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Norddeutsche Rundschau

23. November 2017 | 23:00 Uhr

Itzehoe : Geheimnisse der Toten lüften

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Von Barschel bis zum Mann mit erotischen Käsefantasien: Rechtsmediziner Klaus Püschel stellt faszinierende Fälle aus seinem Beruf vor

Eines stellte Klaus Püschel gleich zu Beginn des Abends klar: „Ich trinke keinen Rotwein im Sektionssaal“, sagte er in Anspielung auf den Arbeitsstil eines aus dem ARD-Tatort bekannten Rechtsmediziners. „Ich hoffe, dass deutlich wird, dass ich mich von Professor Boerne deutlich unterscheide.“ Was die rund 100 Zuschauer im Studio des Theaters Itzehoe – darunter mehrere örtliche Richter – am Freitagabend erlebten, war jedoch nicht weniger unterhaltsam als mancher Tatort-Krimi. Zudem handelte es sich bei den mörderischen Geschichten, die dort präsentiert wurden, ausnahmslos um wahre Begebenheiten.

Der Rechtsmediziner Püschel und die Journalistin Bettina Mittelacher lasen im Rahmen der Krimi Nordica aus ihren gemeinsam verfassten Büchern „Tote schweigen nicht“ und „Tote lügen nicht“. Der Abend war definitiv nichts für Zartbesaitete. Mit seinem trockenen Humor redete Püschel ganz sachlich über Fälle, bei denen es manchem Zuhörer eiskalt den Rücken herunterlief – und hatte jeweils auch die passenden Fotos mitgebracht: „Wenn Sie etwas nicht sehen wollen, machen Sie einfach die Augen zu“, warnte er sein Publikum vor.

Püschel ist Leiter des rechtsmedizinischen Instituts am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) und damit auch für den Bereich der Staatsanwaltschaft Itzehoe zuständig. Mit fast 40 Dienstjahren gehört der 65-Jährige zu den erfahrensten Rechtsmedizinern in Deutschland. Rund 30 000 Leichen begutachten er und seine Mitarbeiter im Jahr. Mittelacher, Ururenkelin von Theodor Storm, arbeitet seit 27 Jahren als Gerichtsreporterin für das Hamburger Abendblatt.

Geradezu harmlos im Vergleich zu den folgenden Bildern wirkte das berühmte Foto, das den toten Ministerpräsidenten Uwe Barschel in der Badewanne zeigt. Der ehemalige Landesvater von Schleswig-Holstein war am 11. Oktober 1987 leblos in seinem Genfer Hotelzimmer aufgefunden worden. Püschel war an einer Untersuchung des Leichnams in Hamburg beteiligt. Im Publikum herrschte Totenstille, als der Rechtsmediziner die Fakten zu dem nach wie vor ungelösten Fall präsentierte. Während in der Öffentlichkeit mehrere Mord-Theorien kursieren, vertritt Püschel eindeutig die These: „Es war Selbstmord.“ Barschel habe den Medikamentencocktail, der zu seinem Tod führte, selbst eingenommen. Dafür hat der Rechtsmediziner zwar keine Beweise, aber dennoch einige Indizien, etwa dass der Leichnam keine Verletzungen aufweist, die durch Fremdeinwirkung entstanden sind.

Auch für die meisten der vielen offenen Fragen hat der Experte eine Erklärung. Seinen Hemdknopf, mutmaßte er, könnte Barschel sich selbst abgerissen habe, als ihm die Luft wegblieb. Und warum wurden zwei Gläser in dem Hotelzimmer gefunden, wenn Barschel doch angeblich alleine war? „Manche Leute trinken halt beidhändig“, sagte Püschel und lachte. „Wir werden die Diskussion zum Fall Barschel auch hier nicht zu Ende bringen“, sagte er leicht genervt, um dann schnell zu anderen Verbrechen überzugehen.

Den Höhepunkt des Abends, was sowohl den Unterhaltungswert als auch den Ekelfaktor angeht, bildete ein „autoerotischer Unfall“, den die beiden Autoren unter dem Titel „Alles Käse“ präsentierten. Ein Mann wollte offenbar sein Lustempfinden dadurch steigern, dass er sich in einen Neoprenanzug zwängte und sich einen Müllsack über den Kopf stülpte, weshalb er letztlich erstickte. Das Einmalige: Unter seiner Gummikleidung kam eine Schicht Scheibletten-Käse hervor, der inzwischen geschmolzen war und wie eine zweite Haut den gesamten Körper einhüllte.

Mancher Zuhörer konnte sich das Lachen nicht verkneifen, auch wenn der Fall für den Betreffenden alles andere als ein lustiges Ende fand. „Er hat die Lust gesucht und den Tod gefunden“, kommentierte Mittelacher. Außergewöhnliche erotische Praktiken führten nicht selten zum Tod, ergänzte Püschel. „Insgesamt kann man nur davor warnen.“

Der Fall zeige einmal mehr, dass er als Rechtsmediziner die Toten nicht aus Langeweile aufschneide, sondern um von ihnen zu lernen. „Wir müssen in den Toten lesen wie in einem Buch“, lautet das Arbeitsmotto Püschels, auf dessen Schreibtisch übrigens ein per 3D-Drucker erzeugtes Modell seines eigenen Schädels steht. Vielleicht noch eine Anregung für seinen Kollegen Boerne?

Auch wenn an diesem Abend nicht der Tatort-Professor sprach, die Zuhörer waren am Ende der zweieinhalbstündigen Lesung begeistert: „Das war ausgesprochen gut“, sagte Anuschka Delion aus Horst, auch wenn manche Bilder ganz schön hart gewesen seien. Die Itzehoer Krankenschwester und leidenschaftliche Tatort-Zuschauerin Janine Wilke konnte der Anblick nicht schocken: „Ich fand es super, dass er so viele Fotos mitgebracht hat.“

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