Itzehoe : Gefühlt ein ganz normaler Job

Der Service ist sein Ding: Erik Johannsen bereitet in der Remise einen Tee zu.  Fotos: Ruff/Gravert
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Der Service ist sein Ding: Erik Johannsen bereitet in der Remise einen Tee zu. Fotos: Ruff/Gravert

Seit einem halben Jahr betreiben die Glückstädter Werkstätten das Feinkostgeschäft Remise in der Kirchenstraße.

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13. August 2018, 05:00 Uhr

Die Erklärung, warum er gern in der Remise arbeitet, fällt Axel Skowasch nicht schwer: „Es fühlt sich an, wie ein ganz normaler Job“, sagt der 35-Jährige und lächelt. Und auf den ersten Blick wirkt das Geschäft in der Kirchenstraße neben dem alten Katasteramt auch nicht ungewöhnlich. Ein stilvoll eingerichtetes Feinkostgeschäft für regionale Produkte mit Cafébetrieb und einigen Dekoartikeln in den Regalen – so stellt sich die Remise dem Besucher dar. Doch sie ist auch Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung, die es sonst auf dem Arbeitsmarkt schwer hätten.

„Mich würde auf dem regulären Arbeitsmarkt niemand nehmen“, sagt Skowasch. Zu groß seien seine gesundheitlichen Einschränkungen, zu gering seine Belastbarkeit, sagt er selbst. Er sei deshalb froh, in der Remise, die die Glückstädter Werkstätten Ende vergangenen Jahres eröffnet haben, eine Anstellung gefunden zu haben – in einem „geschützten Raum“, wie er sagt.

Früher habe er in einer klassischen Werkstatteinrichtung für Menschen mit Handicap gearbeitet, erzählt Skowasch. Dort habe er sich aber nicht wohl gefühlt. Über die Frage nach den Gründen, denkt er erstmal lange nach. „Man ist dort nur unter sich“, sagt er schließlich. In der Remise habe er dagegen ständig Kontakt zu den Kunden. Den schätzt auch Erik Johannsen an der Arbeit in der Kirchenstraße. Die Arbeit im Service und an der Kasse sei „sein Ding“, sagt der 27-jährige Itzehoer. Das Rüstzeug dafür hat er in einer Ausbildung bei einer Supermarktkette gelernt. „Zu stressig“ sei die Arbeit dort aber für ihn gewesen. In der Remise werde es gerade zur Mittagszeit zwar auch mal hektisch, die Arbeit mache aber trotzdem sehr viel Spaß.

Darüber, dass niemand überfordert und jeder nach seinen Fähigkeiten eingesetzt wird, wacht Benita von Sass-Hasselblatt. Sie hat das Projekt Remise von Anfang an mitgestaltet und leitet nun auch den laufenden Betrieb mit elf Mitarbeitern – mit und ohne Einschränkungen. „Familiär“ gehe es im Team zu, aber es gebe feste, klar strukturierte Rahmenbedingungen – beides sei sehr wichtig für die Mitarbeiter. Ebenso wie die Tatsache, dass sie an Entscheidungen beteiligt werden. „Wir besprechen gemeinsam, welche Produkte, wie bei den Kunden angekommen und wie wir sie präsentieren“, sagt Johannsen, der zu vielen Artikeln im Sortiment gleich eine kleine Geschichte erzählen kann.

„Unser Ziel ist es, die Mitarbeiter zunächst fit für den zweiten Arbeitsmarkt zu machen“, sagt von Sass-Hasselblatt. Damit ist die Beschäftigung in staatlich-geförderten Arbeitsverhältnissen gemeint. Es sei aber natürlich mehr als erwünscht, wenn Mitarbeiter mittelfristig auch den Sprung in die reguläre Beschäftigung schaffen.

Nicht überall sei das Projekt auf Begeisterung gestoßen, sagt von Sass-Hasselblatt. Geschäftsleute aus der Innenstadt befürchteten eine Konkurrenz, die durch die staatliche Finanzierung losgelöst von wirtschaftlichen Zwängen agieren könne. Dies sei aber nicht das Ziel. Vielmehr habe man bewusst geschaut, welche Angebote es in der Innenstadt bisher nicht gebe. Und Wirtschaftlichkeit spiele durchaus eine Rolle. „Wir wollen die Personalkosten selbst mit dem Geschäft erwirtschaften“, sagt von Sass-Hasselblatt. „Saisonal“ gelinge dies auch bereits.

Dass nicht nur ein Nebeneinander zwischen einer Einrichtung wie der Remise und anderen Geschäften in der Innenstadt möglich ist, zeigt die Kooperation mit der Bäckerei Frähmcke um die Ecke. Die backt eine bestimmte Sorte Brot speziell für den Verkauf in der Remise. Inhaber Jörg Frähmcke hat zwar durchaus Verständnis für Skepsis, aber „immer nur Jammern nützt ja nichts“. Die Remise, wie auch das ebenfalls von den Glückstädter Werkstätten betriebene Restaurant Himmel und Erde, würden ihre vorhandenen Wettbewerbsvorteile nicht über Gebühr ausspielen, sagt Frähmcke. Und die Inklusionsarbeit, die dort geleistet werde, sei wichtig und von ihr könnten künftig auch die Unternehmen profitieren. „Vielleicht können wir ja mal den einen oder anderen Mitarbeiter von dort übernehmen.“

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