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Rückgabe an Sanitätshaus : Gezerre um den Rollator „Bruno“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Familie aus dem Kreis Steinburg sollte die Gehhilfe wieder abgeben – trotz Zuzahlung in Höhe von 400 Euro.

Jörg Siebeneichler und Sabine Wagner-Siebeneichler sind fassungslos: Bruno ist entführt. In ihrer Not wendet sich das Ehepaar aus Brokstedt an unsere Zeitung. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei „Bruno“ um einen Rollator handelt. Die praktische Gehhilfe gehörte Sabine Wagner-Siebeneichlers Mutter, Hannelore Wagner. Die alte Dame lebte fünf Jahre lang bei ihrer Tochter. 2011 benötigte sie einen Rollator, nach kompetenter Beratung bei einem Sanitätshaus in der Region fiel ihre Wahl auf ein „Spitzenmodell“, wie es Siebeneichler ausdrückt. Bald erhielt das Hilfsmittel auch einen Namen, „Bruno“ entwickelte sich laut Jörg Siebeneichler „zu einer echten Vertrauensperson“. Der treue Helfer habe seine Schwiegermutter Jahr für Jahr treu auf ihrem Weg durchs Dorf begleitet – bis Hannelore Wagner im Juni im Alter von 87 Jahren starb. Rollator „Bruno“ wurde in einer Nische neben dem Kleiderschrank abgestellt.

Plötzlich stand vor einigen Tagen ein Mann vor der Tür und fordert die Herausgabe des Rollators. Das Ehepaar war nicht da, ein jugendlicher Feriengast mit der Situation überfordert. „Er fühlte sich unter Druck gesetzt und hat den Rollator herausgegeben, weil er von seinem Großvater die Situation kannte. Dessen Rollstuhl war nach dem Tod an die Krankenkasse zurück gegeben worden“, sagt Jörg Siebeneichler.

Was der junge Mann nicht wusste: Für Rollator „Bruno“ hatte Hannelore Wagner bei einem Sanitätshaus etwa 400 Euro Zuzahlung geleistet. „Die Krankenkasse übernimmt nur rund 80 Euro. Dafür gibt es das Kassenmodell“, erklärt Jörg Siebeneichler. Aber Hannelore wollte damals ein besseres, leichteres und klappbares Modell. Deshalb leistete sie die rund 400 Euro Zuzahlung „und ging davon aus, dass ‚Bruno‘ damit ihr gehört. Sie hat immer gesagt, wir sollten gut darauf aufpassen, damit wir ihn später auch für uns nutzen können.“

Als Sabine Wagner-Siebeneichler am Mittwoch wieder nach Hause kam, versuchte sie sofort, die Situation zu klären. Die gelernte Sozialpädagogin telefonierte als erstes mit der zuständigen Krankenkasse. Die Mitarbeiterin dort erklärte jedoch, die Abholung nicht in Auftrag gegeben zu haben. Eine Rückforderung sei bei einer Zuzahlung ohnehin nicht üblich. Erst der Anruf bei dem Sanitätshaus, wo der Rollator erworben wurde, brachte Klärung: Tatsächlich hatte das Geschäft die Abholung in Auftrag gegeben. „Auf die Frage, was da vorgefallen ist, wurde uns mitgeteilt, dass das völlig üblich ist. Das würde auch im Miet- und Versorgungsvertrag stehen. Aber aus Kulanz würden wir den Rollator morgen oder übermorgen zurück erhalten“, erklärt Jörg Siebeneichler. Er ärgert sich über den Begriff Kulanz, schließlich habe seine Schwiegermutter eine beträchtliche Summe für den Rollator bezahlt und nie einen Mietvertrag unterschrieben. Er und seine Frau könnten sich ja noch wehren, „aber andere Familien wissen vielleicht nicht mehr, dass mal eine Zuzahlung geleistet wurde oder sind mitten in der Trauerphase nicht in der Lage, die notwendigen Schritte einzuleiten.“

Auf Anfrage bei der zuständigen Krankenkasse DAK erklärte Pressesprecher Rüdiger Scharf, nach berechtigtem Protest der Angehörigen sei im Sanitätshaus nachgeforscht worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass die Zuzahlung im Computersystem nicht eingetragen gewesen sei. Es habe sich also um ein Missverständnis gehandelt und der Rollator sei inzwischen wieder an die Angehörigen ausgeliefert worden.

Tatsächlich wurde „Bruno“ am Montag der Familie wieder zurückgebracht. Aber damit war alles noch nicht vorbei. Denn: Bei der Rückgabe sollte Sabine Wagner-Siebeneichler den Erhalt des Rollators quittieren. „Als ich gerade unterschreiben wollte, fiel mir plötzlich auf, dass ich da einen Miet- und Versorgungsvertrag vor mir hatte“, erzählt sie. Wagner-Siebeneichler weigerte sich zu unterschreiben und stellte stattdessen nur eine Quittierung der Rückgabe aus. Ein Fehler, sagen die Siebeneichlers, könne jedem mal passieren. Aber die Art und Weise, mit der der Rollator eingefordert worden sei und der Versuch, hinten herum noch eine Unterschrift auf den Vertrag zu bekommen, sei für sie unverständlich.

Zur Klärung der Sachlage war das Sanitätshaus zu keiner Stellungnahme bereit. Rüdiger Scharf von der Krankenversicherung DAK ist nicht bekannt, warum der Mitarbeiter des Sanitätshauses eine Unterschrift auf einem Mietvertrag forderte. „Ich gehe davon aus, dass der mit der Abholung des Rollators beauftragte Mitarbeiter des Sanitätshauses nicht wusste, dass der Rollator auf Grund der Mehrkostenregelung Eigentum des Versicherten war.“ Grundsätzlich seien Rollatoren, bei denen sich der Versicherte für ein höherwertiges Modell mit Mehrkostenregelung entscheide, Eigentum des Versicherten. Aus diesem Grund blieben die Rollatoren auch nach dem Tod des Versicherten bei dessen Erben. Das Ehepaar Siebeneichler hat das Recht also auf seiner Seite und kann Rollator „Bruno“ behalten. Jetzt steht er wieder in seiner Nische neben dem Kleiderschrank – bis sie ihn einmal selber brauchen.

 

 

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erstellt am 03.Aug.2015 | 18:25 Uhr

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