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Norddeutsche Rundschau

21. Oktober 2017 | 16:33 Uhr

Intergration : „Gemüse“ war das erste Wort

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eine hauptamtliche Lehrerin und über 20 Ehrenamtler unterrichten Deutsch in der Notunterkunft

von
erstellt am 29.Nov.2015 | 16:40 Uhr

„Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 25.11.2015“, sprechen neun Schüler langsam im Chor. „Und jetzt Mohammed einmal alleine“, fordert Susanne Hartmann einen kleinen Jungen auf. Die ersten Worte gehen ihm leicht von der Zunge, bei den Zahlen gerät er etwas ins Stocken. Trotzdem lobt die Lehrerin: „Das hast du sehr gut gemacht.“

Szenen wie diese spielen sich täglich in der Notunterkunft für Flüchtlinge auf dem ehemaligen Prinovis-Gelände ab. Ab sofort bieten die Johanniter vormittags und nachmittags je zwei Doppelstunden Deutschunterricht für die Flüchtlinge an. „Die Sprache ist der erste Schritt zur Integration“, sagt Camp-Leiter Lars Bessel. „Es geht uns in erster Linie um den Wortschatz, den unsere Gäste zum täglichen Überleben benötigen.“ Über 20 Ehrenamtler stehen für die Betreuung der Camp-Schule zur Verfügung. Daneben stellt der Kreis hauptamtliche Lehrer: Drei Daz-Stellen (Deutsch als Zweitsprache) mit der Aussicht auf Verbeamtung sind ausgeschrieben. „Bisher konnten wir jedoch noch keine geeigneten Bewerber finden“, sagt Schulrat Arnold Rehder. Vorübergehend ist erst einmal die pensionierte Lehrerin Susanne Hartmann (66) eingesprungen.

Mit sehr viel Liebe zum Detail hat sie den Klassenraum ausgestattet, an dessen Toren noch „Feuerwehr. Ausfahrt freihalten“ steht. Früher war hier die Werksfeuerwehr der Prinovis-Druckerei untergebracht. Jetzt hängen farbige Plakate an den Wänden, die das lateinische Alphabet, Teile des menschlichen Körpers zeigen oder die Wochentage illustrieren.

„Das lateinische Alphabet lernen meine Schüler in der Regel sehr schnell“, sagt Susanne Hartmann. Und auch mit der deutschen Grammatik würden insbesondere die jungen Leute schnell fertig. „Die größten Probleme sind eher Pünktlichkeit und Disziplin.“ Nicht alle Schüler würden regelmäßig erscheinen. „Viele kommen zu spät“, sagt sie, kurz bevor sich wieder die Tür öffnet und drei junge erwachsene Männer hereintrotten. „Geht bitte in den Nebenraum“, ruft Hartmann ihnen zu.

Während die Lehrerin die jüngeren Schüler betreut, sitzt im Nebenraum bereits eine Handvoll junger Männer. In Stillarbeit füllen sie Arbeitsblätter zur Grammatik aus. „Ich esse, du isst, er isst“, schreiben sie auf ihre Zettel. Ehrenamtlerin Annika Biet (24) schaut ihnen über die Schulter und gibt Tipps. Geduldig erklärt sie dem 29-jährigen Syrer Anas Kassab den Unterschied zwischen „seit“ und „seid“. Er spreche bereits Englisch und Französisch, sagt Kassab auf Englisch. „Aber Deutsch ist schwerer als diese beiden Sprachen zusammen.“ Es ist seine zweite Deutschstunde heute, ein paar Grundlagen hat er schon im Eigenstudium gelernt. „Gemüse“ und „Obst“ waren die ersten Wörter, die er beherrschte. „Der Mann braucht etwas zu essen“, sagt er und lacht. Und auch über den Satz, den er heute gelernt hat, muss er schmunzeln:„Ich möchte nicht schlafen.“ Das sage er fortan abends den Security-Leuten im Camp, weil er das frühe Zu-Bett-Gehen der Deutschen nicht gewohnt sei.

Von Freunden weiß Anas Kassab, dass sie nach ungefähr einem Jahr gut Deutsch konnten. „Das ist auch mein Ziel.“ Der studierte Zahnarzt will in Deutschland eine Arbeit finden. „Dafür ist die Sprache die wichtigste Grundlage.“



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