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Empathie wecken : Gemeinsam für lebendige Inklusion

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Behindertenverbände arbeiten enger zusammen. Gemeinsame Aktionen sollen Öffentlichkeit sensibilisieren.

von
erstellt am 12.Aug.2014 | 16:30 Uhr

Sie sitzen im gleichen Boot und haben das gleiche Ziel: Sie sind durch Handicaps in ihrer Mobilität eingeschränkt und wollen die Sensibiltät gegenüber behinderten Menschen erhöhen. Warum also sollte jeder für sich kämpfen? „Gemeinsam sind wir stärker“, haben Marita Brunswik (Soziale Dienste), Günter Seligmann (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) und Annelie Heydorn (Sozialverband Vdk) erkannt und arbeiten enger zusammen.

Jeder von ihnen kann viele Geschichten von den Problemen im Alltag erzählen – von den vielfältigen Schwierigkeiten bei Zugfahrten, die spontane Ausflüge unmöglich machen, über Stolperfallen bis zur schlechten Erreichbarkeit von Geschäften oder Arztpraxen. „Wir müssen uns durch unsere Behinderung täglich neu orientieren: Wie komme ich dort hin? Gibt es ein Behinderten-WC? Was muss ich vorher organisieren? Welche Hilfe kann ich in Anspruch nehmen“, sagt Marita Brunswik. „Es gibt so viele Probleme. Das schweißt zusammen.“

Gemeinsam lässt sich vieles leichter auf die Beine stellen. Veranstaltungen, Vorträge oder Ausflüge zum Beispiel. „Es ist ein Wahnsinns-Aufwand, Reisen zu organisieren“, weiß Annelie Heydorn. Und dann kommen womöglich nicht genügend Anmeldungen zusammen. „Wenn alle drei Organisationen gemeinsam eine Reise machen, bekommt man auch genügend Teilnehmer.“ Außerdem könne man sich gegenseitig mit Tipps versorgen und damit auch die Beratung, die jeder für sich weiterhin anbietet, optimieren. Viele Menschen mit Handicap wüssten gar nicht, was ihnen zusteht, oder schämen sich, darum zu bitten, bedauert Annelie Heydorn. Und nicht jeder habe die Kraft zu kämpfen. „Viele geben auf.“ Dabei seien die Möglichkeiten oft so einfach. „Da muss noch viel mehr Aufklärung stattfinden.“ Auch das geht mit vereinten Kräften leichter. Und natürlich wird gemeinsam auch die Stimme gegenüber der Politik lauter.

Vor allem aber wollen Marita Brunswik, Annelie Heydorn und Günter Seligmann eines: Sie wollen die Öffentlichkeit auf die Belange Behinderter aufmerksam machen und ein besseres Miteinander erreichen – sie wollen „gelebte Inklusion“. „Wir Menschen mit Behinderung müssen nicht auf ein Abstellgleis gestellt werden“, betont Annelie Heydorn. „Wenn die Bevölkerung sensibilisiert ist, kommt man auch besser zurecht, dann ist alles möglich“, weiß Günter Seligmann. Er hat es vor kurzem bei einer Reise durch die USA und Kanada erlebt. Weil nach dem Besuch eines Wasserfalls ein Bus nicht wie geplant fuhr, stand die Familie auf der Straße – samt Günter Seligmann im Rollstuhl. Viele Autofahrer hielten an und boten ihre Hilfe an. Das würde sich der Vorsitzende der MS-Gruppe auch hier wünschen. „Es sind oft Kleinigkeiten“, betont er. Etwa die Klingel, die angebracht wird, damit Rollstuhl-Fahrern beim Einlass geholfen werden kann. „Ich würde mich auch in Deutschland trauen, mal spontan wegzufahren, wenn ich wüsste, dass mir geholfen wird.“ Ein „bisschen mehr Empathie“ wünscht er sich. Und die fange schon bei der Erziehung an.

„Nicht beschämt weggucken“, appelliert Annelie Heydorn an ihre Mitbürger. Wer freundlich frage, ob er helfen kann, wenn beispielsweise ein Rollstuhlfahrer hilflos am Kantstein steht, werde bestimmt nicht „angeblubbert“. „Die meisten sind froh, wenn jemand hilft.“ An Orten, wo man es vielleicht gar nicht erwarte, werde das bereits völlig selbstverständlich praktiziert, meint Seligmann und nennt als Beispiel das Wacken Open Air. „Da ist man sowas von offen und sensibel, das freut mich.“

Doch nicht nur die Mitbürger müssten sensibilisiert werden, weiß Marita Brunswik. Auch bei der Politik hat sie oft das Gefühl, dass die Bedürfnisse von Senioren oder Menschen mit Behinderung bei Beschlüssen nicht gesehen werden. „Die Politiker müssten mal den Mut haben, zum Beispiel einen Alterssimulator auszuprobieren“, sagt sie. „Dann wüssten sie: Wie fühlt es sich wirklich an.“ Die Verbände bieten ihre Hilfe und Beratung im Vorfeld etwa von Baumaßnahmen an. Schließlich seien es keine Beschlüsse für ein Jahr, sondern für die nächsten Generationen, betont Marita Brunswik. „Viele vergessen oder verdrängen, dass sie auch mal alt werden.“ Und durch Unfall oder Krankheit könne jeder selbst zum Betroffenen werden.

Eigentlich ist es ganz einfach, findet Annelie Heydorn: „Lasst uns gemeinsam leben – und nicht: Ihr lebt euer Leben und wir unseres.“ Man müsse die Menschen so weit kriegen, dass sie begreifen: „Behinderte sind genauso Menschen wie du und ich.“
> Die nächste gemeinsame Aktion: Montag, 18. August, wird der rollstuhlgerechte Reisebus zur Präsentation nach Itzehoe geholt. Das 14 Meter lange und 2,50 Meter breite Fahrzeug wird von 10 bis 12 Uhr auf dem Meierei-Parkplatz stehen und kann von Interessierten besichtigt werden. Der Bus verfügt unter anderem über spezielle Hebebühnen, um auch für Rollstuhlfahrer zugänglich zu sein.

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