zur Navigation springen

Zementwerk in Itzehoe : Genehmigung und Bau im Eiltempo

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Sommervortrag im Kreismuseum über die historische Seilbahn auf Alsen: 69 Jahre Tontransport zwischen Itzehoe und Agethorst.

„Nur vier Monate dauerte es, um die behördliche Genehmigung zu erhalten“. Ein Raunen geht durch das Publikum – in heutigen Zeiten utopisch. Willi Breiholz spricht von der historischen Tonseilbahn der Zementfabrik Alsen. Gleich zwei Mal war die Bahn diese Woche Thema des Sommervortrags im Kreismuseum Prinzeßhof – der große Andrang machte einen Extratermin nötig.

Bei Kaffee und Kuchen nimmt der Ingenieur im Ruhestand sein Publikum mit auf eine Reise in die Industriegeschichte. Er erzählt zunächst über die Firma Alsen, welche im Jahre 1864 mit 16 Mitarbeitern ihren Betrieb in Itzehoe aufnahm. „27 Tonnen Zement stellte man damals pro Woche her“, erklärt Breiholz. „In der Endausbaustufe des Industriebetriebes im Jahr 1971 waren es dagegen 800 Mitarbeiter bei 24  000 Tonnen Zementproduktion pro Woche“.

Breiholz geht danach auf die unterschiedlichen Besitzer der Firma und die Zement-Rohstoffe Kreide und Ton ein. Vor allem um den Ton dreht sich der weitere Vortrag. In den Anfangszeiten wurde der noch im Itzehoer Stadtgebiet abgebaut. Diese Vorkommen gingen jedoch schnell zur Neige. Um die Jahrhundertwende musste eine neue Tongrube her, doch die Suche gestaltete sich schwierig. Ein zunächst in Betracht gezogener Standort in Burg in Dithmarschen fiel aufgrund des schwierigen und komplizierten Transportweges aus. Man fokussierte sich nun auf Steinburg, doch auch dort bestand das Transport-Problem, berichtet Breiholz. Planungen von Bahnstrecken zerschlugen sich, Lkw waren noch zu unausgereift.

Doch dann die zündende Idee: eine eigene Seilbahn. Diese sollte eine neue Grube in Agethorst mit dem Werk in Itzehoe verbinden. Über 12,5 Kilometer sollte Ton in Mulden über die Köpfe der Steinburger hinweg transportiert werden. „In neun Monaten war die Seilbahn fertig gebaut“, erklärt Breiholz. Es wird wieder laut im Saal, die Zuschauer staunen nicht schlecht. Auch dies in Zeiten von „BER“ und „Elphi“ unvorstellbar.

Am 3. April 1908 nahm die Bahn dann ihren Betrieb auf. Es folgten mehrere technische Neuerungen in der Tongrube, in welcher am Anfang der Rohstoff per Hand abgestochen und in die Loren verladen wurde. Später übernahmen dies Bagger und Förderbänder. Die Masten und Mulden wurden über die Zeit ebenfalls erneuert.

Auch über Anekdoten weiß Breiholz zu berichten. Der Ton musste auf seinem Weg in die Schlämmerei in Itzehoe auch über das Gebiet der Firma Sterling Sihi. „Wenn die Seile frisch gefettet wurden und es anschließend regnete, beklagten sich die Arbeiter von Sihi über Fett an ihren Fenstern – dann mussten Reinigungstrupps von Alsen vorbei kommen und alles wieder säubern“, erzählt Breiholz.

Mit der Verlagerung der Zementproduktion nach Lägerdorf kam es zum plötzlichen Aus für die Tonseilbahn. Hatte man noch 1974 bis 1975 eine neue Tongrube in Mehlbek an die Bahn angeschlossen, wurde 1977 die Seilbahn stillgelegt. Begründet wurde der Schritt mit zu hohen Unterhaltskosten. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass die ehemaligen Arbeiter der Seilbahn diese selbst demontiert haben, so Breiholz. Allerdings konnten so ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Breiholz rundet seinen Vortrag mit Originalaufnahmen der Seilbahn ab. Vom Publikum gibt es viel Beifall. Unter den Zuhörern ist auch der ehemalige technische Direktor von Alsen, Peter Künne. Als „exakt, fundiert und super ausgeführt“ lobt er den Vortrag. Der Vortrag sei „sehr interessant“ gewesen, sagt Zuhörer Joachim Rahn. Der 51-Jährige Neuenbrooker kennt die Bahn noch aus seinen Kindertagen. Es dürfte nicht der letzte Vortrag von Willi Breiholz im Kreismuseum gewesen sein – Museumsdirektorin Anita Chmielewski denkt bereits über eine weitere Abendveranstaltung nach.

zur Startseite

von
erstellt am 12.Aug.2017 | 18:11 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen