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Norddeutsche Rundschau

14. Dezember 2017 | 11:27 Uhr

G 8 – am echten Leben vorbeigelernt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eine kritische Auseinandersetzung mit Lehrplänen und mit dem Turbo-Abitur

shz.de von
erstellt am 12.Mär.2015 | 10:09 Uhr

Immer wieder hört man von Schülern den Satz „Und wofür brauchen wir das alles?“ Und auch ich frage mich immer wieder bei manchen Themen in der Schule, was man mit dem gerade gelernten später anfangen kann.

Bis zu einem gewissen Grad, kann ich den vom Land ausgewählten Unterrichtsstoff noch nachvollziehen. Doch wenn unsere Eltern, die schon Jahrzehnte im Berufsleben und am Alltag teilnehmen, noch nie etwas von Begriffen, wie Logarithmieren oder homologe, analoge und rudimentäre Organe gehört, geschweige denn es gebraucht haben, frage ich mich, warum wir solche Dinge lernen sollen.

Zur Rechtfertigung wird es als „Allgemeinwissen“ angepriesen und selbst die Lehrer, wissen oft auf die Frage, wofür man es denn später bräuchte, keine Antwort und greifen auf die Begründung „Es steht so im Lehrplan“ zurück.

Auch ein sehr beliebtes Argument der Pädagogen ist, dass „wenn man Beruf X studieren will, man dieses eventuell benötigt“. Doch, wenn man es im Studium für nur einen bestimmten Beruf oder einen Berufszweig braucht, suche ich erneut nach dem Sinn dahinter, dass es alle Schüler in frühen Jahren lernen sollen und wofür dann später das Studium ist, wenn man das erforderliche sowieso schon beherrscht.

Sicherlich ist nicht alles, was im Lehrplan steht, unnütz, denn natürlich braucht man Grundsätze in Bereichen, wie Grammatik, Mathematik und internationalen Sprachen und auch eine allgemeine Bildung in der weltweiten Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie und den anderen Fächern, die in der Schule angeboten werden, ist nicht zu missachten.

Allerdings, wenn man dann am Ende der Schulzeit keine Ahnung davon hat, wie man zum Beispiel eine Steuererklärung macht oder Verträge abschließt und kündigt, stattdessen aber eine Interpretation von Werken Goethes, Schillers oder Brechts in drei Sprachen verfassen und den Oberflächeninhalt eines trigonomischen Körpers – in Abhängigkeit der exponentiellen Zunahme um die Potenz der Form a1/n – berechnen kann, interessiert es mich schon sehr, was sich die Politiker bei Erstellung des Lehrplanes gedacht haben.

Denn niemand kann mir die schriftliche Erläuterung eines 300 Jahre alten Textes oder das Lösen von Aufgaben, die aussehen, wie aus einer Buchstabensuppe gefischt, als „Allgemeinbildung“ verkaufen.

Mindestens genauso unsinnig finde ich, die ständigen Diskussionen, der Politiker, über das Abitur in acht oder neun Jahren. Ich selbst war eine der ersten, die das in Schleswig-Holstein eingeführte G8, sprich das Abitur in acht Jahren, miterlebt hat. Doch anstatt ein voll ausgereiftes und durchdachtes Konzept vorzufinden, fühlte man sich eher wie ein Versuchskaninchen in einem Experiment, dessen genauer Verlauf und Ausgang ungewiss waren.

Dass das Gymnasium schwieriger als die Grundschule werden würde, war mir natürlich bewusst, aber dass der Unterschied so drastisch werden würde, hätte ich niemals vermutet. Statt jeden Tag bis höchstens 13 Uhr, hatten wir dort plötzlich bis teilweise 15.30 Uhr Unterricht - und der hatte es in sich.

Da die Lehrer scheinbar Angst hatten, dass wir durch das eine Jahr weniger etwas nicht schaffen könnten, beschlossen sie schon in der fünften Klasse mit dem „Speed-Lernen“ anzufangen. In jedem Fach rannte man förmlich von Thema zu Thema und kaum hatte man eines beendet, fing man auch schon mit dem nächsten an.

Für Dinge, wie Allgemeinbildung und Aktuelles hatte man da keine Zeit, was bedeutete, dass alles, was nicht im Lehrplan stand, man sich in seiner Freizeit anlesen musste, die man dann nach der Schule und gemachten Hausaufgaben ab so zirka 18 Uhr abends hatte.

Auch was Freunde und Hobbys anging, musste man große Abstriche machen, da man schlichtweg keine Zeit für außerschulische Aktivitäten hatte. Da war es dann auch kein Wunder, dass jedes Jahr immer mehr Kinder die Schule wechselten und auf Real- oder Gemeinschaftsschulen gingen. Auch ich habe nach zehn Jahren kapituliert und habe meinen Weg auf dem Gymnasium abgebrochen, zwar nicht ausschließlich wegen G8, doch mit Sicherheit war das ein sehr wichtiger Faktor, für meine Entscheidung.

Doch nicht nur wir Schüler wurden total unvorbereitet ins kalte Wasser gestoßen, auch die Schulen hatten anfangs große Schwierigkeiten damit, sich auf die andere Lehrstoffverteilung umzustellen. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis das ganze Schulinventar vollständig angepasst und wir die für G8 vorgesehenen Lehrmittel bekommen hatten. Mehr als einmal saßen wir vor den alten, kurz vor dem kompletten Zerfall stehenden Büchern der alten G9- Klassen, weil unsere noch nicht da waren.

Auch die Verteilung des Stoffes und das Tempo, in dem unterrichtet wurde, waren vor allem in den ersten Jahren besonders schwer und obwohl es hieß, dass wir keine bis kaum Hausaufgaben aufbekommen sollten, saß man am Wochenende nicht nur einmal die gesamten zweieinhalb Tage vor seinem Schreibtisch und hat gebüffelt.

Sowohl wir Schüler und auch die Lehrer fanden die Umstellung von neun auf acht Jahren mehr als sinnlos und immer wieder fragte man sich, was sich die Politiker bei dieser Schnapsidee gedacht haben.

Als dann vor ein paar Wochen beschlossen wurde, wieder alles zu ändern und doch das G  9 festzulegen, gerade als alles sich eingependelt und noch nicht mal der erste G  8-Jahrgang die Schule abgeschlossen hat, konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. Manchmal frage ich mich wirklich, ob die Politiker ihre Entscheidungen auswürfeln oder was sie sonst dazu veranlasst, solche unüberlegten Entscheidungen zu treffen.

Also, bevor sich die Politiker darüber streiten, ob man acht oder neun Jahre für das Abitur hat und ihre Meinung bei jedem Wimpernschlag ändern, sollten sie sich vielleicht lieber mit dem Verfassen eines neuen Lehrplanes beschäftigen, der die Prioritäten, die man für den späteren Alltag benötigt, enthält, anstatt Dinge lehren zu lassen, die die Schüler nach nur wenigen Jahren wieder vollständig vergessen haben.

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