zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

12. Dezember 2017 | 06:02 Uhr

Verurteilt : Geldstrafe für Unfallfahrer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein 29-Jähriger wurde vor dem Amtsrichter in Itzehoe verurteilt. Er ist der Verursacher eines tragischen Unfalls auf der B 5 mit zwei Toten und drei Schwerverletzten.

shz.de von
erstellt am 19.Jan.2016 | 05:00 Uhr

Augenblicksversagen. Das ist das Wort, mit dem gestern Richter Nicolaus Rittgerodt in seiner Urteilsbegründung einen Fall beschreibt, der Itzehoe vor mehr als einem Jahr erschüttert hat. „Wir alle sind mal unaufmerksam, aber in Ihrem Fall hatte das eben besonders tragische Auswirkungen“, sagt der Richter im Saal 3 des Amtsgerichts zu dem Angeklagten, der die rund zweieinhalbstündige Verhandlung weitgehend unter Tränen bestreitet. Am Ende wird der 29-jährige Pole schuldig gesprochen, den Tod zweier Menschen fahrlässig verursacht zu haben, dazu für die Verletzungen weiterer Menschen verantwortlich zu sein. Und Rittgerodt verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 1440 Euro.

Am Ende der Verhandlung steht fest, dass der 29-Jährige am frühen Morgen des 30. November 2014 in der Baustelle auf der B 5 zwischen Itzehoe-West und -Süd seinen Opel Zafira auf die Gegenfahrbahn gelenkt hat und dort frontal mit dem VW Golf eines 22-jährigen Mannes, der ebenfalls aus Polen kommt, zusammengestoßen ist. Die Analyse des Verkehrssachverständigen Thomas Hilker ist eindeutig: „Er muss rübergefahren sein – und zwar in Gänze. Der Fahrer des Golf hat noch versucht nach rechts auszuweichen, aber da war nichts mehr zu machen.“ Die Spuren, die Hilker am Unfallort gefunden hat, ließen keinen anderen Schluss zu.

Der Angeklagte lauscht diesen Worten mit gesenktem Blick. Auf die Fotos, die Hilker dem Gericht zeigt, wirft er nur flüchtige Blicke. Dass er noch immer unter den Folgen des Unfalls leidet, ist unverkennbar. Die organischen Verletzungen sind zwar verheilt, aber psychisch hat der Angeklagte immer noch zu kämpfen. Er arbeite nicht mehr als Kfz-Mechaniker, seine Lebensgefährtin finanziere ihm und seinem einjährigen Kind den Lebensunterhalt in Polen, sagt er.

An den Unfall hat der 29-Jährige kaum noch Erinnerungen. Dennoch gibt er vor Gericht zunächst an, dass ihm am Unfalltag auf seiner Spur ein Auto entgegengekommen sei und er versucht habe, auszuweichen. Genau das hat allerdings auch der Fahrer des Golfs nach dem Unfall im Krankenhaus von sich behauptet. Zwar kann er sich vor Gericht nicht mehr an den genauen Hergang des Unfalls erinnern, dass er auf die Gegenfahrbahn gefahren sei, schließt er aber aus – und wird dabei durch den Gutachter bestätigt.

Der 22-Jährige hat bei dem Unfall seine zwei älteren Brüder verloren, die auf Beifahrer- und Rücksitz gesessen haben. „Der Mann, der hinten saß, war nicht angeschnallt, ist bei dem Unfall auf den Beifahrersitz aufgeprallt“, sagt Hilker vor Gericht. Auch dadurch seien die tödlichen Verletzungen der beiden Brüder zu erklären, die in dem älteren Golf saßen. „Ich habe noch gehört, wie die Retter bei einem meiner Brüder noch einen schwachen Puls gefühlt haben – und bei dem anderen gar nichts mehr“, sagt der 22-Jährige. Relativ gefasst berichtet er, dass er danach bewusstlos war, fünf Tage im Koma gelegen habe, dass eine Psychologin in Polen ihm geraten habe, nicht mehr an den Unfall zu denken. Dass seine Familie ihm geholfen habe, die Unfallfolgen zu verarbeiten – und dass er doch immer wieder an die gemeinsame Zeit mit seinen Brüdern denke, mit denen er an dem Unfalltag aus Berlin aufgebrochen war, um Freunde in Heide zu besuchen.

Der Angeklagte sitzt nur einen Meter von ihm entfernt und schaut weiter auf den Boden. Warum er letztlich an dem Unfalltag für einen Augenblick die Kontrolle über seinen Wagen verloren hat, kann niemand mehr klären. „Ich glaube Ihnen, dass es Ihr Empfinden ist, dass Ihnen ein Auto auf Ihrer Spur entgegen kam“, sagt Richter Rittgerodt. „Doch nach den Ausführungen des Sachverständigen müssen wir davon ausgehen, dass Sie sich schuldig gemacht haben.“

Der Richter würdigt, dass der Angeklagte nicht vorbestraft ist, dass er zum Zeitpunkt des Unfalls nicht unter Einfluss von Drogen und Alkohol stand und aufgrund seiner Angaben wohl auch nicht übermüdet war. Weil er kein eigenes Einkommen hat, verurteilt er ihn wie von der Staatsanwaltschaft gefordert zu 180 Tagessätzen à acht Euro. Und sagt dann noch zu dem sichtlich niedergeschlagenen Mann: „Die schwerste Strafe bleibt das, was sie verursacht haben.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen