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Neue Selbsthilfegruppe in Itzehoe : Gegen Stalker hilft nur Aktivität

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ab Montag trifft sich eine neue Selbsthilfegruppe für Stalking-Opfer. Ihre Leiterin litt selbst unter der Verfolgung eines Verliebten.

Itzehoe | Die Polizei im Kreis Steinburg ermittelte 2016 in insgesamt 27 Fällen gegen Stalker. 21 Männer und 6 Frauen hatten ihre Opfer auf verschiedensten Wegen terrorisiert und trotz Ablehnung nicht in Ruhe gelassen. 26 Fälle konnte die Polizei aufklären. Das Problem: Die Dunkelziffer beim Thema Stalking ist mit Sicherheit weitaus höher, weil sich viele Menschen nicht trauen, ihr Problem öffentlich anzugehen. „Nach einer Studie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim werden fast zwölf Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal gestalkt“, sagt Merle Neufeld, Sprecherin der Polizeidirektion Itzehoe.

Fast 20.000 Strafverfahren hat es nach den jüngsten Zahlen für 2015 in Deutschland wegen Stalkings gegeben. Die Zahl der Verurteilungen aber lag weit darunter. Treffen kann es jeden. Menschen, die anderen ganz klar signalisieren, dass sie keinen Kontakt mehr wünschen. Und auch solche, die am Ende von Liebebeziehungen im Zwiespalt bleiben, Mitleid mit dem verlassenen Partner empfinden oder auch Schuldgefühle - und denen es schwerfällt, einfach zur Polizei zu gehen.

Für Betroffene im Kreis Steinburg gibt es jetzt eine weitere Hilfe: Montag startet die neue Selbsthilfegruppe „Stalking“ beim Itzehoer Selbsthilfetreff Kibis. Geleitet wird sie von der Steinburgerin Melanie Meier*. Sie litt selbst ein Dreivierteljahr lang unter einem Verehrer, der ihre Ablehnung nicht akzeptierte und begann sie zu stalken. Laut Polizei versuchen die Täter in solchen Fällen hartnäckig mit allen Mitteln eine Beziehung zum Opfer herzustellen, jegliche Ablehnung ignorieren sie.

„Bei uns gibt es keine vergleichbare Gruppe und das Thema ist extrem wichtig. Da wird zu wenig gemacht“, sagt Meier. Sie selbst fühlte sich zu Beginn des Stalkings hilflos und glaubt, dass viele Betroffene Angst haben, das Problem anzugehen, weil sie denken, sie würden in ihrem Umfeld nicht „für voll genommen“. Noch schwieriger sei es zudem für Menschen, die nur wenig Familie oder Freunde haben. „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich wollte mein Leben aber wieder selbst bestimmen und machen können, was ich will“, sagt Meier. Sie hatte keine Lust mehr, Freunde nur außerhalb ihres Zuhauses zu treffen, weil dort ihr eifersüchtiger Stalker lauerte und die Reifen von vor dem Haus stehenden Autos zerstach oder gegen diese urinierte.

Laut Meier gibt es nur eine Möglichkeit, einen Stalker loszuwerden: Man muss das Problem aktiv mit Hilfe von Dritten angehen und das „gnadenlos durchziehen“ – auch wenn das oft schwierig sei. Dritte bedeutet in diesem Zusammenhang Freunde, Familie, Nachbarn und die Polizei.

„Es gibt keinen anderen Weg, um diese Leute von der Backe zu kriegen. Man darf nicht auf die Idee kommen, mit ihnen zu reden, weil sie jede Aufmerksamkeit ins Positive ummünzen“, sagt Meier. Das heißt: Opfer sollten ihre Stalker so gut es geht ignorieren und sich nicht aktiv mit ihnen auseinandersetzen. Meier selbst hat immer wieder die Polizei gerufen und ihren Stalker angezeigt. Sie besorgte sich zudem Pfefferspray, änderte ihre Telefonnummer, informierte ihre Nachbarn und installierte Kameras am Haus. Aufnahmen, auf denen der Stalker zu sehen war, verschickte sie bei Whatsapp oder teilte sie bei Facebook, bis ihr halbes Heimatdorf Bescheid wusste. Als der Stalker sich selbst von einer einstweiligen Verfügung nicht von seinen Taten abbringen ließ und die gegen ihn verhängte Strafe nicht zahlte, kam er für 30 Tage in Haft. Seit dem Aufenthalt lässt er Meier in Ruhe. Die Strafen, die Gerichte für Stalking verhängen, hält sie für viel zu gering.

Meier möchte den Teilnehmern ihrer Gruppe helfen aktiv zu werden und nicht die Opferrolle einzunehmen. „Ich denke, der Bedarf ist da. Manche glauben auch, sie wären selbst Schuld, dass derjenige ihnen nachstellt, aber dem ist nicht so“, sagt sie. Auch ihr Stalker wird sich weiterhin mit dem Thema beschäftigen müssen: Gegen ihn laufen noch mehrere Anzeigen der Polizei, weil er unter anderem illegale Messer bei sich trug und Betretungsverbote ignorierte.

  • Am Montag, 15.Mai, findet um 19 Uhr das erste Treffen der Selbsthilfegruppe „Stalking“ beim Kibis in der Liliencronstraße 8 in Itzehoe statt. Dann wird eventuell ein neuer Treffzeitpunkt festgelegt. Mehr Infos direkt bei Kibis: 04821/600133 oder kibis-itzehoe.de

* Name von der Redaktion geändert, um die Betroffene zu schützen.

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erstellt am 13.Mai.2017 | 08:01 Uhr

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