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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 11:39 Uhr

Kernernergie : Friedlicher Protest

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kundgebung vor dem Haupttor des Kernkraftwerks Brokdorf: Rund 80 Teilnehmer aus ganz Norddeutschland machen Stimmung gegen das Wiederanfahren des Meilers und fordern ein endgültiges Abschalten.

Wenn Karsten Hinrichsen Erdbeermarmelade kocht, achtet er peinlich genau darauf, dass keine vergammelte Frucht im Topf die gesamte Produktion des süßen Brotaufstrichs zunichte macht. Mit diesem schlichten Beispiel umschrieb der Brokdorfer Atomkraftgegner die Tücke bei der Wiederverwendung problematischer Brennelemente im Kernkraftwerk Brokdorf. Seine klare Forderung: Wie schlechte Erdbeeren müssten zur Oxidation neigende Brennstäbe ausgetauscht werden, bevor der Meiler wieder ans Netz geht. Gemeinsam mit anderen Organisationen hatte „Brokdorf akut“ am Sonnabend zu einer spontanen Kundgebung vor dem Haupttor des Kraftwerks aufgerufen. Trotz widriger Witterung waren rund 80 Teilnehmer aus ganz Norddeutschland gekommen. Bei der knapp einstündigen Protestveranstaltung herrschte fast schon familiäre Atmosphäre. Viele Teilnehmer kennen sich von früheren Begegnungen. Die Polizei war lediglich mit einem Streifenwagen der Station Wilster präsent. Am Ende bedankte sich Hinrichsen sogar noch bei den freundlichen Mitarbeitern des Wachpersonals.

Bei aller friedlichen Grundstimmung: In der Sache war es den Protestlern sehr ernst. Immer wieder skandierten die Teilnehmer: „Abschalten!“ Warum die Anlage nach einer Zwangspause seit Februar ganz im Gegenteil sogar wieder ans Netz geht, dafür lieferte als einer der Kundgebungsredner Stephan Klose eine Begründung: „Man beugt sich dem Druck des Geldes.“ Immerhin koste jeder Tag Stillstand den Betreiber Preußen Elektra rund eine Million Euro. Wie für Hinrichsen ist auch für Klose das Wiederanfahren ein Unding. Er verglich es mit einem 35 Jahre alten Oldtimer, den man ja auch nicht unter Volllast aus dem Norden Deutschlands bis nach Sizilien durchfahren lasse. Mindestforderung der Atomkraftgegner: Statt der von Umweltminister Robert Habeck und der Kieler Atomaufsicht verhängten Drosselung der Anlage auf höchstens 95 Prozent der möglichen Leistung müsse es eine Reduzierung um mindestens 20 Prozent geben.

Für Wasser auf die Mühlen der Kundgebungsteilnehmer sorgte der heimische Grünen-Landtagsabgeordnete Bernd Voss. Er räumte ein, dass die Ursachen für die Ablagerungen an einigen Brennstäben „nicht restlos geklärt sind“. Von den Atomkraftgegnern, so machte Voss aber deutlich, erwarte er eigentlich eine kompromisslose Linie. In der Kieler Landespolitik hingegen habe man es nicht auf eine Klage ankommen lassen können. Deshalb sei man froh, wenigstens die Fünf-Prozent-Regelung festgeschrieben zu haben. Viele Zuhörer überzeugte das nicht: „Lasst sie doch klagen“, so ein Zwischenrufer. Und der frühere Oelixdorfer Olaf Wilke meinte enttäuscht: „Wir spielen hier doch eine Art russisches Roulette.“ Er forderte von den Grünen eine insgesamt konsequentere Linie. Die kommt hingegen von den Linken. Landessprecherin Marianne Kolter sprach von einem Verstoß der Landesregierung „gegen die Pflicht, die Interessen der Bevölkerung zu schützen“. Völlig unverständlich ist für sie, dass die Atomaufsicht nicht auf einer Überprüfung möglicher Rostschichtdicken alle sechs Monate bestehe. Das soll erst im Rahmen der nächsten Revision im April 2018 geschehen. Abschließend meinte sie: „Tatsächliche Sicherheit kann nur erreicht werden, wenn Brokdorf sofort und endgültig stillgelegt wird.“ In diesem Sinne stimmten die Teilnehmer zur Melodie von „Bruder Jacob...“ den Refrain „Kernkraft Ende...“ an.

Geht es nach Bernd Voss, dürfte in Brokdorf noch öfter protestiert werden. „Wir müssen immer wieder losmarschieren“, stellte er fest. Seine Begründung: „Zwischenlager dürfen nicht zum Endlager werden.“ Auf den laufenden Betrieb dürfte das zunächst keinen Einfluss haben. Laut Preußen Elektra soll Brokdorf heute wieder am Netz sein – vorbehaltlich einer abschließenden Zustimmung durch die Genehmigungsbehörde.

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erstellt am 31.Jul.2017 | 05:21 Uhr

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