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Norddeutsche Rundschau

16. August 2017 | 17:52 Uhr

Gelebte Geschichte in 60 Minuten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Neuntklässler der Gemeinschaftsschule treffen auf sechs Zeitzeugen – und die hatten viel zu erzählen

Was die sechs Zeitzeugen gestern in der Gemeinschaftsschule Wilster zu erzählen hatten, steht so in keinem Geschichtsbuch. Auf Initiative des Kinder- und Jugendparlaments und mit Unterstützung des Seniorenbeirats informierten Uwe Martensen, Otto Andresen, Karl-Wilhelm Steenbuck, Friedrich Meier, Gustav Hintz und Berend Kloppenburg aus erster Hand über längst vergangene – und doch höchst aktuelle Zeiten. Gebannt verfolgten die Neuntklässler in der Mensa die Berichte und Erzählungen. Wie ein roter Faden zog sich dabei das aktuelle Geschehen um die Flüchtlinge aus Krisengebieten durch die Gespräche.

„Ich bin froh, dass es noch Zeugen aus diesen Jahren gibt“, begrüßte Jochen Meiforth (Seniorenrat) gemeinsam mit Ann-Christin Martensen (Kinder- und Jugendparlament). Dann tauchten die Schüler – die im regulären Unterricht mitunter über die Weimarer Zeit gar nicht hinauskommen – in die gelebte Geschichte ein.

Uwe Martensen konnte sich noch daran erinnern, wie er bei seinem Großvater auf dem Arm auf die Trümmer der im Stadtzentrum von Wilster bombardierten Kirche blickte. Seine Familie betrieb damals ein kleines Milchgeschäft. Nach dem Weltkrieg habe sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt. „Nicht überall waren die Flüchtlinge willkommen.“ Der heute 72-Jährige schlug den Bogen zur Gegenwart: „Sie sprachen einen anderen Dialekt, waren alle katholisch. Sie waren uns damals so fremd wie heute vielleicht Moslems.“ Rückblickend meinte Martensen, dass es damals keine schöne Zeit gewesen sei. Aber: „Wir haben es nicht so empfunden. Es ging allen schlecht.“ Lebertran für die Kinder, verdünnte Milch, damit es für alle reichte und Fleisch von in Landrecht geschlachteten kranken Tieren. Und drei Familien mussten auf 60 Quadratmetern zusammenrücken. „Die Not war groß.“ Und wieder zeigte Martensen Parallelen zu heute auf: „Damals kamen die Flüchtlinge über die Ostsee, heute über das Mittelmeer.“ Leise, aber auch bedauernd fügte er hinzu: „Fremdenfeindlichkeit ist kein Phänomen der Gegenwart.“ Die Schüler verfolgten die Ausführungen aufmerksam. Für Fragen reichte die Zeit dann nicht mehr. Die sechs Zeitzeugen hatten jeweils nur 20 Minuten Zeit – und viel zu erzählen.

So wie Friedrich Meier. Der heute 90-Jährige war als 17-jähriger Schüler eingezogen und an die Ostfront geschickt worden. Anschließend überlebte er mit Glück und Geschick vier Jahre russische Kriegsgefangenschaft.

Morgens eine dünne Suppe, mittags Hirsebrei, abends wieder Suppe. Heiligabend kam Fischsuppe auf den Tisch, zur Abwechslung auch mal Brägen (Rinderhirn). Der Speiseplan dürfte in den Ohren der Schüler exotisch geklungen haben. „Wir hatten permanent Hunger“, berichtete Meier. Schmunzelnd erzählte er, wie er sich als Medizinstudent ausgegeben und so bei den Sanitätern landen konnte. „Es hat keiner gemerkt. Sonst hätte ich vielleicht ins Kohlebergwerk gemusst.“

Eine ganz andere Lebensgeschichte hat Gustav Hintz, der über Kindheit und Jugendjahre in Polen berichtete. In den Kriegswirren war die Familie getrennt worden. „Irgendwann hat uns einfach die Front überrollt.“ Der kleine Gustav landete schließlich ohne Eltern und Geschwister in einer Erziehungsanstalt. Er erinnerte sich an Hunger, Kälte und wie dort eigentlich immer das Gesetz des Stärkeren herrschte.

Der heute 79-Jährige hatte Glück. Er war bei der Gründung einer Blaskapelle dabei, konnte Klarinette lernen und schließlich eine Musikschule besuchen. „Ich musste für mich aber alles selbst regeln und organisieren“, machte er das Leben eines zeitweiligen Waisenkindes deutlich. Über das DRK kam es schließlich wieder zu einer Familienzusammenführung. 1957 – zwölf Jahre nach Kriegsende – kam er zu seiner Mutter nach Wilster. „Ich habe einiges erlebt, aber auch viel Glück gehabt.“

Wie dieses Trio schöpften auch die übrigen Zeitzeugen aus einem Füllhorn der Erinnerungen. Otto Andresen sprach von seiner Jugend am Kohlmarkt, Karl-Wilhelm Steenbuck beleuchtete das Flüchtlings-Dasein einst und jetzt und Berend Kloppenburg holte seine Jugendjahre in der Mühlenstraße aus dem Gedächtnis.

Den Schülern wurde in dreimal 20 Minuten eine wertvolle Ergänzung des Geschichtsunterrichts mit Erlebnissen aus erster Hand, von Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft geboten.

Dabei gab es auch viele gute Erinnerungen – wie die von Uwe Martensen, der die Beatles noch live im Star-Club erlebt hatte. Aber das war dann schon wieder eine sehr viel bessere Zeit.

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erstellt am 22.Apr.2015 | 12:16 Uhr

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