Gedenken an einen Märtyrer

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08. Mai 2010, 09:18 Uhr

Süderhastedt | Gleich am ersten Morgen prügeln sie ihn, zwingen ihn, sich nackt auszuziehen und treiben ihn in einen kalten See. Sie sagen "Wir werden den Pastor schon ins Jenseits befördern." Und sie unternehmen nichts als der kranke 67-jährige Ewald Dittmann (Foto) aus Süderhastedt nur noch Blut und Schleim erbricht und schließlich am 20. April 1945 im Konzentrationslager Kiel-Russee stirbt - es ist Adolf Hitlers Geburtstag. Und sie, dass sind SS-Leute, die Dittmann zunächst in einem Massengrab verscharren.

"Ewald Dittmann wurde zum Märtyrer", sagt Pastor Alfred Sinn aus Süderhastedt, der morgen ab 14 Uhr in einem Gedenkgottesdienst an Dittmann erinnern will. Der Widerständler liegt seit 1958 auf dem Friedhof der Gemeinde begraben, für die er zwölf Jahre tätig war.

Aus seinem Hass gegen die Nazis macht Ewald Dittmann damals keinen Hehl. Als das Attentat auf Hitler im November 1939 misslingt, bedauert Dittmann das - und sagt es auch. Dabei bleibt der in Norderditmarschen geborene Pastor immer menschlich. Als vier SA-Leute betrunken von einem Begräbnis heimfahren und einer dabei bei einem Unfall ums Leben kommt, bekniet die Witwe den Pastor, ihren Mann zu beerdigen, obwohl der nicht in der Kirche war. Dittmann sagt zu, spricht auf dem Begräbnis aber auch an, dass der SA-Mann eine antikirchliche Haltung gehabt und dass die SA Gewalttaten verübt hat.

Im März 1945 wird er ins KZ gebracht, mit dem Argument, Flüchtlinge nicht aufnehmen zu wollen. Dabei wohnen schon viele Flüchtlinge im Pfarrhaus. "Den Machthabern war er schon lange vorher ein Dorn im Auge, weil Dittmann immer wieder deutlich machte, dass nur einer unserer Führer ist, nämlich Christus", sagt Alfred Sinn.

Anders als etwa Dietrich Bonhoeffer oder Bischof von Galen, betätigte Dittmann sich nicht politisch. Sinn: "Und dennoch hat er unerschrocken Zeugnis abgelegt vom Glauben, der in solchen Zeiten unweigerlich in eine Konfrontation mit dem Regime gerät."

Geboren in Neuenkirchen, besuchte Dittmann die Gymnasien in Kiel und Meldorf, studierte in Kiel und Berlin Theologie. Im Vikariat war er in Hademarschen, Flensburg und Neugamsbüll bei Niebüll. Im Ersten Weltkrieg an der Front verwundet, arbeitete später wieder in Nordfriesland bevor er 1933 nach Süderhastedt kam.

Das Gedenken an den Widerständler will Sinn wach halten. "Weil es auch in diesen Zeiten wichtig ist, Zivilcourage zu zeigen und auch mal den Mund aufzumachen, wenn man Ungerechtigkeiten erkennt." Nur so könne man verhindern, dass es wieder Zustände gebe, wie sie Pastor Dittmann vor über 65 Jahren erleben musste, und die ihn schließlich das Leben kosteten. Morgen wird ihm gedacht.

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