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Norddeutsche Rundschau

23. August 2017 | 17:56 Uhr

Geldstrafe für Augenblick des Versagens

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Motorradfahrer war nach tragischem Unfall gestorben

1100 Euro, entsprechend 110 Tagessätze zu je zehn Euro, muss die von 411 Euro Rente lebende 71-Jährige an Geldstrafe zahlen. Strafrichter Nicolaus Rittgerodt verurteilte die Seniorin aus einer Marschgemeinde gestern wegen fahrlässiger Tötung zu dieser Geldstrafe.

Seit dem 3. September 2012 fährt die 71-Jährige kein Auto mehr. An jenem schicksalhaften Tag war sie auf der Landesstraße 100 unterwegs in Richtung Steinburg. In Hohenfelde bog sie dazu links ab und übersah dabei einen 21-jährigen, entgegenkommen Motorradfahrer. Es kam zum Zusammenstoß. 68 Meter vom Aufprallort blieb der junge Mann mit Knochenbrüchen liegen. Auch innere Verletzungen gab es.

So penibel wie der Gutachter die Unfallstelle untersuchte, so penibel befassten sich gleich drei medizinische Gutachten mit der Frage der Zusammenhänge. War der Unfall daran schuld, das der 21-Jährige über zwei Monate später im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) starb? So lautete die Fragestellung an die Mediziner. Der junge Mann kam sofort nach dem Unfall ins UKE, wo ihm bald das linke Bein und die linke Seite des Beckens amputiert wurden. Über die große offene Wunde drangen Bakterien ein. Eine Sepsis war die Folge. Über 300 Bluttransfusionen erhielt der Patient. Zunehmend versagten die Organe, am Ende gab es eine Blutung im Gehirn, die zum Tode des jungen Motorradfahrers führte. Alle drei Mediziner kamen zum Schluss, das zumindest indirekt der Unfall für den Tod verantwortlich war

Der Gutachter stellte fest, das der Motorradfahrer 35 Stundenkilometer zu schnell war. Er hatte über 100 km/h auf dem Tacho beim Zusammenprall. Wäre er angepasst gefahren, hätte er den Unfall vermeiden können. Ebenso wie die Angeklagte. Sie sagte immer wieder: ,,Ich hab ihn nicht gesehen.“

Ganz in Schwarz erschien die rüstige Rentnerin vor Gericht. Ihre Familie begleitete sie, gab ihr seelischen Halt. Angehörige des Opfers waren nicht anwesend bei dem vor dem Itzehoer Amtsgericht geführten Prozess.

,,Es wurde schummrig“, erinnerte die Angeklagte die Lichtverhältnisse am Unfalltag. Warum sie den Motorradfahrer nicht sah - sie wusste es nicht mehr. 130 Meter war dieser entfernt, als sie abbog. Sie hätte ihn sehen müssen, das besagt das Gutachten.

,,Eine Geldstrafe ist ausreichend, eine Freiheitsstrafe nicht erforderlich“, betonte Richter Rittgerodt, der im Urteil noch einmal auf das Mitverschulden der Motorradfahrers hinwies. ,,Es ist ein Augenblicksversagen", erkannte der Richter abschließend, ein Versagen wie es tausend Mal am Tag passiert, selten aber mit solch schwerwiegenden Folgen. Die bis dato völlig unbescholten Rentnerin nahm das Urteil sofort an, womit es rechtskräftig ist.



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erstellt am 08.Sep.2014 | 12:48 Uhr

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