeauftragte wurde, gibt es hier eine ganze Stelle, die ich auch in Teilzeit bekleidet habe, über mehrere Jahre gemeinsam mit Kolleginnen.

Welche Eigenschaften sollte eine Gleichstellungsbeauftragte „mitbringen“?

Als Gleichstellungsbeauftragte darf man nicht konfliktscheu sein. Man muss aber auch in der Lage sein, Konflikte vernünftig zu führen. Es geht nicht um persönliche Siege, sondern um die Sache und darum, wie man das Bestmögliche erreichen kann. Man muss Verhandlungsgeschick beweisen und darf in keiner Weise an seinem Selbstwert zweifeln.

Viele Gleichstellungsbeauftragte kämpfen ja nach wie vor um Anerkennung, sowohl in Verwaltungen, als auch in der Politik. Wie gestaltet sich Ihre Arbeit?

Hier wird heute Wert auf die Meinung der Gleichstellungsbeauftragten gelegt. Der Weg dahin war nicht immer leicht, da musste schon auch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Die Anerkennung ist gewachsen, und eine Gleichstellungsbeauftragte kann ja auch nur so gut sein wie die Menschen, die sie umgeben. Man kann nicht immer nur gegen eine Wand anrennen, man braucht Mitstreiterinnen und Mitstreiter – wohlmeinende Männer, die nicht die Konkurrenz fürchten und nichts Ehrenrührendes dabei empfinden, wenn Frauen gefördert werden. Wichtig ist zum Beispiel, dass heute kompetente Frauen auch Karriere machen können. Durch kontinuierliche Zusammenarbeit ist es in der Itzehoer Verwaltung gelungen, so einiges im Sinne der Gleichstellung zu schaffen – für Frauen und Männer.

Kommen auch Männer mit Gleichstellungsfragen zu Ihnen?

Inzwischen ja. Insbesondere, wenn sie in sonst eher typische Frauensituationen geraten, und – aus welchen Gründen auch immer – Teilzeit arbeiten wollen oder müssen.

In puncto Gleichstellung ist ja schon viel passiert – wo sehen Sie weitere Herausforderungen?

Gott sei dank wurde schon viel erreicht. Aber immer noch gibt es Luft nach oben. Das sehen wir an den Renten, die Frauen in Altersarmut stürzen lassen, an Unterschieden im Gehalt, an der Besetzung von Führungspositionen, an der Benachteiligung allein erziehender Frauen – die Hälfte von ihnen leben an der Armutsgrenze. Ich frage Sie, wie kann denn allen Ernstes jemand gegen Gleichstellung sein?


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